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Party-König Jürgen Drews: „Ich habe Schlager immer gehasst“

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Jürgen Drews in Aktion. Foto: dpa
Silvester wird Jürgen Drews ohne seine Familie verbringen, der Auftritt vor dem Brandenburger Tor geht vor. Im Interview spricht der Sänger über sein Leben als ewige Spaß-Ikone, und seine Abneigung gegen Schlager.  Von
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Jürgen Drews trägt einen schneeweißen Anzug, das grau melierte Haar ist frisch geföhnt, an seinem linken Ringfinger blitzt ein goldener Ring mit drei kleinen Diamanten. Der „König von Mallorca“ ist an diesem Nachmittag Stargast einer Benefizveranstaltung in Castrop-Rauxel. Der Erlös soll Kinder- und Jugendeinrichtungen zugutekommen.

Ein Pulk weiblicher Fans, alle längst jenseits der 40, bettelt um Autogramme. Drews ist heute besser im Geschäft denn je. Für seine aktuelle Single „Ich bau dir ein Schloss“ hat der 67-Jährige zuletzt eine Goldene Schallplatte bekommen. Als „Onkel Jürgen“ und „König von Mallorca“ füllt der Mann, der vom Feuilleton bestenfalls als Trash-Ikone wahrgenommen wird, die Großraum-Discotheken oder gibt bei Baumarkt-Eröffnungen den ewig jungen Party-Helden. In dieser Rolle war er an Silvester besonders gefragt – früher durften die Schallplatten der „Les Humphries Singers“ auf keiner Party zum Jahresende fehlen. Mittlerweile gibt Jürgen Drews zum Jahresausklang das Feier-Biest – mal im Kurhaus von Bad Harzburg oder wie jetzt, wieder einmal, am Brandenburger Tor.

Noch ist er in Castrop-Rauxel: Drews nimmt mich am Arm und schiebt mich energisch Richtung Ausgang. „Lass uns rausgehen. Hier versteht man ja sein eigenes Wort nicht.“ Er ist per Du, so als würden wir uns schon seit Jahren kennen. Und lässt sich auch nicht dadurch irritieren, dass ich ihn weiter konsequent sieze.

Zur Person
Jürgen Drews
Foto: dpa

Jürgen Drews , am 2. April 1945 in Nauen geboren, studierte nach dem Abitur vier Semester Medizin. In den 70ern stieg er bei den „Les Humphries Singers“ ein, startete parallel eine Solokarriere. In den 90ern gelang ihm ein Comeback mit einer Neuaufnahme seines Hits „Ein Bett im Kornfeld“. Heute füllt er die Discos von Mallorca, wo er auch einen Bistro betreibt.

Herr Drews, was macht eine Party-Ikone wie Sie an Silvester?

Jürgen Drews: Eigentlich wollte ich mit meiner Familie im Hotel „Stanglwirt“ in Österreich Silvester feiern. Da fahre ich schon seit 25 Jahren hin. Auf diese Weise entgeht man dem ganzen Silvestertrubel zu Hause. Aber diesmal muss ich kurz vorher dort abreisen, weil ich an Silvester wieder einmal vor dem Brandenburger Tor stehen und einige Lieder zum Besten geben werde. Unsere Tochter hat sich vehement dagegen gewehrt mitzukommen. Also bleibt sie mit meiner Frau in Österreich, und ich fliege zu meinem Auftritt nach Berlin.

Ist das nicht deprimierend, Silvester ohne die Familie zu feiern?

Drews: Ich bedauere sehr, dass ich an dem Tag nicht mit meiner Familie zusammen bin. Auf der anderen Seite ist ein solcher Auftritt natürlich toll. Ich bin schon ein paar Mal vor dem Brandenburger Tor aufgetreten. Es ist einfach eine Wahnsinnsstimmung.

Sie sind jetzt 67. Vor 20 Jahren hätte man einen Sänger in Ihrem Alter in der Disco ausgebuht. Wieso sind Sie gerade beim jungen Publikum wieder angesagt?

Drews: Der Drews hat halt einen hohen Coolheits-Faktor. Du kannst dir nicht vorstellen, was los ist, wenn ich nachts um zwei in der Mega-Arena auf Mallorca auftrete. 3000 Leute und fast nur Jugendliche. Alles brüllt, es ist wie bei einem Rockkonzert.

Aber Sie sind kein Rockstar. Sie singen Schlager.

Drews: Ich singe keine Schlager, ich mache Party. Das ist etwas ganz anderes. Wenn du Party machst, willst du nicht ganz ernst genommen werden. Dann machst du alles mit so einem kleinen Augenzwinkern.

Und wie bezeichnen Sie Ihre Songs, wenn es keine Schlager sind?

