28.05.2016
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Rafik Schami: Das sind meine Erwartungen an Flüchtlinge

Rafik Schami

Rafik Schami

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Max Grönert

Herr Schami, es gibt Ansätze zu einem Waffenstillstand in Syrien. Ist das der Anfang vom Ende des Bürgerkriegs?

Ein Ertrinkender hält eine Spinnwebe für ein Seil. Die Syrer sind gezwungen, zu hoffen. Alles andere bedeutet den Tod und jede Kerze in der Ferne darf man nicht übersehen. Der Waffenstillstand ist brüchig, aber das sind alle Waffenstillstände am Anfang. Wenn aber der Waffenstillstand hält, kann sich Assad nicht halten. Das Regime lebt von der Fortsetzung des Krieges, auch wenn inzwischen die mächtigsten Teilnehmer nicht seine Truppen, sondern schiitische Milizen aus dem Irak und dem Libanon, Militärs und Finanziers aus dem Iran und die russische Luftwaffe sind. Unser Unglück: Wenn man die Liste der Mächte ansieht, die Syrien als Arena ihrer Kämpfe in Beschlag genommen haben, findet man keine einzige pro-westliche Macht. Großmachtpolitik, oder modern genannt Globalisierung, ist kalt und zynisch. Warum also soll der Westen diese Kämpfe stoppen? „Lass sie bluten! Hisbollah dezimiert Al Nusra, der IS schwächt die freie syrische Armee, und Saudi-Arabien schwächt die Assad-Armee und Iran dazu…“, sagen westliche Strategen hinter vorgehaltener Hand. Dass dabei ein großartiges Volk untergeht, interessiert nur Moralisten!

Was ist für Sie, der Sie einst aus Syrien nach Deutschland gekommen sind, die zentrale Empfindung angesichts der nicht abebbenden Flut von Flüchtlingen aus Syrien?

Ich empfinde Trauer, Wut und nicht selten Scham über unsere Misere. Ich habe noch nie eine gute Beziehung zu Superlativen gehabt, aber die Katastrophe in Syrien nimmt langsam einen bedeutenden traurigen Platz unter den historischen Katastrophen ein.

Ich schäme mich auch, weil ich gescheitert bin, Deutsche und die Europäer bereits im Jahre 2012 zu überzeugen, dort, in der unmittelbaren Umgebung Syriens großzügig zu helfen. Heute erst wachen die Europäer auf und beginnen nachzudenken, dort zu helfen, wo die Mehrheit der Flüchtlinge in Elend ihr Leben fristet. Aber bis heute habe ich nicht einmal die Andeutung eines Drucks gegen die reichen arabischen Ölländer gesehen oder gehört.

Die Flüchtlingspolitik spaltet die EU. Wird der Verbund daran zerbrechen, und was würde das bedeuten?

Es wundert mich als ein Mensch, der seit 45 Jahren gerne hier lebt und das Land liebt, zu beobachten, was arme, hilfsbedürftige Flüchtlinge an Krisen in Deutschland und Europa ausgelöst haben. Alle Flüchtlinge zusammen, die bisher lebend in Europa ankamen, gleichen nicht einmal die Zahl, die zwei arme kleine Länder (Libanon und Jordanien) aufgenommen haben. Also bitte nüchtern bleiben: Über 700 Millionen Europäer haben Angst vor zwei Millionen Flüchtlingen, während elf Millionen Jordanier und Libanesen – allein im Stich gelassen – bisher circa drei Millionen Flüchtlinge beherbergten. Die EU wird nicht daran zerbrechen, aber es könnte sich eine Mehrheit gegen die Deutschen bilden, wenn es den Deutschen nicht gelingt, schnell und dauerhaft Verbündete zu gewinnen. Auch der edelste Ritter wird zu Don Quijote demontiert, wenn er sich durch weite Sprünge von den anderen entfernt. Daher wäre die Bundeskanzlerin gut beraten, wenn sie bei ihren nächsten Schritten eine Schildkröte statt eines Pferds zum Vorbild nimmt.

An der Debatte um die Aufnahme von Flüchtlingen in Deutschland und in Europa scheinen sich die Intellektuellen kaum zu beteiligen. Oder sehen Sie das anders?

Wir sind Zeugen einer einmaligen historischen Entwicklung. Diesen Gedanken entwickelte ich auf meiner Tournee in den vergangenen sechs Monaten, in denen ich in über 100 Städten (und deren Bahnhöfen) war. Zum ersten Mal führt das alleingelassene Volk der Deutschen führungslos das Rad der Geschichte, während Politiker und Intellektuelle in Panik geraten und in jeder Hinsicht hinter ihm her hecheln. Das gab es noch nie.

Mich beschäftigt eine Schar von Intellektuellen, die völlig unbeachtet vom Volk vor sich hin brabbelte. Willkommenskultur, Angstkultur, Leitkultur und andere Wortblasen gaben sie von sich, bis sie sich erholten, dann wechselten sie von der Rolle des Gelähmten zur Rolle des lähmenden Angstmachers. Sie seien die einzigen rationalen Erwachsenen einer emotionalen, infantilen Gesellschaft, behaupteten sie. Aber nach wie vor blieben sie ohne jeden Einfluss. Hervorgetan haben sich in dieser Misere Männer mit echten deutschen Namen wie die Fernsehphilosophen Peter Sloterdijk und Rüdiger Safranski, der Schriftsteller Reinhard Jirgl, der professionelle „letzte deutsche“ Salonprovokateur Botho Strauß („Flutung des Landes mit Fremden“) und Last but not least der Salon-Anarchist a.D. und heutige Anhänger der Pegida Frank Bröckelmann (Zeitschrift Tumult).

