27.09.2016
Aktuelle Nachrichten aus Köln und der ganzen Welt

Türkischstämmiger Autor: Akhanli-Prozess verschoben

Dogan Akhanli

DOGAN AKHANLI: Ein türkisches Gericht hat den Freispruch des türkischstämmigen Kölner Schriftstellers Dogan Akhanli aufgehoben. Dabei hatten sich die Vorwürfe gegen ihn als haltlos erwiesen. Im Oktober 2011 hatte ein Gericht in der Türkei den Autor von dem Vorwurf freigesprochen, er sei an einem lange zurückliegenden Raubüberfall beteiligt gewesen. Im August 2010 war er bei der Einreise am Flughafen in Istanbul festgenommen worden. Akhanli saß vier Monate in U-Haft, bevor er wieder nach Deutschland zurückkehren konnten, wo er seit seiner Flucht aus der Türkei seit 1991 lebt. In seinen Werken befasst sich der 1957 geborene Schriftsteller, der die deutsche Staatsbürgerschaft hat, auch mit der Verfolgung der Armenier in der Türkei.

Foto:

stefan worring

Köln -

Der Prozess gegen den türkischstämmigen deutschen Schriftsteller Dogan Akhanli ist am Freitag in Istanbul erneut verschoben worden. Akhanli wird vorgeworfen, vor 24 Jahren an einem Überfall auf ein Wechselbüro beteiligt gewesen zu sein. Bei dem Überfall war der Besitzer des Büros getötet worden.

Im Jahr 2010 war Akhanli bei der Einreise in die Türkei verhaftet, angeklagt und schließlich freigesprochen worden. Sämtliche Indizien und Zeugen hatten Akhanli entlastet. "Ich entscheide mich für die Freiheit von diesem Prozess", sagte der Schriftsteller anlässlich eines öffentlichen Frühstücks mit rund 70 Unterstützern am Freitag in Ehrenfeld. Er habe nur ein Leben und stehe für einen monatelangen Schauprozess nicht zur Verfügung.

Das Istanbuler Gericht hat für den 20. Dezember einen neuen Verhandlungstermin angesetzt. Der internationale Haftbefehl bleibt bestehen. Weil Akhanli deutscher Staatsbürger ist, wird er jedoch nicht an die Türkei ausgeliefert. In seinen Werken befasst sich der 1957 geborene Schriftsteller, der die deutsche Staatsbürgerschaft hat, auch mit der Verfolgung der Armenier in der Türkei.

Akhanlis Erklärung im Wortlaut:

Nach der Aufhebung meines Freispruchs durch den Kassationshof in Ankara hat das Verfahren gegen mich unkorrigierbar einen Kafkaesken Charakter bekommen.

 Derselbe Kassationshof, der hinter der Ermordung Hrant Dinks keine Organisation gefunden hat, unterstellt mir erneut, ich sei unter dem Decknamen "DOĞAN K." der Kopf einer terroristischen Organisation gewesen, und erwartet von mir, ich solle meine "Hinrichtung" auch noch mit den Anklägern gemeinsam inszenieren.

 Als Literat kenne ich die erschreckende Anpassungsfähigkeit und das tragische Ende von Josef K., des Protagonisten von Kafkas Roman "Der Prozess". Deshalb bin ich schon am 8.12.2010, dem ersten Prozesstag gegen mich, mit meinem Schweigen und geschützt von der öffentlichen Solidarität dem Kafkaesken Raum entflohen, den die türkische Justiz für mich gemauert hatte.

 Nun will das Gericht mich mit aller Macht zurück in diesen Raum zerren. Ich stemme mich dagegen, ich werde nicht zurückkehren. Der türkischen Justiz gilt auch künftig mein Schweigen. Ich bin nicht Kafkas Romanfigur, die sich am Ende ihres "Prozesses" mit einem Fleischermesser "freiwillig" hinrichten ließ und doch von jedem Leser wieder neu zum Leben erweckt wird. Ich habe im Unterschied zu einer Romanfigur nur ein einziges Leben. Und ich will dieses Leben nicht in einer kafkaesken Farce verbringen.

 Ich steige aus. Ich werde vor der türkischen Justiz nicht mehr erscheinen, nicht freiwillig, nicht erzwungen. Ich nehme mir damit die Freiheit, die sie mir verweigern will. Ich werde frei sein, aus eigenem Willen.

 Ich tue das auch deshalb, weil "mein" Prozess menschenrechtlich und politisch betrachtet ein Teil der zahlreichen ungerechten Prozesse ist, die in der Türkei mit lärmender Willkür und Arroganz eröffnet, durchgeführt und beendet werden. Ich weiß mich mit meiner Entscheidung, mich diesem Verfahren zu verweigern, an der Seite derer, die jeweils auf ihre Weise der hoffnungslos unrechtsstaatlichen türkischen Justiz die Stirn bieten.

 


Neue Nachrichten

Wir haben neue Artikel für Sie. Möchten Sie jetzt die aktuelle Startseite laden?