Drews: Das sind partyreske Schlager, nicht dieses larmoyante Zeug, das man im Radio hört. Wie gesagt, ich nehme das alles und auch mich selber nicht so furchtbar ernst. Privat höre ich eher Leona Louis, Kate Perry, ein bisschen Rock-Pop, aber keine Schlager. Ich habe Schlager immer gehasst und käme nie auf die Idee, einen Schlagersender einzuschalten, höchstens mal WDR 4. Glücklicherweise verwischen sich die Grenzen zwischen den einzelnen Bereichen immer mehr. Früher wurde uns von den Kulturbeauftragten der öffentlich-rechtlichen Medien eingebläut: Das ist Schlager, das ist Pop. Dazwischen gab es nichts. Wenn du einmal in einer Kiste drinstecktest, kamst du nicht mehr raus aus der Geschichte. „Der Drews macht Schlager.“ Stempel drauf, Kiste zu. Das ist heute zum Glück anders. Den Jugendlichen kann heute keiner mehr erzählen, was sie zu mögen haben und was nicht. Die ziehen sich aus dem Netz, was ihnen gefällt. Für „Ich bau dir ein Schloss“ habe ich Downloads ohne Ende.

Sie treten häufig bei Benefizveranstaltungen auf. Gibt soziales Engagement einer Spaß-Ikone mehr Substanz?

Drews: Es ist mir sehr wichtig. Ich bin einer, der sagt: Wenn ich was abgeben kann, dann tue ich das. Wenn ich mal einen Abend ohne Gage auftrete – fällt mir dann ein Zacken aus der Krone? Nein, habe ich noch nicht gemerkt. Die Hälfte von dem, was ich verdiene, gebe ich ohnehin ab.

Die Hälfte?

Drews: Natürlich. Ich zahle den Spitzensteuersatz. Aber ich zahle lieber viel Steuern und weiß dafür, dass wir in Deutschland weniger soziale Unruhen haben als in anderen Ländern. Dort gibt es eine Armutsgrenze, die man auch wirklich als eine solche bezeichnen kann, und die Menschen verhungern fast, weil sie nichts zu kauen haben. Das Gleiche gilt für den Eurorettungsschirm.

Gehören Sie auch zu jenen, die meinen, Deutschland könne nicht auf ewig Zahlmeister in Europa sein?

Drews: Natürlich muss Deutschland für die anderen zahlen. Was sollen wir auch sonst machen? Sollen wir warten, bis die Spanier auf die Barrikaden gehen? Ihre Arbeitslosenquote ist exorbitant. In Italien sieht es nicht anders aus.

Sie haben einmal einen Aids-Song geschrieben: „Und dann machen wir es wieder mit Verhüterli. Ohne tun wir’s nie. Willst du Apfel, Birne, Strawberry?“ Wie passt diese Botschaft zum „König von Mallorca“, der für die kollektive Enthemmung zuständig ist?

Drews: Es ist gewissermaßen auch Ausdruck meines sozialen Engagements. Leider ist der Song nicht sehr gut angekommen. Ich habe damals argumentiert: Wenn du im partyresken Stil über Aids singst, dann gelangt das in genau die Ohren, in die es kommen soll. Wer ist denn am schnellsten dabei zu sagen: Scheiß auf Aids? Das sind Jugendliche, die vielleicht ein bisschen einen geballert haben und zu vorgerückter Stunde sagen: Vergiss das Kondom. Erst danach fragen sie sich, ob der Schuss vielleicht nach hinten losgegangen sein könnte. Aber die ganze Aktion ist nicht gut angekommen. Ich bin von offizieller Seite einfach nicht genügend unterstützt worden, was ich sehr schade fand. Die von der Aidsberatung sagten: Was will der denn, dieser Schlager- oder Partysänger? Der weiß doch gar nicht, was Aids überhaupt ist. Lass den mal ein bisschen singen und Party machen. Ach, vergiss es!

Trifft Sie diese Art von Missachtung?

Drews: Ich habe mich enorm darüber geärgert. Eigentlich wollte ich in die höheren Regionen rein.

Die höheren Regionen?

Drews: Ja, bis hoch zum Gesundheitsministerium und denen vorschlagen: Lasst uns doch zusammen eine Kampagne machen, um vor der Aids-Gefahr zu warnen. Es gibt nichts Einprägsameres als Musik. Aber da kam nichts, was ich bis heute nicht verstehe. Ich war bisher auf zwei Aidsveranstaltungen, und das war es dann. Irgendwann habe ich die Zeile mit den Verhüterli wieder rausgenommen. Heute singe ich stattdessen: „Gib mir einen kleinen Kuss. Mehr will ich nicht und dann weiter bla, bla, bla.“

Ist das nicht eine sehr trotzige Reaktion?

