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Neu im Kino: Sextourismus im „Paradies“

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Teresa (Margarete Tiesel) beim Gang ins Paradies Foto: Verleih
Der Auftakt von Ulrich Seidls „Paradies“-Trilogie feiert am 3. Januar Deutschlandpremiere in Köln. In „Paradies Liebe“ versucht die übergewichtige, unscheinbare Teresa ihre unstillbare Sehnsucht als Sextouristin in Afrika endlich zu stillen.  Von
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Urlaube kann man auf höchst unterschiedliche Weise verbringen. Zum Beispiel als Sextouristin in Afrika. Oder mit einer Wander-Madonna unterm Arm als Freizeit-Missionarin in Wien. Oder in einer Abmagerungsklinik. In Ulrich Seidls „Paradies“-Trilogie formieren sich diese drei Möglichkeiten zum Triptychon: „Liebe“, „Glaube“, „Hoffnung“ sind Fluchten aus dem Alltag, mit deren Hilfe sich die Protagonistinnen für drei Wochen neu zu erfinden hoffen. Mit niederschmetterndem Ergebnis.

„Paradies: Liebe“ und „Paradies: Glaube“ hat der österreichische Regisseur bereits auf den Festivals in Cannes und Venedig vorgestellt – es folgt auf der Berlinale „Paradies: Hoffnung“. Die Unbedingtheit, mit der Seidl seine Frauenfiguren mit sich selbst und ihren Abgründen konfrontiert, macht ihm nicht nur Freunde. Nach der Vorführung von „Glaube“ am Lido erhoben konservative italienische Katholiken Klage, weil sie sich in ihrem religiösen Empfinden verletzt fühlten. Trotzdem gewann er einen Preis.

Nun kommt der Auftakt der Trilogie, „Paradies: Liebe“, regulär ins Kino, und man muss kein Prophet sein, um vorherzusagen, dass er ebenfalls kontroverse Reaktionen heraufbeschwören wird. Steht im Mittelpunkt doch eine Frau, die so gar nicht wie eine sexlüsterne Männer-Vernascherin auf Kenia-Trip wirkt: Zu Beginn des Films begegnen wir Teresa (Margarete Tiesel) in ihrem heimischen Umfeld in Wien, eine Frau in schon vorangeschrittenem Alter, ziemlich beleibt und in einem tristen Beruf bei einem Autoscooter-Betreiber gefangen. Am letzten Arbeitstag vor ihrem Urlaub verabschiedet sie sich leise.

Eine unstillbare Sehnsucht

Wer „Paradies: Glaube“ bereits gesehen hat, erkennt die dann folgenden Schauplätze und Personen sofort: Die S-Bahn-Station in einem verschlafenen Wiener Vorort; das kasernenhafte Haus der bigotten Anna Maria, der Hauptfigur im folgenden zweiten Teil der Trilogie, bei der Teresa nun für die Zeit ihrer Abwesenheit Katze und Tochter abgibt; und eben die Tochter, die sich im letzten Teil von Seidls ebenso stillem wie grimmigem Sittenpanorama, „Paradies: Hoffnung“, einer Abmagerungskur unterziehen wird. Man trinkt noch eine Tasse Kaffee, isst ein Stück Kuchen, schweigend, ritualhaft, wie leer im Kopf. Dann reist Teresa ab ins Paradies.

So verzahnt Seidl die Teile seiner Trilogie und fächert gleichzeitig deren Facetten auf. Religiöser Wahn, Schönheitsideale, Liebesbedürfnis – allen drei Frauen ist gemeinsam, dass eine unstillbare Sehnsucht nach ihnen greift, die jede von ihnen auf jeweils anderen Wegen dann doch zu stillen versucht. Teresa glaubt an die Liebe, und vor allem glaubt sie, die Liebe bei jenen Männern zu finden, die ihr am Strand vor dem Hotel ihre Körper anbieten. Genau diese Mischung aus Naivität, sexuellem Bedürfnis und Illusion sorgt dafür, dass Teresa weder lächerlich noch verwerflich wirkt, sondern in letzter Konsequenz tragisch.

Wer beutet hier überhaupt wen aus? Teresa die Körper der Männer oder die Männer Teresas Portemonnaie? Seidl zeigt eine Abhängigkeit, die wechselseitig ist, ein Tauschgeschäft, bei dem Sex, Gefühle und europäisches Geld gehandelt werden. Das eine ist Balsam fürs ruinierte Selbstbewusstsein, das andere ernährt ganze Familien.

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Bisher, etwa in Michel Houellebecqs „Plattform“, wurde dieses Geschäft mit klarer Rollenverteilung betrieben: Die Herren der reichen Schöpfung nahmen sich, was ihnen bei den Frauen aus den armen Ländern gefiel – und bezahlten. Dass Seidl dieses Verhältnis in „Paradies: Liebe“ umkehrt, ist nicht allein mutig, sondern entspricht wohl auch einer Wirklichkeit, die er in seinem Film bis in schrille Auswüchse hinein durchdekliniert. Wenn Teresa und ihre Urlaubsfreundin einem einheimischen Barkeeper österreichische Dialektausdrücke beibringen wollen, oder wenn sich gleich ein ganzes Quartett von „Sugarmamas“ an Teresas Geburtstag über einen Beach Boy hermacht, dann wirkt das in all seiner Unbeholfenheit zunächst fast lustig. Doch Seidl kennt keine Gnade. Immer wieder treibt er seine Szenen so weit voran, bis befremdetes Kopfschütteln blankem Entsetzen angesichts dieses Gemischs aus überreiztem Jungmädchen-Getue, Rassismus und Sexismus weicht. An dieser Stelle kommt der Dokumentarfilmer in Seidl zum Vorschein: Niemals den Blick abwenden, wenn es unerträglich wird.

Nicht laut genug kann man den Anteil rühmen, den die Schauspielerin Margarete Tiesel an der Wucht des Films hat. Sie wirft sich mit einer Wut und Zärtlichkeit, mit einer Kraft und Verletzlichkeit in diese Rolle, die Teresa eine ungeheuer wahrhaftige Präsenz verleihen. Hier ist eine Darstellerin von dem Wunsch getrieben und beseelt, ihren Charakter zu durchdringen. Nicht zuletzt geht es in „Paradies: Liebe“ auch um Scham – was geschieht, wenn man sie verliert, was, wenn sie einen wieder überfällt? Bis in die Nacktheit, bis in die Selbstentblößung hinein geht Margarete Tiesel dieser Frage unerbittlich nach.

Der Autor moderiert die Deutschland-Premiere von „Paradies: Liebe“ am 3. Januar um 20 Uhr im „Off Broadway“ in Köln. Ulrich Seidl und Margarete Tiesel sind anwesend.

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