Die Islamphobie ist der salonfähige Antisemitismus. Es klingt lächerlich, wenn diese Hasser die Sorge um die „jüdischen Mitbürger“ als Grund ihrer Verachtung der Muslime in diesem Land angeben. 40 Jahre meines Lebens im Exil bemühte ich mich, mit jüdischen, arabischen, israelischen und palästinensischen Freunden, die Palästinenser und Israelis zu versöhnen. Nie war einer dieser Herren auch nur in Sichtweite anzutreffen. 35 Jahre bin ich als Autor tätig in diesem Land. Ich habe keine Kollegialität geschweige denn Gastfreundschaft, sondern Feindseligkeit aus diesen Kreisen erfahren. Meinem Publikum hier und weltweit sei dafür gedankt, dass ich in meinem Exil nicht auf die Hilfe dieser Kreise angewiesen war. Ich habe mich aber immer wieder gefragt, weshalb diese Feindseligkeit? Neid allein kann nicht die Ursache sein. Es ist die Feigheit dieser Herren, sich mit ihren Klischeebildern über die arabischen Kulturen auseinanderzusetzen. Ein Araber ist gut, wenn er dreitausend Kilometer entfernt ist, und höchstens, wenn er die Herren oder ihre Vorurteile bedient, aber nicht, wenn er sich hier in ihrer Sprache zu Wort meldet oder auch noch kritisiert. Nicht, wenn er ihnen als Christ ihre Islamphobie vorhält und sie nicht nur an 200 Jahre Kreuzzüge erinnert, sondern auch beschuldigt, die Aggressionen der Islamisten gegen Christen und Juden in den arabisch-islamischen Ländern zu schüren.

Seit der „Kölner Silvesternacht“, mit den Übergriffen auf dem Bahnhofsvorplatz hat sich das Klima im Lande verändert. Wie bewerten Sie die Situation?

Schade um Köln, eine Stadt, die ich liebe, und die nun dauernd mit dieser Nacht in einem Atemzug erwähnt wird. Je mehr ich darüber lese, umso unverständlicher wird mir die damalige Kölner Polizeiführung, nicht nur an dieser Nacht. Was soll das mit dem existierenden Parallelwelten in manchen Kölner Vierteln? Es gibt hier nur ein Gesetz, und das ist das Gesetz der Bundesrepublik Deutschland, und es gilt für jeden Quadratzentimeter ohne Ausnahmen. Punkt, Ende! Muss man Richtern und Polizeipräsidenten in Köln noch mehr erklären?

Diebstähle empören mich weniger als die Übergriffe gegen Frauen, denn Taschendiebe sind bei allen fröhlichen Massenversammlungen immer dabei. Es sind einzelne oder organisierte Kriminelle, die polizeilich bekämpft werden müssen. Wer aber Frauen angreift, handelt nicht aus Mangel an Sexualitätsbefriedigung und schon gar nicht, weil er Muslim, Christ, Buddhist oder Jude ist, sondern weil er ein mieser Frauenverächter ist.

Das Klima im Land hat sich nach der Kölner Nacht verändert. Und schnell war die Grenze zwischen den Tätern und den Fremden an sich verwischt. Egal ob ein dunkelhaariger Mann hier geboren oder gerade angekommen ist, galt er plötzlich als Fremder und Täter.

Haben Sie Veränderungen auch in persönlichen Begegnungen auf Ihrer Lesetournee erfahren?

Nach der Euphorie trat die vernünftige Ernüchterung ein. Aber zu meiner Verwunderung machte die Ernüchterung viele Helferinnen und Helfer nicht weniger entschieden, den Flüchtlingen beizustehen. Es sind Millionen Deutsche, die einzeln und in Verbänden großartig, mutig und selbstlos ihre Zeit und Kraft für die Unterstützung der Flüchtlinge einsetzten. Ich werde mein Leben lang stolz sein, diese Augenblicke der Warmherzigkeit miterlebt zu haben. Die Menschenfeinde formierten sich zur gleichen Zeit. Die Flüchtlinge waren nur willkommener Vorwand, aber nicht die Ursache. Ich weiß, so einfach ist es nicht, aber die Erklärung, die Flüchtlinge seien, der Grund, ist noch einfacher und dümmer.

Auch eine kalte Ernüchterung zeigte sich unter den Flüchtlingen, deren Illusionen zerschellten an den Felsen der Wirklichkeit. In all meinen Gesprächen auf meiner Tournee durch Deutschland, Österreich und der Schweiz, von September 2015 bis Ende Februar 2016, konnte ich diese Entwicklung beobachten. Die Angst fraß ihre Fröhlichkeit. Sie fragten mich viel, und alles drehte sich um ihre Angst vor den Rechtsradikalen und vor der Zukunft. Diese Angst in den Augen von jungen wie alten Flüchtlingen wird mir unvergesslich bleiben.

Was müssen wir von Flüchtlingen erwarten dürfen, die wir aufnehmen?

Hier erwarte ich Hilfe von jedem, der sich Intellektueller nennen will. Solche Diskussionen müssen wir wieder an uns reißen und nicht den Populisten und Menschenhassern überlassen. Auch Helferinnen und Helfer der Flüchtlinge sollten vielleicht diese Punkte mit ihren Schützlingen diskutieren.

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