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Schulform-Diskussion: „Es ist Zeit für eine Reform“

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Experte für das Thema Inklusion: Tony Booth. Foto: Michael Bause
Schulen müssten so entwickelt werden, dass sie alle Kinder besser annehmen. Das findet Tony Booth, Cambridge-Professor und Experte für Inklusio. Im ksta-Interview spricht er über einen neuen Ansatz für alle Schulen.
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Herr Booth, in der deutschen Diskussion wird mit dem Wort Inklusion das Eingliedern von Kindern mit Behinderungen bezeichnet. Sie setzen sich aber für einen viel weiter gefassten Gebrauch ein.

Tony Booth: Ich interessiere mich dafür, wie Schulen und Kindergärten so konstruiert werden können, dass sich jeder dort wohlfühlt. Inklusion ist also nicht allein ein Konzept für Kinder, sondern es geht genauso um die Erwachsenen, die an diesen Orten arbeiten.

Also beschränkt sich Ihr Inklusions-Begriff auch nicht nur auf Kinder mit Behinderungen?

Booth: Auf keinen Fall! Als Konzept allein für behinderte Kinder führt Inklusion in eine Sackgasse. Denn diese Kinder stehen stellvertretend für alle Schüler. Wenn sie nur in Bezug auf ihre Behinderung integriert werden und nicht als komplexe Persönlichkeiten mit unterschiedlicher Herkunft und unterschiedlichen Interessen – dann sind sie überhaupt nicht integriert. Ich konzentriere mich deswegen auf die strukturelle Entwicklung von Schulen und des Bildungssystems, so dass dort ein weiterer Ansatz von Inklusion angewendet werden kann.

Was muss sich ändern?

Booth: Wenn heute Kinder aus dem Förderschulsystem in das Regelschulsystem kommen, ist es wahrscheinlich, dass an den Regelschulen gedacht wird: „Wir machen nichts großartig anders, sondern geben diesen Kindern einfach nur ein bisschen besondere Unterstützung.“ Meiner Erfahrung nach führt das zu einer Art Drehtüreffekt. Die Kinder kommen in das Regelschulsystem und haben dort Schwierigkeiten, weil diese Schulen nicht besonders stark auf sie eingehen. Und dann geraten die Schulen unter Druck, sie wieder aus dem System zu drängen. Deswegen ist mein Ansatz, Schulen so zu entwickeln, dass sie alle Kinder besser annehmen. Es geht darum, sie auch von innen zu entwickeln um Rahmenbedingungen und Werte, die die Schulen zu besseren Orten für die Erwachsenen machen. Dann werden sie auch bessere Orte für die Kinder.

Sie sehen also die Gefahr, dass Kinder von Förderschulen auf Regelschulen kommen, die noch gar nicht darauf vorbereitet sind?

Booth: Meine Erfahrung ist, dass zu diesem Prozess des Bereitwerdens gehört, einfach anzufangen. Die Menschen in Deutschland denken im Moment, hier gäbe es kaum gelungene Beispiele für Inklusion. Aber es gibt sie. Wenn Sie wie ich durch ganz Deutschland reisen, treffen sie eine Menge Menschen, die eine wunderbare Arbeit machen.

Wie unterscheidet sich die Situation in Deutschland von der in Großbritannien?

Booth: In Deutschland gehen etwa fünf Prozent aller Kinder auf Förderschulen. In Großbritannien sind es etwas über ein Prozent. Aber wenn man in England auf die Details guckt, findet man jede Menge Ausnahmeregelungen innerhalb der Regelschulen. Also sind die Zahlen eigentlich nicht so dramatisch unterschiedlich, wie es auf den ersten Blick scheint. Im Moment gibt es eine Debatte in ganz Europa über das Thema Inklusion. Mein Interesse ist es, einen europäischen Dialog zu schaffen und das Thema gemeinsam anzugehen. Es gibt in vielen Ländern gute Ansätze, wie man die Probleme lösen kann. Ich bin da optimistisch.

Optimismus ist bekanntlich nicht gerade eine Spezialität der Deutschen. Hier gibt es viele Bedenken, was die Inklusion betrifft.

Booth: Die Leute haben die merkwürdige Vorstellung, als kämen plötzlich ganze Horden von Kindern mit ihren Rollstühlen die Straße hinuntergeschossen. Als ob die Blinden, die Lahmen und die Tauben plötzlich unsere Schulen stürmten! Dabei geht es doch bloß um ein paar Kinder. Bei den meisten würden wir den Unterschied noch nicht mal merken.

Halten Sie das Konzept der Förderschulen für gescheitert?

Booth: Die Idee, dass man Bildungsschwierigkeiten lösen kann, indem man eine Gruppe von Kindern aus dem System herausnimmt und sie in einer Förderschule unterrichtet, ist falsch. Das Experiment ist gescheitert. Die Gründe für Erziehungsschwierigkeiten sind so vielfältig! Es kann keine Lösung sein, einfach zu sagen: „Wir haben Schwierigkeiten in der Schule und als Resultat entfernen wir einige Kinder.“ Das ist ein Fehler, denn der Ursprung der Probleme liegt ganz woanders. Unter anderm darin, was wir den Kindern in diesen Schulen beibringen. Etwa 80 Prozent der Schüler kommen nicht besonders gut mit den Lehrplänen und der Art des Unterrichts klar – vor allem in den weiterführenden Schulen. Warum sollten wir also nicht die Schulen für alle reformieren und sie zu guten Orten für jeden machen?

Wie könnte das aussehen?

Booth: Bislang habe ich Ansätze unterstützt, die es schon lange gibt: Beispielsweise ein Umfeld zu schaffen, indem Kinder und Erwachsene sich untereinander und gegenseitig unterstützen. Oder die Schulen zusammen mit den Gemeinden entwickeln. Aber meine neusten Forschungen beschäftigen sich mit den Details: Was Kinder lernen und was Lehrer lehren. Ich schlage eine neue Art vor, über Lehrpläne nachzudenken. Die Art und Weise, wie wir an Schulen lernen – vor allem an weiterführenden Schulen – stammt aus dem 19. Jahrhundert. Und ich sage: Es ist Zeit, über Lehrpläne des 21. Jahrhunderts nachzudenken, die die Themen und Probleme anpacken, die unsere Kinder in Zukunft beschäftigen werden. Es ist Zeit für eine grundlegende Reform.

Wie könnte ein solcher Lehrplan für das 21. Jahrhundert aussehen?

Booth: Er sollte auf jeden Fall nicht nur für Kinder, sondern für jeden konzipiert sein – von drei bis 93 Jahren. Ich habe diese Ideen einmal in einer Vorlesung in Mexiko präsentiert und danach kam jemand zu mir und sagte: „Ich habe einen Einwand: Mein Vater ist 94 und er wäre auch sehr interessiert.“

Das Gespräch führte Kerstin Meier

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