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Startenor Piotr Beczala: "Schlager hat die Operette runtergezogen"

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Piotr Beczala hat sein neues Album Richard Tauber gewidmet. 
Der polnische Startenor Piotr Beczała hat eine CD mit überwiegend deutschen Operetten-Highlights aufgenommen. Im Interview mit KStA-Mitarbeiter Markus Schwering spricht er über die Kunstform Operette und sein neues Album.  Von
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Herr Beczała, Sie sprechen fantastisch Deutsch. Ohne das wäre wohl auch diese CD mit ganz überwiegend deutschen Operetten-Highlights nicht möglich geworden?

PIOTR BECZAŁA: Auf keinen Fall. „Winterstürme wichen dem Wonnemond“ – das muss man nicht so genau verstehen, nicht wahr? Aber für die Operette braucht man dann doch eine andere Sprachpräsenz, einfach eine andere Attitüde.

Ihr Bekenntnis zur Operette ist mutig. Bis in die 60er Jahre hinein war es üblich, dass „seriöse“ Opernsänger“ – Rudolf Schock, Fritz Wunderlich – sich auch im leichten Fach umtaten. Das brach dann ab, mit einem angeblich so spießigen, reaktionären und kitschigen Genre wollte sich niemand mehr kompromittieren.

BECZAŁA: Ja, das ist schon merkwürdig, dass jetzt ein Pole der Vorbote für die Neuerfindung der Operette sein soll. Aber genau darum geht es mir: Ich will das Publikum, aber auch die Dirigenten ermutigen, das Genre ernst zu nehmen. Und das Leichteste ist ja oft das Schwerste. Aber wenn es passt ... Christian Thielemann hat mit Lehár gezeigt, dass man mit einem exzellenten Orchester Operette exzellent musizieren kann.

Zur Person

Piotr Beczała, 1966 im polnischen Czechowice-Dziedzice geboren, absolvierte ein Gesangsstudium in Kattowitz. Nach Engagements in Linz (1992–1997) und Zürich (ab 1997) und seinen ersten internationalen Auftritten als Tamino bei den Salzburger Festspielen (1997), an der Deutschen Oper Berlin und an der Wiener Staatsoper (1998) folgte eine internationale Karriere, in welcher er sich weltweit als einer der Hauptrepräsentanten des lyrischen Tenorfachs etablierte.

Sein erstes Soloalbum „Mein ganzes Herz. Richard Taubers größte Erfolge“ ist soeben beim Label DGG erschienen. (MaS)

Aber woher kommen denn dann die Vorbehalte der Bildungsschicht gegenüber der Operette?

BECZAŁA: In den 70er Jahren hat der Schlager die Operette mit sich heruntergezogen. Die Leute haben das dann über einen Kamm geschoren – was aber falsch war.

Worin besteht denn für Sie der spezifische Appeal der Gattung?

BECZAŁA: Es war für mich eigentlich immer schon interessant. Mein Gesangslehrer in Kattowitz zum Beispiel war ein Operettentenor. Damals schon habe ich „Land des Lächelns“ auf Polnisch gesehen und hab gedacht: Das ist ein Hammer. Was es da zu singen gibt – in den ersten 30 Minuten drei Arien, zwei Duette und jede Menge Dialoge. Und das ist schwer zu singen. Und dann die Orchestrierung! Puccini soll ja kurz vor seinem Tod den Wunsch geäußert haben, Lehár möge „Turandot“ zu Ende komponieren. Das kam ja nicht von ungefähr.

Die sängerische Herausforderung ist unbestritten. Aber die Qualität ...

BECZAŁA: Es sind einfach tolle Melodien. Es gibt nicht diese überintellektuelle Art der Tongebung, aber den unglaublichen melodischen Reichtum. Das ist anders als bei Lloyd Webber, der pro Musical mit zwei Einfällen auskommt.

Früher war es ja gang und gäbe, dass Operettenkomponisten Sängern ihre Partien auf den Leib schrieben. Richard Tauber – Sie singen ja auf Ihrer CD die Operetten- und Filmmelodien, die ihn weltberühmt machten – ist so ein Fall. Da muss Sie doch der Neid packen ...

