26.08.2016
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Richard David Precht: „Für Ethik haben Politiker keine Zeit“

Richard David Precht

Richard David Precht

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Köln -

Das Aquarium, das bei Richard David Precht in seiner Kölner Altbauwohnung steht, hat schon so manchen Gesprächspartner fasziniert. Tatsächlich ist es mit seinen Maßen von geschätzt zwei Metern Länge und je 60 Zentimetern Breite und Höhe ein Blickfang in der funktional eingerichteten Wohnküche. Die erste Frage geht nach den Elefantenrüsselfischen, über die Precht anspielungsreich verlauten lässt, sie seien sehr sozial und hätten im Verhältnis zum Körper ein besonders großes Gehirn. Das Weibchen macht Precht Sorgen. „Es ist magersüchtig, ich muss es ordentlich päppeln.“ Die Fische, sagt Precht, reagieren schon auf ihn, wenn er den Kühlschrank öffnet, um die Futtertabletten herauszuholen. Am Esstisch sprechen wir über das Internet und die neuen Formen der Kommunikation. Als Philosoph kann sich Precht dafür rechtschaffen begeistern, als Vater übt er Abstinenz: Handy und Computerspiele hält er von seinem neunjährigen Sohn fern, sagt er, weil sie die Entfaltung der Phantasie mindern.

Herr Precht, für Ihre neue Gesprächsreihe im ZDF haben Sie die Latte sehr hoch gelegt, indem Sie Sokrates einmal als Erfinder des Talks bezeichnet haben. Was werden Sie den Zuschauern bieten?

Nicht den üblichen TV-Smalltalk, der Ihnen nach maximal 30 Sekunden das Wort abschneidet. Dieses Beschleunigungsfernsehen, das wir allenthalben erleben, hat aus meiner Sicht keine Zukunft. Zumindest für einige Formate ist die Rückkehr zur Konzentration sicher ein Gewinn.

Sie kritisieren Sendungen, in denen Sie selbst mit am häufigsten zu Gast sind?

Zu Gast! Nicht in Verantwortung! Aber es stimmt: Ich beteilige mich an Talkshows, weil sie mir die Möglichkeit geben, vor einigen Millionen Menschen zu sagen, was aus meiner Sicht relevant ist. Das ist unbestreitbar ein Privileg. Warum sollte ich es nicht nutzen? Ich habe auch nichts gegen Talkshows. Allerdings fände ich es besser, wenn zu den Themen tatsächlich mehr Experten eingeladen werden würden – und nicht immer die gleichen Fachleute für alles. Nur sind die Quoten paradoxerweise dann am höchsten, wenn dort die Leute sitzen, die eh jeder kennt.

Sie folgen auf das „Philosophische Quartett“ von Peter Sloterdijk, der Sie in einem Zeitungsbeitrag einmal mit dem Klassik-Weichspüler André Rieu verglichen hat. Biestigkeiten unter konkurrierenden Kollegen?

Also, in Sloterdijks Sendung habe mich sehr wohl gefühlt. Er hat mich ausgesprochen gut behandelt. Der Rieu-Vergleich war das einzig Negative über mich, was ich von ihm kenne. Daran hat mich eigentlich nur geärgert, dass ihm als großem Sprachkünstler nichts Originelleres eingefallen ist. Rieu! Diesen Vergleich finden Sie seit Jahren tausend Mal im Internet.

Im Kern geht es dabei ja um Ihr Gewicht und Ihre Kompetenz als Philosoph. „Rieu“ – das heißt „seichter Luftikus“, den der Fachmann nicht ernst nimmt.

Eigenartig – gerade aus Sloterdijks Mund. Wir haben die gleiche Ausbildung. Wir sind beide Germanisten. Wie Rüdiger Safranski, Sloterdijks Partner im „Quartett“, übrigens auch. Also, in der Herkunft gibt es keinen Unterschied. Auch nicht beim Versuch einer populären Vermittlung philosophischer Fragen.  Sloterdijks größte Leistung aus meiner Sicht ist ja seine glänzende Darstellung der Philosophiegeschichte, die er immer wieder in seine Werke einstreut mit großartigen Formulierungen.

