28.07.2016
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Umstrittene Medien- und Kulturpolitik: Kritische Filme wie „Ida“ sind in Polen unerwünscht

„Ida“ wurde mit einem Oscar ausgezeichnet, wird aber von der Regierung kritisiert.

„Ida“ wurde mit einem Oscar ausgezeichnet, wird aber von der Regierung kritisiert.

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Warschau -

Symbolisch für Polens neue Kulturpolitik steht der Disput um „Ida“. Der 2015 Oscar-gekrönte Spielfilm von Regisseur Pawel Pawlikowski wird von vielen polnischen und ausländischen Kritikern als Meisterwerk gewertet. Doch der in Warschau regierenden, nationalkonservativen Recht und Gerechtigkeit (PiS) sind Filme wie „Ida“, in dem die Rolle von Teilen der polnischen Bevölkerung im Zweiten Weltkrieg mitunter kritisch gezeigt wird, ein Dorn im Auge. „»Ida« hat mir nicht besonders gefallen. Der Film hat nicht sonderlich für Polen geworben, sondern ein eher negatives Bild gezeichnet“, sagt Polens Regierungschefin Beata Szydlo. Doch bei der Kritik soll es nicht bleiben: ihre Regierung werde künftig „konsequent dafür sorgen, dass mit öffentlichen Geldern keine Kulturereignisse umgesetzt werden, die die allgemein akzeptierten gesellschaftlichen Werte und Normen verletzen“.

Erste Schritte dieser neuen Konsequenz sind bereits zu sehen. Das staatliche Polnische Institut für Filmkunst (PISF) gilt unter polnischen Filmkritikern als maßgeblich für den Aufschwung des polnischen Films. Im Dezember nun wurden entscheidende Positionen der PISF teilweise neu besetzt. Zu den Expertenräten, die Projekte begutachten, zählen fortan auch Personen, die der PiS nahestehen.

Wandel bei der gesamten Kulturförderung

PISF untersteht dabei direkt dem Ministerium für Kultur und nationales Erbe, an dessen Spitze Piotr Glinski steht. Der Soziologe ist im Kabinett Szydlo zugleich Vize-Premierminister, was ihm eine exponierte Position sichert. Und das ist auch so gewollt. Denn die neue Kulturpolitik soll die nationale Wende flankieren, die die Regierung in vielen politischen Bereichen vollzieht. Im In- und Ausland machte Glinski bereits von sich reden, als er im November 2015 die angeblich pornografischen Inhalte in der Inszenierung des Jelinek-Stücks „Der Tod und das Mädchen“ am staatlichen Polnischen Theater in Breslau verhindern wollte. Das Stück ist gelaufen, die Sexszenen waren mau.

Doch die künftigen Auseinandersetzungen in der polnischen Kulturszene dürften sich nicht in medialen Streitigkeiten erschöpfen. Denn es steht ein Wandel bei der gesamten Kulturförderung an. Auch müssen sich freischaffende Künstler, unabhängige Institutionen und Stiftungen, die im Bereich Kultur wirken, darauf einstellen, dass bei der finanziellen Förderung durch den Staat andere Kriterien als bislang gelten werden. „Es gibt keinen Grund, dass Gruppen, die zum Abbau polnischer Kultur, Tradition und Identität beitragen, so wie bisher favorisiert werden“, sagt Glinski. Was dies genau bedeutet, hat der Minister am Dienstag dieser Woche in einer Stellungnahme vor eine Parlamentskommission umrissen. Zu den Prioritäten des Ressorts zählt künftig der Bau des Museums der Geschichte Polens, die Stärkung der „Geschichtspolitik“ und die Förderung „von ein bis zwei Film-Großproduktionen, die das Wissen um die polnische Geschichte befördern sollen“. Auch ein kräftiger Lohnanstieg für Mitarbeiter in Kulturinstitutionen sowie eine steuerliche Besserstellung freischaffender Kulturschaffender ist geplant. Mehr Geld soll es für das Programm „Patriotismus der Zukunft“, die Buchförderung und den Denkmalschutz sowie die Feiern für das Jubiläumsjahr der Erlangung der Unabhängigkeit Polens im Jahr 1918 geben.

„Smolensk“ soll Flugzeugabsturz in Frage stellen

Doch wo gegeben wird, wird auch genommen. Die renommierten Internet-Zeitschrift „Kultura Liberalna“ erhält wie viele Nischenpublikationen bislang eine finanzielle Förderung des Kulturministeriums. „Wir fürchten aber, dass diese nun gestrichen wird“, sagt Piotr Kiezun. Der Publizist zeichnet bei dem Medium für die Literatur verantwortlich. Vor allem der zeitgenössischen Kunst sowie entsprechenden Institutionen, sagt er, dürfte es im Zuge der neuen Kulturpolitik aber an den Kragen gehen. „Denn diese wird von der Regierung als Domäne des linksliberalen Denkens erachtet, die für sie allzu offen, westlich und zu provokativ ist.“

Beobachter fürchten Ähnliches auch für die Theater. Nicht alle unterliegen dabei direkt dem Kulturministerium, einige sind auch unter der Obhut von regionalen Bezirksregierungen. Darunter ist auch das Schlesische Theater im südpolnischen Kattowitz. Vor einigen Jahren zeigte das Theater das regional kontrovers diskutierte Stück „Liebe in Königshütte“. Darin ging es um das Internierungslager von Swietochlowice, in dem polnische Behörden nach dem Zweiten Weltkrieg Volksdeutsche aus der Region zu Tode quälten. Der polnische Dramatiker und Regisseur Ingmar Villqist hat es geschrieben und inszeniert – doch wie wird es künftig um solch kontroverse Stücke stehen? „Ich bin zwar kein Hellseher“, sagt Villqist im Gespräch, „aber die Theaterszene ist sehr solidarisch und durchaus in der Lage, politischen Druck abzuwehren“.

Im März indes kommt der Spielfilm „Smolensk“ in polnische Kinos. Er thematisiert den Flugzeugabsturz von 2010, bei dem der polnische Präsident Lech Kaczynski, Bruder des PiS-Parteichefs Jaroslaw Kaczynski, sowie mehr als 90 weitere, meist hochrangige Personen des öffentlichen Lebens zu Tode kamen. Der Film soll die Theorie erhärten, bei dem Absturz handelte es sich womöglich nicht um ein Unglück, sondern um eine Verschwörung. Den Antrag der Macher auf Förderung durch die PISF lehnte das Institut 2014 noch ab. Künftig dürften Produktionen wie „Smolensk“ mit mehr Wohlwollen rechnen, als Werke wie „Ida“. Dessen Regisseur Pawel Pawlikowski fürchtet nun einen „kindlichen Narzissmus“ der Regierenden. „Patriotisch heißt für sie: Nur Gutes über uns“, sagte er vor gut einer Woche dem Magazin „Newsweek Polska“. „Wer stark ist, Klasse hat und ohne Komplexe ist, hat keine Angst vor Kritik und Selbstironie.“