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Richard David Precht: „Ich will das Grundeinkommen, um das Schlimmste zu verhindern“

Precht Interview

Richard David Precht im Interview.

Foto:

Simon Hecht

Herr Precht, Sie beschäftigen sich mit der Frage, welche Auswirkungen die Digitalisierung auf die Arbeitswelt hat. Es scheint ja nur wenige Berufe zu geben, die nicht bedroht sind.

Grob geschätzt wird vielleicht die Hälfte der Berufe übrig bleiben. Erzieher und Lehrer, auch Krankenschwestern wird es noch geben, man wird sich nicht völlig digital pflegen lassen. Hochwertiges Handwerk wird übrig bleiben, also alles, was nicht aus dem 3D-Drucker kommt. Der Marmorfußboden, die gediegene Handarbeit. Wir werden einen Imageverlust der Dienstleistungsberufe haben, die man klassischerweise mit Abi macht.

Ist uns das Ausmaß der Veränderungen schon bewusst?

In der Bevölkerung gibt es eine tiefe Ahnung davon, dass viel Altes verloren gehen wird und etwas Neues kommt, auf das sich die wenigsten freuen. Das ist der Grund, warum in der Politik die Retropie, die rückwärtsgewandte Utopie, vorherrscht. Das Wort Digitalisierung löst überall Angst aus.

Sprechen Sie von der AfD?

Nein, das finden Sie überall. Auch bei der Linken. Ein Großteil der Linken möchte in die Zeit von Willy Brandt zurück und sieht in der Technik überwiegend das Bedrohliche. Dabei wäre es Aufgabe der Linken, für das digitale Zeitalter eine Utopie zu entwerfen, weil das ein ur-linkes Thema ist. Im 19. Jahrhundert haben die damaligen Linken als Vorhut davon geträumt, dass die Menschen von unwürdiger, körperlich verheerender Arbeit durch Maschinen befreit werden. Die technische Revolution wurde von den Linken befürwortet. Und heute leben wir in einer Zeit, in der die Linke in der Technik ausnahmslos Bedrohung und Greuel sieht, aber nicht die Möglichkeit, Menschen von langweiliger Arbeit zu befreien.

„Wir haben ja heute unfassbar viel Geld, das wir für nichts gebrauchen können“

Die Angst der Menschen vor einem drohenden Jobverlust ist doch verständlich.

Aber langfristig kann die Veränderung ein starkes Befreiungselement haben. Die Betonung liegt jedoch auf langfristig, kurzfristig werden wir durch starke Erschütterungen gehen. Mir geht es darum, den Menschen die Augen zu öffnen, damit diese Erschütterungen nicht allzu brutal ausfallen. Ich möchte in einer Umbruchphase das Schlimmste verhüten. Langfristig gesehen ist die Geschichte der Menschheit stark aufsteigend. Warum soll durch die Digitalisierung dieser Prozess beendet werden? Das glaube ich nicht. Die Vorstellung, dass vielleicht die Hälfte der Bevölkerung keinen Job hat, aber genug Geld in der Tasche und Pläne für den Tag ist keine negative Utopie.

Woher haben die Menschen das Geld?

Das ist das geringste Problem. Wir haben ja heute unfassbar viel Geld, das wir für nichts gebrauchen können, außer zum Zocken an Börsen. Die Digitalisierung spart viel Geld ein. Den Roboter kaufe ich einmal, der macht keinen Urlaub, verursacht keine Lohnnebenkosten. Es gibt einen enormen Produktivitätsfortschritt durch die Digitalisierung, und viele Nebenkosten fallen weg. Da wird unglaublich viel generiert, und die spannende Frage ist, wie speisen wir das so in den Kreislauf ein, dass alle Menschen vernünftig leben können. Das ist eine Verteilungsfrage.

Sie sind für ein Grundeinkommen?

Das werden wir sicher machen. Aber nicht aus diesen anthroposophischen Grundsätzen heraus, aus denen die Verfechter das ursprünglich mal wollten. Diese Theorie, der Mensch sei von Natur aus kreativ und wenn er nur genug Geld in der Tasche habe, werde er schon glücklich, ist natürlich Unsinn, denn den Mensch an sich gibt es nicht. Und ob er kreativ oder destruktiv wird, hängt von seinen Lebensumständen, seiner Erziehung und vielem anderen ab. Ich will das Grundeinkommen nicht deshalb, weil ich glaube, dass dann jeder kreativ wird. Ich will es, um das Schlimmste zu verhindern.

Was heißt das?

Damit Leute, für die keine Arbeit mehr da sein wird, und das wird irgendwann die Hälfte der Bevölkerung sein, sich nicht als Loser vorkommen müssen. Damit sich die Gesellschaft nicht spaltet in einen produktiven Teil im Sinne einer klassischen Arbeitsgesellschaft und einen abgehängten Teil, der diesen Status vererbt. Wenn wir zu einer solchen Gesellschaft werden, gibt es einen Bürgerkrieg. Das wäre verheerend. Wir brauchen eine Gesellschaft, in der das Wechselverhältnis, mal berufstätig zu sein und mal nicht, gesellschaftlich völlig akzeptiert ist und für jeden, der gerade nicht arbeitet, auch die Chance besteht, wieder reinkommen zu können und nicht generell abgehängt zu sein. Das führt natürlich zu einer Veränderung unseres Bildungssystems.

Was muss sich ändern in der Bildung?

