28.07.2016
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Schauspiel: Ein Mann wie Edeltraud

Markus John setzt den Lippenstift an und verwandelt sich in seine Kunstfigur.

Markus John setzt den Lippenstift an und verwandelt sich in seine Kunstfigur.

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Sandra Then

Köln -

Auf den Mittelsäulen der U-Bahnhaltestelle Appellhofplatz prangen, bunt verfremdet, die Kölner Köpfe. Alltagsmenschen, Prominente und schon wieder Vergessene. Die Porträts sind gut 20 Jahre alt, die Stadt ist schon nicht mehr ganz dieselbe. Wenn diese Köpfe reden könnten, denkt man sich, wartet man mal wieder auf eine verspätete Bahn.

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In seiner „Kölner Affäre“ brachte der lettische Regisseur Alvis Hermanis vier solcher Kölner Charakterköpfe zum Sprechen. Einer spielte sich selbst, drei andere wurden stellvertretend von Schauspielern des Kölner Ensembles verkörpert.
Sie hatten sie jeweils in der Stadt kennengelernt, zufällig, manchmal ganz in der Nähe des Schauspielhauses, zwischen Appellhofplatz und Neumarkt. Sie hatten sich ihre Geschichte erzählen lassen und sich dabei auch ihre Gesten, ihre Haltung, ihre Art zu sprechen einverleibt.

Das war vor viereinhalb Jahren. Aber Foxi, der Taxifahrer mit der illustren Rotlicht-Vergangenheit, dürfte den meisten Zuschauern in Erinnerung geblieben sein. Für Markus John, der Foxi damals zur Bühnenfigur erhoben hat, war es seine wirklich schönste Theaterarbeit.

Jetzt lässt er ihn in „Foxi, Jussuf, Edeltraud“ auf der kleineren Bühne der Expo XXI wieder aufleben, diesen Kölner Charakterkopf. Und konfrontiert ihn mit zwei weiteren, echten Bürgern dieser Stadt.

Dass da ein großer Kerl mit Ohrclips sitzt – das sieht man nicht mehr

Mit Jussuf, dem Museumswärter, der vor Salvador Dalís monumentalem Spätwerk „Der Bahnhof von Perpignan“ seinen Dienst schiebt. Mit Edeltraud, deren Mann einst im Vorstand der Klöckner-Humboldt-Deutz AG saß. Es ist ein Abend ohne Autor, ohne Regisseur, ohne Mitspieler und ohne übergreifendes Konzept. Ein Abend für drei Kölner Köpfe, die weniger von Markus John gespielt werden, als dass sie durch ihn hindurch sprechen.
Foxi kennen wir nun schon. John spricht den Text, den man aus der „Kölner Affäre“ noch ausreichend in Erinnerung hat. Das ist die einzige Enttäuschung des Abends. Doch wer damals dachte, dass so eine Milieu-Type dem bulligen John eben liegt, darf sich jetzt wundern, wie vollkommen er hinter dem akkuraten Museumswärter und der willensstarken Witwe verschwindet.

Als Jussuf sich über den Kölner Klüngel ereifert, brandet Applaus auf. Der gilt nicht Johns Darstellung, sondern ganz direkt Jussuf und seiner moralischen Empörung. Im Wilden Westen sollen unerfahrene Theaterbesucher ja auf Shakespeare-Bösewichte geschossen haben. Und als Edeltraud über die Demenz-Erkrankung ihres Mannes berichtet, wie sie mit ihm noch schöne Restaurants besucht hat, obwohl sie ihn schon füttern musste, wie sie seine Hand bis spät nachts im Hospiz hält und dann doch nach Hause fährt, weil sie weiterleben will, da sitzt jeder Zuschauer für sich mit Edeltraud auf dem Sofa und möchte sie mal kurz in den Arm nehmen.

Dass da Markus John sitzt – ein großer Kerl mit Ohrclips und einer um die Schultern geschlungenen Stola als einzig fraulichen Attributen – das sieht man nicht mehr. Die Verwandlungen geschehen zu inhaltsleeren Schlagern von Lee Dorsey und Mungo Jerry. John wippt ein wenig zum Beat, klebt sich einen Oberlippenbart an oder bindet seine Haare zum Zopf. Und schon ist er einer von drei Kölner Köpfen. Ein Alltagsmensch mit einer wunderbaren, berührenden, jeweils ganz eigenen Geschichte.
Der Jubel zum Schluss gilt dann allein Markus John. Beim Verbeugen greift er links und rechts nach den Händen seiner Kölner Bekanntschaften, die sich wundersamerweise in Luft aufgelöst haben.