24.07.2016
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Neues Album: David Bowie sendet Nachrichten von einem dunklen Stern

David Bowie als Prophet: Szene aus dem verstörenden Video zur Single „Blackstar“

David Bowie als Prophet: Szene aus dem verstörenden Video zur Single „Blackstar“

Foto:

Sony

Wie man völlig verschwinden kann – das zu verraten versprach die britische Band Radiohead Anfang des Jahrtausends in einem Songtitel. Das Stück hält sich mit konkreten Anweisungen bedeckt. Aber David Bowie, der alte Hexer, scheint ein Rezept gefunden zu haben. „Ich bin ein schwarzer Stern“, intoniert er im Titelstück seines neuen Albums, das anstelle eines Namens nur ein Piktogramm trägt: „★“. Was er nicht ist, oder nicht länger sein möchte, singt er auch: kein Popstar, kein Filmstar, kein flüchtiges Wunder.

Bowie hatte die schrecklichen Nuller Jahre zum ganz großen Verschwindezauber genutzt. Sich von der Bühne, aus dem Studio und schließlich völlig aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Dafür gab es alltagsweltliche Gründe: Die Geburt seiner Tochter, ein Herzinfarkt während eines Auftritts auf dem niedersächsischen Hurricane-Festival.

Aber natürlich zählt bei dem Mann, der zur Erde gefallen ist, zuvörderst die künstlerisch-metaphysische Dimension: Während sich wildfremde Menschen Freundschaftsanfragen zuschickten und einst unnahbare Stars das Gezwitscher ihrer Fans retweeteten, entfleuchte Bowie den immer engmaschigeren Sozialen Netzen.

Wiederkunft des Pop-Heilands

Zwar stand sein Ruf als Groß-Wesir der 1970er Jahre schon damals unerschütterlich fest, aber sein Herrschaftsgebiet beschränkte sich eben auf dieses eine Jahrzehnt. Die späteren Alben waren verquast bis okay, aber eben nie mehr. Doch als der lange Vermisste an seinem 66. Geburtstag am 8. Januar 2013 ohne vorherige Ankündigung den wehmütigen Track „Where Are We Now?“ veröffentlichte – eine Rückschau auf seine kurze, sagenumwobenen Zeit in West-Berlin – wirkte das wie die Wiederkunft des Pop-Heilands.

In seiner Abwesenheit war Bowie zur mythischen Stimme aufgestiegen. Dass sein folgendes Album aus teilweise exzellenten, jedoch kaum überraschenden Rocksongs bestand, wurde dann schlicht durchgewunken. Allein: Noch mal käme er mit diesem Bühnentrick nicht durch.

Weshalb sich der große Illusionist auf „★“ in eine erloschene Sonne verwandelt hat. Nicht länger der helle Stern, der uns mit greller Gegenwart blendet. Eher schon das Schwarze Loch, das uns unwiderstehlich über seinen Ereignishorizont hinwegzieht. Falls man, um den letzten wirklich erschütternden Bowie-Song zu zitieren, die seltsamsten Dinge glaubt und das Fremdartige liebt.

Tony Visconti ist erneut Produzent

Als sich David Bowie und sein treuester Mitstreiter Tony Visconti – er hat für „★“ erneut die Produktion übernommen – in den späten 1960er Jahren kennenlernten, schwärmten sie von den Klanggemälden des Jazz-Arrangeurs und Big-Band-Leaders Gil Evans. Mit dessen Schülerin Maria Schneider (und deren Big Band) nahm Bowie im Herbst 2014 zwei treibende aber entschieden unrockige Stücke namens „Sue (Or In A Season Of Crime)“ und „’Tis A Pity She Was A Whore“ auf (letzterer Titel zitiert John Fords berüchtigte Inzest-Tragödie aus dem Jahr 1633).

Maria Schneider wiederum verwies Bowie auf einen ihrer ehemaligen Schüler, den Saxofonisten Donny McCaslin. Mit dessen Quartett Bowie nun den größten Teil von „★“ eingespielt hat. Das freilich kein Jazz-Album geworden ist, und auch nicht der große Freak-out, den manche Ersthörer uns angedroht haben.

Eher schon ein Schmelztiegel aller avantgardistischeren Elemente eines fast 50 Jahre umspannenden Werkes: die instrumentale Seite von „Low“, der Krautrock-Orientalismus von „Lodger“, Mike Garsons Free-Jazz-Klaviersolo auf „Aladdin Sane“. Gepaart mit Breakbeats, die oft an Radioheads nervöses Spätwerk erinnern.

„Lazarus“ als aufrüttelnde Breitwand-Ballade

„Blackstar“, der Song, ist mit seinen kaum zu vereinbarenden Sektionen, seinen Tod, Teufel und kultische Messen beschwörenden Zeilen das perfekte Gegenstück zum 40 Jahre älteren, ebenfalls zehn Minuten füllenden Stück „Station To Station“. In „Girl Loves Me“ vermischt Bowie den Gaukler- und Schwulen-Argot Polari mit dem Nadsat-Slang aus Anthony Burgess’ „Uhrwerk Orange“ – Geheimsprachen, mit denen er schon in den 70ern Songs und Interviews gewürzt hatte.

Die neuen, muskulöseren Versionen von „’Tis A Pity“ und „Sue“ wiederum erinnern an die schnelleren Songs auf seinem dystopischen Fiebertraum „Outside“, nur dass hier nicht die elektronische Überproduktion lärmt, sondern ekstatische Saxofonduelle und federnde Tomtoms.

Am Ende von „Lazarus“ steigert sich McCaslin gar in Coltrane’sche Klangsplitter. Das Fundament dafür könnte allerdings solider nicht sein, es ist Bowies aufrüttelndste Breitwand-Ballade seit einer halben Ewigkeit. Ob sie schönen oder schrecklichen Inhalts ist, hängt davon ab, ob der Sänger hier in seiner Alien-Rolle als Thomas Jerome Newton spricht – am Ende von Nicolas Roegs Film war der vor Bildschirmwänden gestrandet, in „Lazarus“ wird er in New York City wieder flügge.

Oder ob sich Bowie selbst als Lazarus beschreibt, als lebenden Toten, der alles gesehen, alles erlebt hat. Die Grenze zwischen Zombie und Wiederauferstandenem verläuft fließend.

„I Can’t Give Everything Away“, gesteht Bowie zum elegischen Schluss. Dann verstummt der Hexer. Nach sieben Songs und 42 Minuten hat er genug gegeben. Schillernder kann er nicht scheitern.