Vom fachphilosophischen Elfenbeinturm aus betrachtet, stehen Sie beide auf der anderen Seite?

Ja. Aber nun ist diese Grenzlinie auch nicht wirklich umkämpft. Ich bin mit vielen Philosophieprofessoren persönlich befreundet, mit einigen sogar eng. Acht universitäre Fachleute haben mein Buch „Die Kunst, kein Egoist zu sein“ gegengelesen, und in meiner Lehrtätigkeit als Professor an der Uni Lüneburg erlebe ich nicht die Spur von Ablehnung, im Gegenteil. Kurz und gut: Meine Kritiker sitzen nicht in den Universitäten, sondern allenfalls in den Feuilletons.

Sie legen aber schon großen Wert auf die Anerkennung Ihrer Qualifikation. Liegt das daran, dass Sie landläufig als einer gelten, der zu allem und jedem gepflegt etwas mehr oder weniger Gescheites von sich geben kann?

Mich wundert dieses Image. Mein Talkshow-Rekord liegt bei fünf Sendungen in einem Jahr. Das ist nicht so viel.

Trotzdem sollen Sie es auf insgesamt bis zu 100 öffentliche Auftritte jährlich bringen. Stimmt das?

Da ist aber auch jede Benefiz-Veranstaltung drin, von denen ich tatsächlich eine ganze Reihe mache, jeder Vortrag, jeder Medien-Termin. Und thematisch beschränke ich mich sehr wohl. Ich sage längst nicht  zu allem etwas, wonach ich gefragt werde.

Warum haben Sie sich eigentlich so über das Loblied Ihrer Kollegin Thea Dorn auf die „großen alten Männer“ aufgeregt und die Klage, es gebe keine Geistesheroen vom Schlage Grass, Walser, Enzensberger mehr?

Ich finde es schon mal seltsam, dass in Deutschland für moralisch-intellektuelle Fragen einige wenige Großschriftsteller mitsamt ihrem Großkritiker, Marcel Reich-Ranicki, quasi alleinzuständig geworden sind. Historisch ist das verständlich, weil die anderen Eliten durch die NS-Verstrickung desavouiert waren. Da kamen dann nach 1945 einige junge Kahlschlag-Autoren, die – vermeintlich – „sauber“ waren, und traten als die Robespierres der Gesellschaft auf. Die Gruppe 47 war so gut vernetzt und hat sich so breitgemacht, dass neben und nach ihr kaum noch jemand hochkommen konnte. Jüngere Autoren – wie etwa die Pop-Literaten - haben sich dann von vornherein für unzuständig in moralischen Fragen erklärt. Damit haben sie sich von diesem ganzen Literatur-Syndikat um Grass, Jens, Walser, Lenz und anderen abgesetzt, das einer ganze Generation von Autoren den Erfolg blockiert hat. Darum finde ich das andächtig-vollmundige Lob auf diese Herren kitschig, wirklich kitschig!

Geht Ihnen die Verehrung für die Alten ab?

Ich halte diese in Ehrfurcht erstarrte Haltung für ein Übergangsphänomen. Es gibt ja schon heute gar nicht mehr so viele Großweise. Helmut Schmidt gilt als einer, Richard von Weizsäcker, vielleicht noch Heiner Geißler und Hildegard Hamm-Brücher. Aber dann hört es doch auch schon auf. Gilt Theo Waigel als Weiser? Oder Edmund Stoiber – der große Weise aus Wolfratshausen? Na also, sehen Sie!

Von wo nach wo verläuft der „Übergang“, von dem Sie sprechen?

