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Vereidigung Barack Obama: Der Schwur auf zwei Bibeln

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Serpico Elliott, Sergeant der US-Luftwaffe, vertritt Präsident Obama während einer Probe der Inauguration am 21. Januar.  Foto: dpa
Die Historikerin Heike Bungert spricht im Interview mit Joachim Frank über religiöse Spitzfindigkeiten bei der Vereidigung Barack Obamas, die religiöse Aufladung der Feier und die USA als Gottesstaat.
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Frau Professor Bungert, Präsident Obama wird in diesem Jahr zweimal vereidigt. Was hat es damit auf sich?

Heike Bungert: Es wäre in den USA undenkbar, dass der offizielle Festakt zur Inauguration an einem Sonntag stattfindet. Damit nun das Land nicht ohne vereidigten Präsidenten ist, wenn der verfassungsmäßig festgesetzte Termin des Amtswechsels am 20. Januar auf einen Sonntag fällt, gibt es seit dem 20. Jahrhundert an diesem Tag eine Vereidigung im Weißen Haus im kleinen Kreis, am Montag wiederholt der Präsident seinen Schwur in aller Öffentlichkeit. Im 19. Jahrhundert hatte man den Amtseid auf Samstag vorverlegt – mit der seltsamen Folge, dass es einen Tag lang zwei vereidigte Präsidenten gab.

So viel Umstand mit Rücksicht auf den christlichen Ruhetag?

Bungert: Offiziell sind Religion und Staat in den USA strikt getrennt. Aber die puritanische Tradition ist bis heute lebendig. Der Sonntag gehört dem Gottesdienst. Festivitäten sind verpönt, ebenso wie Alkoholgenuss. Damit hatten die deutschstämmigen Einwanderer immer besondere Probleme, denn bei einer sechstägigen Arbeitswoche blieb eigentlich nur der Sonntag, um in den Biergarten zu gehen. Das sind natürlich Anachronismen, deren Logik auch nicht durchgehalten ist. Der Superbowl, eines der größten Sportereignisse in den USA, darf sehr wohl sonntags stattfinden.

Zur Person

Heike Bungert, geb. 1967, ist Professorin für Neuere und Neueste Geschichte an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster. Zuvor war sie viele Jahre in Köln tätig, wo sie sich 2004 auch habilitierte.
Ihr Spezialgebiet ist die Geschichte Nordamerikas. Im Exzellenz-Cluster „Religion und Politik“ leitet sie das Forschungsprojekt „Transzendente Gemeinschaftsstiftung in einer multireligiösen Gesellschaft: Die USA 1945-2005“..

Sind die USA eine Art Gottesstaat?

Bungert: Mit dem Begriff wäre ich vorsichtig, aber klar, es gibt eine Vermischung von Religion und Politik, was in der Wissenschaft oft „Zivilreligion“ genannt wird. Sie wird nirgends deutlicher als in der Inaugurationsfeier mit Gebeten zu Beginn und einem Schluss-Segen – Ritualen, die nicht zu einer säkularen staatlichen Zeremonie zu passen scheinen. Offiziell wird dann gern gesagt, es werde nicht der Gott einer bestimmten Religion adressiert. Deshalb wurde in den Inaugurationsreden lange Zeit auch nur ganz allgemein von einem „allmächtigen Wesen“ oder „jener unendlichen Macht“ gesprochen.

Das klingt ja wie in Heinrich Bölls Kurzgeschichte „Doktor Murkes gesammeltes Schweigen“, wo das Wort Gott in einem Radio-Manuskript durch die Formel „jenes höhere Wesen, das wir verehren“ ersetzt wird.