BECZAŁA: Ja, das gibt es heute nicht mehr. Dazu müsste ein Komponist eine Stimme aus dem Effeff kennenlernen wollen. Zu Richard Tauber: Da hat sich einer mit einer charismatischen Opernstimme der Operette zugewandt – das war übrigens schon damals nicht gang und gäbe. Die Komponisten waren jedenfalls dankbar, und jemand wie Lehár hat durch Tauber sicher einen richtigen kreativen Schub bekommen.

Für Sie ist das selbstredend auch ein Problem: Sie singen für Tauber komponierte Stücke, sind aber selbst nicht Tauber.

BECZAŁA: Kopieren wollen darf man nicht, dann hat man verloren. Sich inspirieren lassen – das geht bis zu einem gewissen Punkt. Für mich sind alle diese Arien und Lieder kleine Geschichten, die ich zu erzählen versuche – eben mit meiner Stimme und in einer Interpretation, die ich mit dem Dirigenten ausgemacht habe. Ausnahme ist das fiktive Duett mit Tauber in „Du bist die Welt für mich“ aus seiner eigenen Operette „Der singende Traum“, wo wir uns auf Taubers Interpretation einlassen mussten. Ansonsten habe ich nicht versucht, ihn nachzumachen. Er hat ja auch mit diesen individuellen Freiheiten gesungen, die später gar nicht mehr möglich waren.

Und die Stimme?

BECZAŁA: Ich singe ja etwas höher als Tauber, der andererseits dieses unnachahmliche Falsett hatte – etwa in Robert Stolz’ „Das Lied ist aus“. Aber das wollte ich mit meiner Stimme machen und nicht auf das zurückgreifen, was er zur Verfügung hatte.

Kommen wir noch einmal auf „Du bist die Welt für mich“. Wie entstand die ausgefallene Idee, Sie im Duett mit Tauber singen zu lassen?

BECZAŁA: Die entstand bei der Deutschen Grammophon. Es gibt halt inzwischen die technische Möglichkeit, alte Aufnahmen von ihm in neue – in diesem Fall eben meine – hineinzuschneiden. Das haben wir dann an einzelnen Stellen gemacht, so dass dieser Dialog entstanden ist. Es ging uns dabei nicht um einen Stimmvergleich – das ist sinnlos –, sondern um die Möglichkeit, Interpretationen zu vergleichen.

Und dann haben Sie noch ein historisches Mikrofon gefunden ...

BECZAŁA: Ich wusste, dass Tauber in Berlin, wo wir den zweiten Teil der CD gemacht haben, ebenfalls aufgenommen hat. Da habe ich nach den alten Mikrofonen gefragt, und tatsächlich hat der Tonmeister in einem Schrank ein Mikrofon aus den 30ern gefunden. Solche Mikrofone haben wir dann auch benutzt. Ich finde, der Ton wurde dadurch angenehmer, runder – er kommt nicht so direkt.

Die Auswahl ist Ihre Agenda ...

BECZAŁA: Ja, das habe ich so haben wollen.

Haben Sie eigentlich ein persönliches Lieblingsstück?

BECZAŁA: Ja, das ist „Ich küsse Ihre Hand, Madame“.

Manches – etwa „Wien, du Stadt meiner Träume“ – singen Sie übertrieben identifikatorisch. Ist da ein Schluck Ironie dabei?

BECZAŁA: Nun ja, als wir das aufnahmen, hatten meine Frau und ich noch keine Wohnung in Wien. Jetzt würde ich das anders singen.

Muss man Wien kennen, um Wiener Operette singen zu können?

BECZAŁA: Es schadet jedenfalls nicht. Dieser Schmäh, die Atmosphäre von Grinzing, die Kaffeehäuser, die melancholische Sentimentalität, die man in Deutschland leicht als Kitsch missversteht – das geht da alles mit.

Und diese Mentalität hat sich bis heute erhalten?

BECZAŁA: Auf jeden Fall. Das merken Sie sofort, wenn Sie Wiener außerhalb von Wien treffen.

Das Gespräch führte Markus Schwering

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