Wir leben in einer Zeit des Umbruchs, der – im Gegensatz zu den meisten Revolutionen – nicht aus materieller Not geboren, sondern Folge einer technischen Erneuerung ist. Das Internet und die sozialen Netzwerke züchten Menschen, die ihre Meinung sagen. Und auch unsere Erziehung bringt selbstbewusste Kinder hervor, die schon mit zwei Jahren gefragt werden, ob sie lieber Vanille- oder Schokoladenpudding haben möchten. Diese Möglichkeit zur Selbstbestimmung wollen sie später als Jugendliche und Erwachsene nicht mehr abgeben. Das ist die Grundintuition der Piraten: Wir brauchen keine repräsentative Demokratie, denn was ich zu sagen habe, will ich selber sagen. Im Kern ist das eine Systemkrise, zumal unsere Demokratie immer mehr verkrustet.

Verstehen Sie sich als Krustenbrecher?

Das muss man nicht groß aktiv betreiben. Das kommt von ganz allein, weil die jungen Leute in vielen zentralen Punkten eine ganz andere Lebensvorstellung haben als die ältere Generation. Die technische Entwicklung unterstützt das ganz maßgeblich. Jugendliches Selbstbewusstsein schärft sich ja entscheidend an der Frage: Was kann ich, was meine Eltern nicht können? Die 68er-Generation konnte auf die Frage, was sie ihren Eltern voraus habe, sagen: „Wir waren keine Nazis, und wir hören die coolere Musik.“ Aber mehr war da nicht. Der Umgang mit dem Internet – als völlig neue Kulturtechnik – ist da schon von anderem Kaliber. Deshalb ist es auch kein Zufall, dass die Piratenpartei aus dem Netz kommt.

Politische Debatten im Internet tendieren zu Beschimpfung und Verunglimpfung. Das als neue Form politischer Teilhabe hochzujubeln, fällt schwer.

Das stimmt. Der Shitstorm ist die Guillotine des 21. Jahrhunderts. Andererseits werden die Menschen ein dickeres Fell bekommen und den heiligen Ernst gegenüber allem, was geschrieben steht, verlieren. Wenn Gerüchte im Internet allgegenwärtig sind, werden sie einerseits belanglos. Andererseits wird die Authentizität der Quelle an Gewicht gewinnen. Schon heute unterscheiden wir doch zwischen dem, was in der Zeitung und was im Internet steht.

Was hat die Philosophie mit all diesen Veränderungen zu tun?

Wenn Sie sich die Unis anschauen, werden die Fakultäten von zwei großen Strömungen beherrscht: der analytischen Philosophie und der Philosophiegeschichte. Beides soll es und muss es geben. Das Problem ist nur: Die analytische Philosophie hat den Gegenstandsbezug verloren, und die historische Philosophie den Gegenwartsbezug: Altbausanierung im Bereich des Geistes! Für die drängenden Probleme der Gegenwart – die Zukunft der Finanzmärkte und vieles andere – trägt solche Philosophie oft nicht das Geringste bei. Welcher Philosoph fällt Ihnen ein, der wirklich über moralische Fragen der Gegenwart und Zukunft nachdenkt und nicht bloß darüber, wie Moralsysteme sich begründen und wie man die moralischen Unterscheidungen noch differenzierter unterscheiden kann.

Hans Jonas vielleicht mit seinem „Prinzip Verantwortung“. Und Jürgen Habermas natürlich.

Zwei Namen. Das ist nicht viel! Und Jonas ist auch schon seit zehn Jahren tot. Es gibt natürlich noch einige andere, deren Namen die Öffentlichkeit aber kaum oder gar nicht kennt. Vielleicht noch Julian Nida-Rümelin. Im Kern aber besteht folgendes Problem: Wir leisten uns Zig philosophische Lehrstühle in Deutschland, ohne von deren Inhabern irgendeinen Input für die Gesellschaft zu erwarten. Das ist eine ganz, ganz skurrile Situation. Hinzu kommt eine akademische Konditionierung auf unverständliche Sprache. Wenn Sie in meine Dissertation gucken – das können Sie eigentlich gar nicht lesen. Aber gerade diese Form ist prämiert worden. Auch da stimmt etwas nicht.

