27.09.2016
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Popkultur: Justin Biebers unvermeidlicher Abstieg

Ein Teenie-Schwarm wird erwachsen: nach einem Beinahezusammenstoß mit einem Paparazzi häuften sich die Negativschlagzeilen über Justin Bieber. (Symbolbild)

Ein Teenie-Schwarm wird erwachsen: nach einem Beinahezusammenstoß mit einem Paparazzi häuften sich die Negativschlagzeilen über Justin Bieber. (Symbolbild)

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dpa

Wir wollen euch fallen sehen. Von ganz oben bis ganz unten. Wir wollen sehen, wie ihr um acht Uhr morgens aus Clubs taumelt und euch auf der nächstbesten Motorhaube übergebt. Wie ihr euch schmerzmittelabhängig und aufgequollen in Realityshows verdingt. Wie ihr schlüpferlos in Limousinen steigt und euch im Blitzgewitter der Paparazzi den Schädel rasieren lasst.

Das sind die Bilder, die wir neben eure Jugendfotos stellen, neben eure strahlenden, unverbrauchten Kindergesichter, die noch nicht ahnen, dass ihnen die Welt nur für einen Moment zulächelte. Dass der Ruhm nicht, wie man es früher einem neuen Papst zurief, vergänglich ist. Dass er bleibt und Schmutz und Schädlinge an ihm kleben bleiben wie an Fliegenpapier.

Ohne Welpenschutz

Am 6. April tritt Justin Bieber in der Kölner Arena auf, der größte Kinderstar unserer Zeit. Biebers Karriere begann 2007 mit Youtube-Videos, die seine Mutter hochgeladen hatte und die Justin Timberlake und Usher dazu brachten, sich gegenseitig mit Angeboten zu überbieten. Beide haben selbst als Kinderstars angefangen und erkannten das Potenzial. Usher bekam den Zuschlag.

Aber jetzt ist Justin Bieber kein Kind mehr. Er ist gerade 19 Jahre alt geworden, an seinem Geburtstag sah man ihn mit nacktem, muskulösem Oberkörper durch London stolzieren. Seht her, ich brauche keinen Welpenschutz mehr, schien der selbstbewusste Kanadier zu signalisieren.

Das musste er nicht zweimal sagen. Kurz darauf fing ein Kamerateam einen Beinahezusammenstoß zwischen dem Star und einem vorlauten Paparazzi ein, es fiel das F-Wort, mehrfach. Und es häuften sich die Negativschlagzeilen, ob er nun seine schulpflichtigen Fans bis kurz vor elf Uhr nachts warten ließ oder während eines Auftritts erschöpft zusammenbrach.

Heroin statt Hits

„Believe“ fordert sein aktuelles Album. Aber die Medien, deren Währung die angeblichen Fährnisse der Prominenz ist, glauben vor allem an den unmittelbar bevorstehenden Absturz des Teen-Idols, ja, sie gieren danach und das Publikum mit ihnen. Es war nie einfach, ein Kinderstar zu sein. „Why Do Fools Fall In Love?“, fragte der 13-jährige Frankie Lymon im Januar 1956, und die halbe Welt verliebte sich in seinen hellen Knabensopran. Er wurde zum Teenie-Star. Zwei Jahre später kam der Stimmbruch, die Hits blieben aus, Lymon, 15, betäubte sich mit Heroin. Zehn Jahre später setzte er sich im Badezimmer seiner Großmutter den goldenen Schuss, er wurde gerade mal 25 Jahre alt.

Heintjes Karriere begann dagegen mit dem „Goldenen Schuss“. In der ZDF-Spielshow heulte der damals Zwölfjährige sein Lied „Mama“, es wurde 1968 zur meistverkauften Single in Deutschland. Heintje verkaufte mehr als 40 Millionen Tonträger, spielte in mehreren – speziell auf ihn zugeschnittenen – Filmen mit und blieb doch stets der Junge, der so markerschütternd „Mama“ sang. Immerhin, er hat es überlebt. Ab und an sieht man ihn noch in Volksmusiksendungen zum Playback an

Seniorengruppen entlangschlendern. Sein bislang letztes Album heißt „Alles halb so schlimm“.

Gruppensex und Raubmorde

Vielleicht für ihn. Der Kinderstar von heute fährt nicht mehr vergleichsweise gemütlich mit dem Fahrstuhl nach unten, er findet sich im freien Fall, weiß schon am Scheitelpunkt seiner Karriere, wie schnell es im nächsten Augenblick zur Erde geht. Aber, halt, auch der Parabelflug passt nicht mehr als Vergleich, tatsächlich überlagern sich Aufstieg, Höhepunkt und Fall, ergeben ein Bild.
Im August 2007 lief „High School Musical 2“ zum ersten Mal im US-Fernsehen. Im September tauchte ein Nackt-Foto des „High School Musical“-Stars Vanessa Hudgens im Netz auf. Sie hatte es selbst geschossen. Im Oktober 2008 spielte Hudgens trotz des Skandals die weibliche Hauptrolle in „High School Musical 3“, diese letzte Folge des Disney-Franchise lief sogar in den Kinos.

Jetzt tritt Hudgens (24) zusammen mit Selena Gomez (20) – ebenfalls Disney-Star („Die Zauberer vom Waverly Place“) und Justin Biebers Teilzeit-Freundin – in Harmony Korines Film „Spring Breakers“ freiwillig und aggressiv in neonbunten Bikinis gegen ihr ehemaliges Sauber-Image an. In „Spring Breakers“ kann man Teen-Idole dabei bewundern, wie sie in Vorausnahme des Unausweichlichen Gruppensex, Drogenpartys und Raubmorde von der To-do-Liste abhaken.

Schimpftiraden gegen die Presse

Eine große Leinwand ist schön, aber selbstverständlich kann heutzutage jeder junge Star kostenfrei und vom Smartphone aus der Welt seinen Abschied von der eigenen Kindheit verkünden. Was über Twitter und Instagram dieser Tage nach außen dringt, kann kein Imageberater mehr umbiegen. Zuletzt steigerte sich Justin Bieber auf Instagram (die Fototausch-Seite wird dieser Tage von jüngeren Usern zum sozialen Netzwerk umgenutzt) in eine Schimpftirade gegen die „Lügen in der Presse“. Dafür, dass er unter den Augen und der fortwährenden Kritik der Öffentlichkeit aufwachse und versuche, zu sich selbst zu finden – schätzt Bieber –, gelinge ihm das doch verdammt gut.

Dass minderjährige Promis als ihre eigenen PR-Agenten wirken, heißt allerdings nicht, dass sie im Sinne einer Emanzipation die Kontrolle über ihr mediales Abbild gewonnen hätten. Manchmal hat es eher den Anschein, als würfen sie sich der Medienmaschine freiwillig zum Fraß vor. In der Hoffnung, hinten als komplexere Persönlichkeiten ausgespuckt zu werden. Und nicht als Abfallprodukte allzu frühen Ruhms.


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