27.09.2016
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Unterricht: Türkisch-Buch stößt auf Kritik

Das Cover des umstrittenen Schulbuchs.

Das Cover des umstrittenen Schulbuchs.

„Ich bin Türke, ehrlich und fleißig“, so beginnt der Leitsatz des türkischen Staatsgründers Atatürk, der bis heute in Schulen der Türkei als Eid gesprochen wird. Weiter heißt es: „Mein Gesetz ist es, meine Jüngeren zu schützen, meine Älteren zu achten, meine Heimat und meine Nation mehr zu lieben als mich selbst.“ Mit dem Text des Atatürk-Eids, der Nationalhymne unter der türkischen Fahne, beginnt auch das Schulbuch „Türkçe ve türk Kültürü“. Für die Türkei wäre das nichts Ungewöhnliches, für ein Schulbuch in deutschen Schulen schon.

Lehrer, die an Grundschulen und weiterführenden Schulen muttersprachlichen Unterricht erteilen, können das Buch über türkische Konsulate in Deutschland beziehen – kostenlos und in Klassenstärke. Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) bezeichnet die Bücher als „Materialien mit nationalistischen Inhalten“ mit „diskriminierenden Äußerungen über Volksgruppen in der Türkei“. Geschichtliche Zusammenhänge würden falsch dargestellt.

Herausgeber der vierbändigen Reihe mit Arbeitsbüchern ist das Erziehungsministerium der Türkei, das die Bücher über die Auslandsvertretungen des Landes verteilen lässt. Man wolle die Lehrkräfte in Deutschland, aber auch in anderen Ländern der Welt bei ihrer Arbeit „unterstützen“, teilt die türkische Botschaft auf Anfrage des „Kölner Stadt-Anzeiger“ mit. Schließlich müssten „türkische Kinder, die nach 2000 in Deutschland geboren worden sind“, mit 18 Jahren entscheiden, welche Staatsangehörigkeit sie haben wollen. Da sei „ihr natürliches Recht, ihre Kultur und Sprache kennenzulernen“.

Das NRW-Schulministerium sieht keine Probleme. Das Buch sei zwar nicht als offizielles Schulbuch zugelassen. Lehrer seien aber frei, ergänzende Materialien im Unterricht einzusetzen. Ob sie geeignet sind oder nicht, entscheiden Lehrer und Schulen, so ein Ministeriumssprecher. So sieht es auch die türkische Botschaft: „Die Verwendung der Bücher im Unterricht hängt von dessen Gestaltung ab und liegt somit im Ermessen der jeweiligen Lehrkraft.“

Die Verbreitung des Buchs wird durch den Mangel an Material für den muttersprachlichen Unterricht in Deutschland erleichtert. Lehrer klagen nicht nur darüber, dass dem Fach Anerkennung und Wertschätzung fehle. „Wir haben auch nicht genug Bücher, mit denen wir arbeiten können“, sagt eine Lehrerin aus dem Regierungsbezirk Düsseldorf. Die Bezirksregierung habe ihr die Benutzung des Buchs ausdrücklich erlaubt. Die Kölner Bezirksregierung wollte sich nicht äußern.

Für die GEW verweist der Einsatz des Buches im Unterricht auf ein gravierendes Problem. Es leiste „keinen Beitrag, um den Schulfrieden zu erhalten und Respekt und Toleranz zu fördern“. Die türkischen Auslandsvertretungen versuchten nicht nur durch das Buch, Einfluss auf den deutschen Schulunterricht zu nehmen, behauptet eine Resolution, die beim NRW-Gewerkschaftstag der GEW beschlossen wurde. Vielmehr verstünden sie sich offenbar als „parallele Schulaufsichtsbehörden“.


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