In Baden-Württemberg gibt es in der Landesregierung den Posten eines „Staatsrats“ für Ethik – mit Sitz und Stimme im Kabinett. Wäre das kein Job für Sie?

Ich hab’s nicht so mit den Räten. Die hinken nämlich immer hinterher. Wichtig wäre es, philosophisches Denken frühzeitig in die Entscheidungsprozesse einzubeziehen. Mein Lieblingsbeispiel: Alle Hirnforscher, alle Bio-Ingenieure müssten an der Uni Scheine in Philosophie machen, damit sie nicht erst Innovationen schaffen, die dann nachträglich an irgendwelche Ethikräte zur Begutachtung überwiesen werden müssen.

Und was ist mit der Politik?

Für Ethik haben Politiker eigentlich keine Zeit.

Aber Sie geben ihnen doch ständig öffentlich Ratschläge.

Gegenwärtig sind Sie, wenn Sie als Philosoph mit Politikern reden, hilflos. Nicht weil Sie kein Gehör fänden. Sondern weil es keinen Zusammenhang gibt zwischen dem, was Sie sagen, und dem, was Politiker tun. Es nützt Angela Merkel in der Frage des Euro-Rettungsschirms nichts, wenn Sie ihr mit Debatten über die Moral von Völker-Freundschaften, Solidarität und europäischer Wertegemeinschaft kommen. Das ist alles völlig egal, spielt überhaupt keine Rolle. Es entscheiden einzig die Ökonomen. Nicht dass ich das gut fände. Aber völliger Quatsch wäre es, ganz am Schluss noch den Philosophen zu besuchen und ihn zu fragen: Wie finden Sie denn das jetzt?

Friedrich der Große hatte sein Tabakspfeifenkollegium und umgab sich mit prominenten Philosophen. Wie stünde Ihnen die Rolle als Merkels Voltaire?

Schlecht. Weil Voltaire  für Friedrich den Großen nicht die Funktion hatte, ihn weise zu machen, sondern ihn im Ausland als Geistesgröße dastehen zu lassen. Als Voltaire in Berlin war, sind sie sich gegenseitig nur auf die Nerven gegangen, ein ganz schlimmes Verhältnis. Außerdem ist die Vorstellung absurd, man könnte sich mit der Kanzlerin nach einem 16-Stunden-Tag abends auf einen Rotwein zusammensetzen und alles noch mal in Ruhe durchdenken. Dafür haben Politiker dieses Kalibers keine Kapazitäten. Ich hätte nicht die geringste Einflussmöglichkeit und wäre bloß ein Feigenblatt. Warum also?

Weil die Hoffnung zuletzt stirbt, auch die Hoffnung auf Veränderung.

Aber mit dieser Hoffnung renne ich nicht ins Kanzleramt. Klar ist: Das bestehende demokratische System wird kollabieren.  Nicht nur weil die Jugend nicht mehr mitmacht, sondern weil die im 18. und 19. Jahrhundert geschaffenen Strukturen für die moderne Mediengesellschaft nicht mehr taugen. Wir müssen also die repräsentative Demokratie an die neuen technischen Herausforderungen anpassen. Ich kann zwar noch nicht sagen, wie. Aber anders als den meisten Spitzenpolitikern, die sich im Grunde immer noch „in der besten aller möglichen Welten“ wähnen, ist mir klar, dass etwas passieren muss.

Sie zitieren gerade den Philosophen Leibniz. Winston Churchill hat einmal gesagt, die Demokratie sei die schlechteste Regierungsform, abgesehen von allen anderen.

Ich will die Demokratie ja auch nicht abschaffen…

… Gibt es sie denn überhaupt noch – in Amerika zum Beispiel?