Bungert: Seit Ronald Reagan beenden die Präsidenten ihre Reden mit der Formel „Gott segne Sie“ oder „Gott segne die Vereinigten Staaten.“ Ein Schritt darüber hinaus war das Vaterunser bei Obamas erster Vereidigung, eigentlich ein No-Go, da hier klar Bezug auf eine bestimmte Religion genommen wird. Das ist auch sehr kontrovers diskutiert worden, ebenso wie die Aufforderung eines methodistischen Pfarrers bei George W. Bushs erster Inauguration, das „Amen“ sollten bitte nur diejenigen Zuhörer sprechen, die an Jesus glaubten. Damit waren Juden, Buddhisten, Muslime und Nichtgläubige ausgeschlossen und haben gesagt: Wieso? Es geht doch auch um unseren Präsidenten!

Welchen Sinn hat die religiöse Aufladung der ganzen Feier?

Bungert: Sie drückt das Selbstverständnis der US-Amerikaner als „Gottes auserwähltes Volk“ aus. Auch das ist puritanisches Erbe und Teil der Zivilreligion. Europäern ist dieser Erwählungsgedanke oft fremd. Für US-Amerikaner hingegen verbindet sich damit die Selbstverpflichtung,, sich der göttlichen Erwählung und des Erbes der Vorväter würdig zu erweisen. Jede Generation von Amerikanern wird daraufhin neu geprüft. Dieses Motiv durchzieht praktisch alle Inaugurationsreden.

Widmen Sie sich in Ihrer Forschung lieber dem Zeremoniell, weil die Reden am Ende nur heiße Luft sind?

Bungert: Überhaupt nicht! Die Inaugurationsrede ist zwar selten programmatisch, sondern hat eher beschwörenden Charakter mit Bezug auf die zivilreligiös erhöhten Werte und Traditionen der USA. Aber sie ist von eminenter Bedeutung. Der Präsidentenstab feilt wochenlang daran. Die Bezugnahme auf die Helden der US-Geschichte, auf die Nationalheiligen wie George Washington, Thomas Jefferson, Abraham Lincoln und inzwischen auch Franklin D. Roosevelt oder John F. Kennedy gehört zum festen Repertoire.

Warum?

Bungert: Weil es nach einem stets aggressiv geführten Wahlkampf für den neuen Präsidenten wichtig ist, die verfeindeten Lager zu versöhnen.

Was ist 2013 von Obamas Antrittsrede zu erwarten?

Bungert: Er wird sich sicher den Zusammenhalt der Nation zur Überwindung der Wirtschaftskrise starkmachen und die nationale Einheit aus kultureller Vielfalt beschwören. Symbole dafür sind die Bibeln von Lincoln und Martin Luther King, auf die Obama seinen Amtseid leisten wird.

Wie funktioniert denn der Schwur auf zwei Bibeln gleichzeitig?

Bungert: Indem man sie übereinanderlegt. Jedes Exemplar ist an einer bestimmten Textstelle geöffnet. Dwight D. Eisenhower wählte 1953 für die untere Bibel eine Stelle mit einer persönlichen Ermahnung zur Demut aus. Für die obere entschied er sich für einen Vers mit der Versicherung, dass Gott über seine Stadt – also das modellhafte Amerika – wacht. Seit 1965 darf übrigens die Präsidentengattin die Bibel halten.

Ergänzend zu dem fein ziselierten Ablauf wird die Inauguration auch ausgelassen, fast karnevalesk gefeiert – mit den Auftritten von Showstars, Rock- und Popgrößen. Wie greift beides ineinander?

Bungert: Dieses Kontrastprogramm ist extrem wichtig. Die Integration der Bevölkerung findet ja nicht nur durch die feierlich-getragenen Momente statt, sondern auch im Übermut des gemeinsamen Feierns. Das brauche ich Ihnen als Kölner nicht weiter zu erklären. Und auch wenn es für die Wissenschaft schwierig ist, die genaue Wirkung von Popkonzerten, Bällen oder Paraden zu erheben, geht doch aus den Reaktionen hervor, dass sich die Teilnehmer dadurch „als richtige Amerikaner“ fühlen.

Das Gespräch führte Joachim Frank

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