Der Grundgedanke muss sein, dass Menschen, die später alle nicht angestellt arbeiten, von ihrer intrinsischen Motivation abhängig sind, also muss die Schule nichts anderes tun, als diese intrinsische Motivation zu fördern. Deshalb darf man zum Beispiel keine Noten geben. Das ist eine extrinsische Belohnung. Nun bin ich nicht naiv und würde gegenwärtig nicht die Noten abschaffen, denn dafür muss man erst das System umbauen. Auch hier geht es mir wie beim Grundeinkommen nicht um das Prinzip, ich mache daraus kein Dogma. Das andere ist die Dreiteilung, die wir immer noch im Schulsystem haben. Das hat nichts mehr mit der Arbeitswelt zu tun. Es würde reichen, eine Art von Schule zu haben, in der wir Interessenselektion und nicht Herkunftselektion betreiben.

Wie weit sind wir auf dem Weg, Veränderungen anzustoßen?

Wir stehen noch ganz am Anfang. Die Versäumnisse sind eklatant. Wir reden über lauter Schokostreusel, aber nicht über den Kuchen. Den handelnden Politikern traue ich nicht zu, das zu ändern. Denn eins ist klar: Jede große Veränderung bringt viel Ärger mit sich. Und den wollen Politiker nicht haben. Das liegt auch daran, dass sie gemocht werden wollen, was sie sehr von den Politikern früher unterscheidet. Wenn man mit allem, was man macht, lieb Kind sein will, dann kann nichts Vernünftiges dabei heraus kommen. Unsere Politiker versuchen immer, den Weihnachtsmann zu spielen.

Ist das der Grund, warum Digitalisierung kein großes Thema im Wahlkampf ist?

Digitalisierung wird im Wahlkampf kein Thema sein. Wenn Politiker über Digitalisierung reden, geht es nur darum, dass Deutschland Schritt halten muss, um genug vom Kuchen abzubekommen. Das sind rein ökonomische Fragestellungen. Es geht aber nicht um die gewaltigen Folgen für die Bildung oder das Steuersystem. Das kommt alles noch nicht vor.

Wann werden sie dem Thema größere Beachtung schenken?

Ich fürchte, es muss erst richtig was kaputt gehen. Ich habe das Gefühl, dass aus dem laufenden Geschäft nichts zu verändern ist. Wir warten auf die Arbeitslosigkeit. Das wird mit Banken, Versicherungen und Verwaltungen im großen Stil losgehen. Wenn dann erst mal zwei, drei Millionen Arbeitslose hinzukommen, leben wir in einem anderen Land. Die Folge wird sein, dass die populistischen Parteien einen sehr viel größeren Zulauf kriegen. Sie werden als neues Thema die Arbeitslosigkeit entdecken und gegen die Digitalisierung wettern. Die Angst vor der Überfremdung durch Flüchtlinge und der Entfremdung durch Technik hängt ganz eng zusammen. Ein gleitender Übergang vom einem zu anderen ist möglich. In dem Moment werden die etablierten Parteien verstehen, dass sie ihren Kurs nicht fortsetzen können. Das wird dann aber ein Reagieren sein, wenn es schon für vieles zu spät ist.

„Wir haben einen Angststillstand“

Aber wenn Sie sagen, es muss erst etwas kaputt gehen, machen Sie vielen Menschen natürlich erst Recht Angst.

Ich will ja gar nicht, dass irgendetwas kaputt geht. Ich will den Leuten sagen: Macht es jetzt! Aber das passiert nicht. Wir haben kein utopisches Potenzial mehr. Wir glauben nicht, dass wir die Gesellschaft von uns aus nennenswert verändern können. Wir haben einen Angststillstand.

Wir sprechen viel über Politiker. Aber sind das wirklich noch die, die entscheiden?

Sie meinen, weil es einem Konzern wie Google völlig egal ist, wer unter ihm Bundeskanzler ist? Das stimmt. Da hinken wir hinterher. Handlungsspielräume auf nationaler Ebene sind immer kleiner und kleiner geworden. Da muss man tatsächlich sehen, dass man zu einiger Macht zurückfindet. Und das muss man auf europäischer Ebene machen. Wie wir im Augenblick sehen, funktioniert das nicht. Dann muss man aus der Not heraus bilateral solche Veränderungen herbeiführen. Das gelingt über Dominoeffekte. Wenn ein Land mit etwas anfängt, das funktioniert, machen es die anderen nach. Das wird beim Grundeinkommen so sein und auch bei der Bildungspolitik. Das entwickeln wir aber nicht von uns aus, wir sind eher Mitmacher.

Blicken Sie doch zum Abschluss einmal positiv in die Zukunft. Wie könnte Deutschland 2030 nach einer gelungenen digitalen Transformation aussehen?
Ein Drittel der deutschen Bevölkerung geht keiner normalen Erwerbsarbeit nach, was aber nicht dazu führt, dass sie keinen Partner mehr abkriegen, weil sie nach heutiger Kaufkraft 1500 Euro in der Tasche haben, von denen sie sich ein normales Leben leisten können. Weil sie durch ein tolles Bildungssystem gegangen sind, haben sie jederzeit die Möglichkeit, mit guten Freunden eine Firma zu gründen und mit einer guten Idee Geld zu verdienen. Die Schule ist der Coach, aus ihnen das Beste herauszuholen. Das, was sie aus Lust tun und das, was sie für Geld tun, wird im größten Teil aller Berufe nicht mehr auseinanderfallen. Und das Land holen wir in die Stadt zurück, wir werden so grüne und leise Städte haben, die einen enormen Anstieg an Lebensqualität verzeichnen. Die Autos werden keinen Krach machen und nicht im Weg rumstehen. Unsere Städte werden wunderschön sein.  

  1. „Ich will das Grundeinkommen, um das Schlimmste zu verhindern“
  2. „Wir haben ja heute unfassbar viel Geld, das wir für nichts gebrauchen können“
  3. „Wir haben einen Angststillstand“
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