Die USA waren – nach hehren Prinzipien betrachtet  - nie eine Demokratie. Da müssen sie Millionär sein oder das Geld von Millionären sammeln, um Präsident werden zu können. Ich nenne das Timokratie, Geldherrschaft. Verglichen damit leben wir Deutsche in einer Demokratie.

Ah, Herr Precht, ertappe ich Sie hier gerade bei anti-amerikanischen Ressentiments, die in Ihrer Familie ja durchaus geläufig waren?

Nein, überhaupt nicht. Ich bin viel in Amerika gewesen und habe eine Zeitlang für eine US-Zeitung gearbeitet. In mir ist nicht die Spur von emotionalem Anti-Amerikanismus, höchstens eine Aversion gegen bestimmte amerikanische Politiker. Aber damit stehe ich ja nicht allein da. Das ist kein Produkt meiner Erziehung, insofern bin ich an der Stelle -  weil Sie ja meine Eltern erwähnen – auch kein Fall für Freud.

Sie haben einmal gesagt, dass menschliche Beziehungen filmischen Mustern folgten. Angewandt auf Ihre Biografie: Was wäre Ihr Lebensfilm?

Shortcuts vielleicht. Weil ich nie sehr lang das Gleiche gemacht habe. So zerfällt mein Leben in sehr unterschiedliche Phasen, und wenn es überhaupt einem festen Muster folgt, dann der Variation.

Welche drei philosophischen Worte würden Sie mit auf die einsame Insel nehmen?

Worte? Themen könnte ich sagen: Was mich am meisten interessiert und wo ich mich auch fachlich am besten auskenne, ist der Grenzbereich zwischen Philosophie und Biologie: Wie kam es dazu, dass das Naturwesen Mensch zu einem Kulturwesen wurde, und was ist auf dem Weg dorthin passiert? Wie lässt sich „biophilosophisch“ Kultur erklären? Wäre ich tatsächlich in der unglücklich-glücklichen Lage, drei Jahre auf einer einsamen Insel verbringen zu dürfen, würde ich ein Buch über diese Fragen schreiben.

Das ist jetzt erst mal nur ein Thema.

Wenn ich es recht bedenke, reicht das aber auch für drei Jahre.

Und welchen Philosophen empfehlen Sie vor allen anderen zur Lektüre?

Da fällt es mir nun umgekehrt schwer, mich auf einen festzulegen. Wen man aus der Vergangenheit lesen sollte, um unsere Gegenwart besser zu verstehen, das sind John Stuart Mill, Karl Marx und Georg Simmel.

Karl Marx, sieh da! Er hat einmal gesagt: „Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert; es kommt aber darauf an, sie zu verändern.“ Verstehen Sie eine Marx-Relecture auch als Anleitung zur Reform der Gesellschaft?

Die Handlungsanweisung nimmt in der Marxschen Philosophie ja nur eine sehr geringe Rolle ein. Er hat ein einziges Mal eine konkrete Vorstellung von der künftigen Gesellschaft formuliert und gesagt, die kommunistische Gesellschaft werde es ermöglichen, „heute dies, morgen jenes zu tun, morgens zu jagen, nachmittags zu fischen, abends Viehzucht zu treiben, nach dem Essen zu kritisieren, wie ich gerade Lust habe, ohne je Jäger, Fischer, Hirt oder Kritiker zu werden“. Diesen Satz würden wahrscheinlich all die Leute bestätigen, die am Prenzlauer Berg im Café sitzen,  Latte macchiato trinken und dabei auf ihrem Laptop irgendwelche Grafikdesign-Auftrage erledigen, während ihre Kinder um sie herumtollen.  Das ist die alte Marxsche Utopie, die heute wieder da ist: kein fester Beruf, keine feste Rolle, selbstbestimmt leben können, nicht etwas sein müssen, immer etwas werden können.

 „Wer bin ich, und wenn ja, wieviele?“ à la Karl Marx… Ihre Beschreibung klingt eher nach Karikatur. Halten Sie das für ernsthaft relevant?

