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Neu im Kino: Mit dem Silberstreif der Verrücktheit

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Tiffany (Jennifer Lawrence) und Pat (Bradley Cooper) drehen in „Silver Linings" gemeinsam durch. Foto: dpa
In der hinreißenden Komödie „Silver Linings“ erzählt Regisseur David O. Russell die Geschichte zweier Menschen die ihre Partner verloren haben und durchdrehen. In ihrer Verrücktheit finden die beiden zueinander.  Von
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Nach einem englischen Sprichwort hat jede Wolke auch etwas Gutes, nämlich einen schönen Silberrand. Vielleicht kann man das halbe Hollywoodkino mit dieser optimistischen Redensart erklären: Seine Vorliebe für happy endings, aber auch sein beharrliches Interesse an den Sorgen der einfachen Leute und den Wolken, die sie vor sich hertragen.

In David O. Russells ernster Komödie „Silver Linings“ spielt Bradley Cooper („Hangover“) den ehemaligen Lehrer Pat, der nach einem Psychiatrie-Aufenthalt zurück zu seinen Eltern zieht. Haus, Job und Frau hat er verloren, wenigstens letztere will er nun zurückgewinnen. Aus mangelnder Einsicht über die Trennung war er zum Stalker geworden und hatte ihren neuen Freund verprügelt. Doch auch nach erfolgreicher Therapie liebt er sie noch immer und möchte sich ihr im Guten nähern. Niemand in seinem Umfeld hält das für eine richtig gute Idee. Aber man weiß ja nie, einen Silberstreif gibt es schließlich immer.

Vermitteln möchte dabei die psychisch ebenfalls labile Nachbarin Tiffany (Jennifer Lawrence), die das geübte Kinoauge gleich für die viel bessere Wahl hielte. Aber auch wenn sich hier Pott und Deckel in genauer Passform träfen, und auch, wenn es zwischen ihnen hörbar knistert, ist Pat blind für ihre Avancen. Das muss er auch zunächst einmal sein, denn erst muss er sein bisheriges Leben wirklich in den Griff bekommen.

David O. Russell hat den idealen Ausgangspunkt für eine Komödie entdeckt: Ein Paar ist offensichtlich füreinander bestimmt, kann aber nicht zueinander kommen. Dass sich das größte Hindernis im Kopf des jungen Mannes befindet, macht die Sache nicht einfacher.

In der schönsten Szene des Films treffen sich Pat und Tiffany zufällig beim Joggen. Sie heftet sich an seine Fersen, er fühlt sich verfolgt. Sie erklärt trotzig, das sei schließlich ihre Nachbarschaft, da könne sie joggen, wo sie wolle. Da ist also ein junger Mann in der Lebenskrise, verfolgt von einer attraktiven, liebenswerten Frau, deren einziger Makel darin besteht, nur halb so verrückt zu sein wie er selbst. Und er nimmt wie ein Hasenfuß die Beine in die Hand.

„Silver Linings“ mag eine Komödie sein, aber ebenso sehr ist es ein Psychodrama von höchster Präzision. Auch wenn die eigentlichen Exzesse in Pats Leben lange zurückliegen, kann man sich sein zwanghaftes Verhalten nur zu gut vorstellen. Offensichtlich hat er die Neigung von seinem Vater geerbt, den Robert De Niro hinreißend verkörpert.

Der ist ein passionierter Football-Fan, darf aber das Stadion seines geliebten Teams, den Philadelphia Eagles, wegen gewalttätigen Verhaltens nicht mehr betreten. Nun muss er vor dem Fernseher mitfiebern und ist davon überzeugt, dass der Segen der Mannschaft von seinem persönlichen Aberglauben abhängt.

Ein bisschen Spleen ist niedlich, aber handfeste Neurosen sind es keineswegs. Die Qualität von „Silver Linings“ besteht darin, dass David O. Russell nicht einfach Woody-Allen-Pointen aneinanderreiht und die Neurosen blühen lässt, damit wir herzlich darüber lachen. Nie blendet er den Ernst einer, wenn auch leidlich überwundenen, psychischen Erkrankung aus. Und das ist dann wohl der eigentliche Silberstreif des Filmtitels: Dass es eben doch gelingen kann, sich in psychischen Krisen am eigenen Schopf aus dem Sumpf zu ziehen - und was die Geduld von Freunden und Familienmitgliedern dabei erreichen kann.

Wer David O. Russell einmal kennenlernte, den Regisseur und Autor von „Three Kings“, „I Heart Huckabees“ und „The Fighter“, weiß, dass ihm keine menschliche Macke fremd ist, ja dass er geradezu nach den verborgenen Wahrheiten innerhalb der Verrücktheit sucht. Wohl deshalb wirkt der Humor, den er dabei entwickelt, so wenig äußerlich. Man identifiziert sich derart mit seinen kaputten Typen, dass man gleichsam über sich selbst zu lachen glaubt. Wer hat schon alle Tassen im Schrank?

„Ich war selbst in Therapie“, sagt er im Gespräch, „und es war so absurd. Aber das ist das Leben ja auch. Sehen Sie, ich vertraue Ihnen jetzt an, dass es in diesem Raum zehn Dimensionen gibt. Erleben können wir aber nur vier. Die anderen sind noch nicht entdeckt.“
Das amerikanische Kino sei dagegen gefangen in seinem psychologischen Realismus: „Figuren leben in einer nihilistischen Landschaft, weil wir so tun, als gäbe es nichts außerhalb der Psychologie. Ich will die Welt zeigen wie bei René Magritte.“ Es ist ein weiter Weg von Russells surrealistischer Farce aus dem Irakkrieg, „Three Kings“, zu dieser Liebesgeschichte aus einer amerikanischen Vorortsiedlung.

In klassischer Hollywood-Manier erzählt der Film von einer Annäherung zwischen Vater und Sohn - ohne dabei jedoch die Konventionen zu streifen. Hier geht es nicht um enttäuschte Erwartungen zwischen den Generationen, sondern um die späte Erkenntnis, dass man gerade in der Verrücktheit zusammenfindet. Eine zweite, auf den ersten Blick ebenso klassische Nebengeschichte handelt von einem Tanzwettbewerb, aber auch diese entfernt sich gänzlich von den Erwartungen an übliche Erfolgsgeschichten. „Silver Linings“ ist ein Plädoyer für das befreiende Gefühl zu erkennen, mit seiner Verrücktheit nicht allein zu sein.

lit.Cologne
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