Drews: Wenn irgendeiner aus der Rock-Szene – ich will hier keine Namen nennen – gesungen hätte: „Dann machen wir es wieder mit Verhüterli“, hättet ihr von der schreibenden Zunft euch totgeschrieben vor Begeisterung. Und der Song wäre auf allen Popsendern rauf und runter gespielt worden.

Herr Drews, Sie sind zurzeit wieder mit den zum Teil wiedervereinten „Les Humphries Singers“ unterwegs, mit denen Sie in den 70ern große Erfolge hatten. Kürzlich ist ein Live-Doppelalbum mit den frühen Songs herausgekommen. Bei allem Respekt: Wer interessiert sich heute noch dafür?

Drews: Schwierige Frage. Eigentlich ist das Schnee von gestern. Man muss das im Zusammenhang sehen. Anfang der 70er waren wir die erste Multikulti-Band in Deutschland. Damals dachte ich in meiner grenzenlosen Naivität, dass wir, die Jugend, diesen Multikulti-Gedanken in die ganze Welt hinaustragen können. Das war ein Irrtum. Und trotzdem ist diese Zeit noch präsent in vielen Köpfen – Woodstock, Jimmy Hendrix, Hair, der erste Nackte auf der Bühne. Mag sein, dass sich viele Jugendliche für unsere Musik interessieren, weil sie von ihren Eltern gehört haben, was früher los war bei unseren Auftritten. Damals saß man ja noch bei Pop-Konzerten. Doch wenn wir auftraten, gingen spätestens nach dem zweiten Song die Klappstühle hoch.

Der Namensgeber Les Humphries ist inzwischen verstorben. Was treibt Sie bei diesem Revival an – Geldmacherei oder die Suche nach der verlorenen Zeit?

Drews: Nein, nein, wir haben erst kürzlich einen neuen Song aufgenommen: „Yes, we can, we can do it again“. Warum? Weil wir alle Obama-Fans sind. Womit wir wieder bei dem Thema soziale Verantwortung wären. Die Republikaner hielten leider herzlich wenig davon. Sie sagten: Es ist toll, reich zu werden, und wenn du das nicht schaffst, dann schaffst du es halt nicht. Alles andere war denen wurscht. Und deswegen singe ich so gern: „Yes, we can.“

Sie sind also Obama-Fan. Engagieren Sie sich politisch?

Drews: Allenfalls verhalten. Ich bin nun mal in der Tanz- und Wackelbranche gelandet, wo ich eigentlich nie hinwollte. In politischen Fragen musst du dich zurückhalten und darfst dich nicht allzu stark machen für die eine oder die andere Richtung.

Wie schwer fällt Ihnen das?

Drews: Da muss ich halt aufpassen. Ich fand es zum Beispiel nicht gut, dass die „Les Humphries Singers“ in den 70ern bei Wahlkampfveranstaltungen der CSU auftraten. Ich fand auch Franz Josef Strauß ganz entsetzlich.

Haben Sie damals eine von diesen Strauß-nein-danke-Plaketten getragen?

Drews: Nee, das ging ja nicht. Aber ich bin mal zu früh zu einem unserer Auftritte bei einer CSU-Wahlveranstaltung gekommen und habe mir eine Rede von ihm angehört. Puh, dachte ich damals. Der spult garantiert immer den gleichen Text ab. Und nur weil mich das interessierte, bin ich am nächsten Tag wieder zu früh gekommen, um ihn noch einmal zu hören. Ich hatte erwartet, dass er Wort für Wort das Gleiche sagt wie am Vortag. Aber nein. Der Tenor war zwar der gleiche, aber die Wortwahl eine völlig andere. Er hat auf alles reagiert, was ihm aus dem Publikum zugerufen wurde. Hammer, der Typ. An dem Abend habe ich viele meiner Vorurteile über Politiker revidieren müssen

Sie haben einmal gesagt, es gebe einen großen Unterschied zwischen Jürgen Drews und den aus Ihren Songs abgeleiteten Kunstfiguren „Onkel Jürgen“ oder dem „König von Mallorca“. Wie kommen Sie klar mit Ihren unterschiedlichen Rollen?

Drews: Das kriege ich ganz gut zusammen. Onkel Jürgen und der König von Mallorca spiegeln meine andere Seite wider. Ich therapiere mich damit quasi selber.

Was genau therapieren Sie denn, wenn Sie auf der Bühne stehen?

Drews: Früher war ich ein total verklemmter Heini und kam mit mir selber überhaupt nicht zurecht. Selbst heute, mit 67, bin ich nicht sehr entscheidungsfreudig. Als mein Vater merkte, dass ich ein ganz guter Gitarrist bin, hat er mich irgendwann aus therapeutischen Gründen auf die Bühne geschubst, damit ich ein bisschen selbstbewusster werde. Das hat auch funktioniert, und im Grunde therapiere ich mich auf der Bühne bis heute.

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