Diese Marxsche Prophetie ist heute wieder mindestens so bedeutsam wie seine nach wie vor unübertroffene Analyse des Kapitalismus. Ich glaube, selbst ein Milton Friedman würde nicht bestreiten, dass keiner den Kapitalisten ihren Kapitalismus klüger erklärt hat als Marx. Bis hin zu der Prognose, dass der Kapitalismus nicht durch die Revolution der arbeitenden Klasse zugrunde gehen wird, sondern an dem von Marx im dritten Band des „Kapital“ so genannten "fiktiven Kapital“. Also, wenn das nicht providentiell ist!

Sie fordern immer wieder ehrenamtliches Engagement und Solidarität zwischen den Mitgliedern einer Gesellschaft. Schlagen Sie damit die Brücke zum alten Marx?

Durchaus. Wir haben in unseren Debatten leider viele Freund-Feind-Linien, die keine sind. Zum Beispiel stört es mich an den Linken, dass sie die Lösungen immer vom Staat erwarten. Natürlich erwarte auch ich, dass der Staat die sozialen Sicherungssysteme garantiert. Aber ich möchte, dass die sozialen Probleme in diesem Land durch persönliches Engagement mitgelöst werden. Weil Moral eine Frage von Personen ist, nicht von Gesetzen.

Und in 30 Jahren soll dann einmal Ihr Name in den Handbüchern der Philosophie- und Gesellschaftsgeschichte stehen?

Das ist mir so was von egal. Ganz ernsthaft. Ich bin zu jung für eine Generation, die sich Gedanken über ihren Nachruhm macht. Erstens weil Nachruhm ja nichts anderes ist als die nicht-religiöse Variante der Unsterblichkeit. Früher, als die Menschen oft nicht älter als 30 oder 40 Jahre alt wurden, haben sie sehr viel Wert auf die Unsterblichkeit gelegt. Bald werden wir alle 100 – da ist mehr Zeit, sich mit dem Diesseits zu befassen. Das gilt auch für mich. Es gibt aber noch einen zweiten Grund: Man wird in Zukunft keine historische Rolle mehr spielen können, weil es keine Historie mehr geben wird. Eine Gesellschaft, die sich so sehr in die Breite vernetzt und ständig neues Wissen sammelt, tauscht ihr Personal unglaublich schnell aus und archiviert es nicht mehr. Die Zeiten, in denen Bertolt Brechts Briefwechsel x-mal herausgegeben und kritisch ediert wird, sind vorbei. So etwas wird keinem lebenden Schriftsteller unter 50 mehr widerfahren. Das wird auch keinen mehr interessieren.

Die Auflösung ins Vergessen, ins Nichts – eine schreckliche Vorstellung! So empfanden es jedenfalls viele Menschen über Tausende von Jahren. Hilft dagegen am Ende nicht doch nur eine Renaissance des religiösen Glaubens an die Unsterblichkeit?

Ich glaube, die Menschen heute wollen 100 Jahre lang so glücklich und erfüllt leben, dass sie dann auch bereit sind, loszulassen und zu gehen. Außerdem bleibt uns ja allen eine Möglichkeit, unsterblich zu sein und tradiert zu werden. Nämlich durch unsere Kinder. Der britische Evolutionsbiologe Richard Dawkins hat mal formuliert, „wir halten 50 Prozent des genetischen Aktienbesitzes an unseren Kindern“. Man könnte auch sagen, unsere Kinder sind die einzigen Garanten nicht nur unserer biologischen, sondern auch unserer biografischen Unsterblichkeit. Und die ist – ehrlich gesagt – sehr, sehr viel wichtiger als diese ganze Geschichtsbuch-Dimension. Die wird weggehen, wird einfach verschwinden.

Und auf Ihrem Grabstein wird dann stehen…?

… Er ging nicht gern, aber zufrieden. 

 

Interview: Joachim Frank