30.08.2016
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Kölner Stadt-Anzeiger | Polarisieren auf der LitCologne: Jean Ziegler will den Papst abschaffen
16. March 2015
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Polarisieren auf der LitCologne: Jean Ziegler will den Papst abschaffen

Jean Ziegler beschäftigte sich schon für die UN mit dem Recht auf Essen und dem globalen Nahrungsmittelmangel.

Jean Ziegler beschäftigte sich schon für die UN mit dem Recht auf Essen und dem globalen Nahrungsmittelmangel.

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dpa

Köln -

Am Ende klatschten alle: Das Publikum in der Comedia, Moderator Jakob Augstein und eben auch Jean Ziegler, der streitbare und radikale Schweizer. Es war eine dieser Wohlfühl-Veranstaltungen, in der ein Linker einen Linken interviewt, der ein – zugegebenermaßen unterstellt – linkes Publikum nicht überzeugen muss, der es bestätigt. Was die Botschaft nicht verkehrt macht: „Wir sind im Endkampf“, sagt der Schweizer, Endkampf zwischen Aufklärung, Gerechtigkeit, Zivilisation und einem neoliberalen Wirtschaftssystem, einem Turbokapitalismus, der nicht nur zulässt, sondern sogar ursächlich dafür verantwortlich ist, dass Kinder an Hunger streben. „Das ist Mord“, so Ziegler, der auch in der Religion keinen Halt findet. „In der Bibel sollte man außer der Bergpredigt nichts lesen“, so seine Literatur-Einschätzung. Der Papst, dessen Amt aufgelöst gehörte, sollte alle Kunstwerke im Vatikan verkaufen, damit kein Kind verhungert.

So radikal kennt man den Schweizer Ziegler, der unlängst ein neues Buch veröffentlicht hatte, ein Vermächtnis, eine Bilanz, eine Art Autobiografie: „Ändere die Welt“. heißt es. Haltung bewahren, Haltung annehmen. „Jeder und jede von uns muss in jedem Augenblick seines und ihres Handelns klar wählen, wo er oder sie steht“, schreibt Jean Ziegler. Wenn jemand das Recht hat, diese Haltung einzufordern, dann ist es der Schweizer Soziologe, Politiker, Menschenrechtler, Globalisierungskritiker, Kommunist und Konzernschreck.

Im Konflikt mit Geld und Staat

Seit Jahrzehnten prangert er schonungslos Elend, Unterdrückung und Ausbeutung an, er verunglimpfte einen Schweizer Bankmanager als „Geier“, viele Eidgenossen nannten ihn einen „Landesverräter“, man zerrte ihn vor den Kadi. „Um mich finanziell zu ruinieren, und so zum Schweigen zu bringen, wurden neun Prozesse gegen mich angestrengt“, schreibt Ziegler. Die Schadensersatzforderungen summierten sich auf mehrere Millionen Schweizer Franken, da Ziegler alle Prozesse verlor. „Ich (war) am Ende tatsächlich ruiniert“.

Finanziell vielleicht, seine Mission, seinen Feldzug gegen die „Tyrannei der Oligarchen des globalen Finanzkapitals“ setzte er fort, wofür dieses Buch, aber auch sein Auftritt in Köln Beleg ist, fulminant Zeugnis ablegt. Hunger und Not sieht Ziegler nach Europa zurückgekehrt, die Welt sei wieder voller Kriege, „so furchtbar wie eh und je“, klagt er. „Nach den blutigen Auseinandersetzungen im ehemaligen Jugoslawien, auf dem Balkan, in Afghanistan und im Irak wüten heute Kriege in Syrien, im Jemen, im Ostkongo, im Süden und Westen des Sudan, in der Zentralafrikanischen Republik, in Myanmar, auf den Philippinen und weiteren Regionen der Welt“.

Ziegler nennt in den Buch den Dschihadismus, den christlichen, jüdischen, hinduistischen und buddhistischen Fundamentalismus, sieht die „Feinde der Vernunft“ aber auch in westlichen Ländern am Werk, wo antidemokratischen Kräfte sich ausbreiten. Beispiel USA, die – neben 112 anderen Staaten dieser Welt - die Folter als notwendig und unvermeidlich billigen. Dies und vor allem den Hungertod der Kinder nennt Ziegler in der Comedia eine „Beleidigung für die Intelligenz“.

Aus der Anamnese folgt die Therapie: Ziegler legt mit „Ändere die Welt“ ein Handbuch für den Kampf gegen die „kannibalische Weltordnung“ vor. Denn am Ende kann und muss die „neue, weltumspannende Zivilgesellschaft“ gegen die Ungerechtigkeit aufstehen. „Alles, was das Böse braucht, um zu triumphieren, ist das Schweigen der guten Menschen“ zitiert Ziegler warnend den schottischen Philosophen Edmund Burke. Die Arbeit des Intellektuellen (und damit des Soziologen Ziegler) ist für den Schweizer „subversiv“ – das heißt ein Akt, der in Konflikt mit den herrschenden sozialen Strukturen gerät. Denn es werden Strategien ans Licht gebracht, wie eben gesellschaftliche Strukturen entstehen. „Kein Machthaber kann das dulden“, schätzt Ziegler. Das hört sich nach Klassenkampf an, ist es irgendwie auch.

Jeder ist in der Pflicht zu handeln

Denn eines seiner Hauptanliegen ist die Entlarvung der seiner Auffassung nach menschenfeindlichen Ökonomie: „Heute ist die mächtigste und zugleich die gefährlichste metasoziale Begründungsweise die „Naturalisierung“ ökonomischer Fakten. Die Ökonomen, die Manager und Banker, die er auch schon mal als Halunken, Räuber oder Mörder bezeichnet, „berufen sich auf sogenannte ‚Naturgesetze der Wirtschaft‘, um den Menschen aus seiner eigenen Geschichte zu vertreiben, um präventiv jeden Ansatz von Widerstand zu brechen und ihre Profite abzusichern.“ Ziel dieser „Wahnidee“: Die Selbstregulierung des Weltmarktes, endlich befreit von aller Einmischung von Staaten, Gewerkschaften, Bürgern.

Ziegler, gegen den es Augstein manchmal etwas schwer hat, appelliert an „alle Aktivisten der weltweiten Zivilgesellschaft“, die er durch den moralischen Imperativ angetrieben sieht, die Kräfte zu bündeln für „eine solidarische Gesellschaft, die Humanisierung des Menschen, die Entfaltung all seiner unendlichen schöpferischen Kräfte, seiner Fähigkeit, glücklich zu sein, zu lieben, kurzum seiner Freiheit“, schreibt er. Und singt in Köln das Hohelied auf die sozialen Bewegungen, die zivil Gesellschaft.

Augstein drängt mit seiner Frage „Warum hat die Linke nichts dagegen zu setzen?“. Aber Ziegler ist in Fahrt, „Viele von uns glauben nur an Ihre eigene Ohnmacht. Aber der Schweizer gibt den Verzagten, den Unsicheren, den Gleichgültigen, den Entrechteten einen Rat mit auf den Weg: Es gebe keine Ohnmacht in der Demokratie. „Am Schluss muss Hoffnung sein“.
Und geben sich alle kräftig Beifall.


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