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Neue Musik: Geschichte wird geschrieben

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Weltkugel
Musiktheater für alle Sinne: Die Weltkugel schwebt über den Elementen, aus denen sie entstanden ist. (Bild: Lefebvre)
Köln. 

Endlich! Die Oper Köln hat wieder Musikgeschichte geschrieben. 46 Jahre nach der Uraufführung von Bernd Alois Zimmermanns Totaltheater „Die Soldaten“ erschuf sie im Jahr 763 nach Grundsteinlegung des Kölner Doms auf der gegenüberliegenden Rheinseite im Staatenhaus der Kölner Messe eine ganz eigene Art tönender „Licht“-Gotik: Karlheinz Stockhausens „Sonntag“. Die finale Krönung des gigantomanischen Opernzyklus „Licht“ über die sieben Wochentage ist ein einziger Hymnus auf den großen Schöpfergott – und eine Herkulesaufgabe für alle Beteiligten.

Den Gipfelpunkt erreicht dieses Mysterienspiel in der fünften und letzten Szene „Hoch-Zeiten“. In einem Saal spielen fünf Orchestergruppen gleichzeitig in fünf verschiedenen Tempi. Parallel dazu singen in einem zweiten Saal fünf Chorgruppen in verschiedenen Sprachen. Koordiniert werden sie von jeweils fünf Dirigenten. Und an sieben Stellen gibt es Überblendungen der Musik von hier nach dort und umgekehrt. So bewegen sich alle Ensembles eigenständig und doch zugleich als Teile eines großen Ganzen, in dem wie sämtliche Streben und Pfeiler einer Kathedrale alles mit allem verbunden ist. Dieser polyphonen Utopie einer versöhnten Menschheit leihen die von Peter Rundel bestens einstudierten Musiker der musikFabrik ihre Stimmen, in fünf Farben getaucht und auf Stühlen im Wasser sitzend wie die fünf Kontinente inmitten der Weltmeere.

Während sich die Videos zur Orchesterfassung in Selbstbezüglichkeit erschöpfen, da sie nur die ohnehin gerade spielenden Soloinstrumente zeigen, verwandelt Regisseur Carlus Padrissa mit seiner Theatergruppe La Fura dels Baus zur Chorfassung den kreisrunden zweiten Saal zur Zirkusmanege für ein überwältigendes Simultantheater. Der WDR-Rundfunkchor stimmt hier nur per Lautsprecherwiedergabe einer früheren Einspielung sein wohltönend konsonantes Hohelied auf Liebe, Engel, Gottheiten und alle Wunder der Welt an. Dazu agieren Tänzer und Pantomimen (Choreografie: Athol Farmer) wie in Geschichten aus „Tausendundeiner Nacht“ in fünf Gruppen: Eine Schlussrevue in Indisch, Chinesisch, Arabisch, Europäisch und Afrikanisch. Das Publikum spaziert frei durch das bunte Fest der Völker und Erdteile. Dreht man sich in Europa auf dem Absatz um, landet man staunend im Orient oder in Asien. Schöner lässt sich solche Manifestation der „Einen Welt“ nicht erleben. Die vierte Szene „Düfte-Zeichen“ besingt alle Düfte, Farben und Formen der Zeichen der sieben Wochentage.

Die Kombinationen der Luzifer-, Michaels- und Eva-Zeichen erscheinen als riesige Feuersymbole oder Leuchtschriften auf wabernden Nebel- und Regenwänden. Das ist eindrucksvolles Effekttheater und zugleich esoterisches Sektierertum, weil alle Worte und Zeichen nur hermetisch auf sich selbst verweisen, wodurch sie letztlich bedeutungslos werden. Zugleich werden die salbungsvollen Anbetungsworte von schnoddrigem Umgangston durchkreuzt: „Leute, heut gibt“s was zu riechen.“ Und den Heiligenbildern der Lichtgestalten kontrastiert die pralle Körperlichkeit kraftvoll im Wasser sich wälzender Tänzer. Ebenso will es Stockhausens feiertägliche Vereinigung von Himmel und Erde. Das Publikum dankte mit einhellig jubelndem Applaus.

Am Schluss erscheint der strahlende Held Michael als junger Knabe. In ihm fallen Ende und Anfang des großen Welttheaters zusammen. Der Wochenkreis hat sich geschlossen – und für den nächsten Zyklus geöffnet. Gemäß Stockhausens Lebensmotto „Furchtlos weiter!“ harrt nun noch die Oper „Mittwoch“ ihrer szenischen Gesamturaufführung.

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