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Waffen in den USA: Wilder Westen, weites Land

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Waffenladen in Atlanta Foto: dpa
Der zweite Verfassungszusatz von 1781 garantiert Amerikanern das Recht, Waffen zu tragen. Der ideologisch aufgeladene Zusammenhang zwischen Waffenbesitz und individueller Freiheit ist allerdings eine relativ neue Entwicklung. Eine Analyse.  Von
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Als in der Grundschule von Newtown am vergangenen Freitag die ersten Schüsse fielen, horchten die meisten Anwohner des malerischen Örtchens nicht einmal auf. Man dachte sich nichts dabei, das Bellen von Schusswaffen gehörte in dieser Stadt zum Alltag.
Das beängstigende Arsenal, das die Hausfrau und Mutter Nancy Lanza in ihrem Wohnzimmer aufbewahrte, ist typisch für das ländliche Amerika. Außerhalb der großen urbanen Regionen sind die USA bis an die Zähne bewaffnet. Und wenn man nach der Begründung für die Aufrüstung der privaten Haushalte fragt, wird man meist hören: „In case the government comes for my shit.“ Auf Deutsch klingt es freundlicher: Für den Fall, dass die Regierung mich behelligt.

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Das Recht des Individuums, Waffen zu tragen, ist im Diskurs der politischen Rechten in den USA mit der individuellen Freiheit verzahnt. Die konservativen Ideologen haben es in den vergangenen 30 Jahren geschafft, ihr Kernprogramm, die Befugnisse der Bundesregierung so weit als möglich einzuschränken, eng an den Waffenbesitz zu knüpfen. Die Argumentation geht in diesen Diskussionen stets auf die vermeintlich ursprüngliche Intention des zweiten Verfassungszusatzes zurück. Das Recht auf Waffenbesitz, das 1781 in die Verfassung aufgenommen wurde, war ein Zugeständnis an die Vorläufer der heutigen Konservativen, die Anti-Föderalisten. Es sollte den Bundesstaaten die Möglichkeit geben, Bürgermilizen aufzustellen und die Übermacht einer starken Bundesregierung zu verhindern. Man wollte im neuen Amerika unter allen Umständen verhindern, dass die Kolonialmacht durch eine neue Tyrannei ersetzt wird.

Der Waffenbesitzer von heute

In den Händen der heutigen konservativen Ideologen wurde dieses Recht zu einer Metapher für „self-reliance“, jene Selbstbestimmtheit, die der amerikanische Romantiker Ralph Waldo Emerson 1841 in seinem gleichnamigen Essay zum Kern der amerikanischen Identität ernannte. Mit dem Gewehr in der Hand kann der Amerikaner sich auch heute noch so fühlen wie seine Vorfahren, die ganz auf sich allein gestellt dieses weite Land erobert haben. Auch wenn der moderne Waffenbesitzer in einem Reihenhaus in Connecticut lebt und Versicherungen verkauft.

Erstaunlicherweise ist der Zusammenhang zwischen Waffenbesitz und der Freiheit des Einzelnen eine vergleichsweise neue Entwicklung. Bis in die 1960er Jahre hielten es auch konservative Amerikaner nicht für nötig, sich mit einer Schusswaffe ihrer individuellen Freiheiten zu versichern. Als Erste brachte auch nicht die Waffenlobby das Thema auf die nationale Agenda, sondern der radikale Flügel der Bürgerrechtsbewegung. Es war Malcolm X, der 1964 behauptete, dass der zweite Verfassungszusatz „dir und mir das Recht gibt, ein Gewehr oder eine Pistole zu kaufen“.

In dieser Zeit wurde die politisch-ideologische Landschaft in den USA neu sortiert. Die amerikanische Öffentlichkeit begann sich zu polarisieren, und die mächtige Waffenlobby der National Rifle Association (NRA) schlug sich unter ihrem Anführer Harlon Bronson Carter auf die Seite der Konservativen. Carter brachte die NRA nach Washington und begann die berüchtigte Lobbyarbeit seiner Organisation, die es heute schafft, beinahe jeden Politiker in der Hauptstadt als Geisel zu nehmen. Ohne die NRA wird kein Senator in den USA gewählt und schon gar kein Präsident.

Es war ein immenser Akt der historischen Revision. Die Pistole gewann mythischen Status, reflektiert nicht zuletzt in der Popkultur der 70er Jahre. Der Wilde Westen wurde, wie Adam Winkler jüngst in seinem Buch „Gunfight“ aufzeigte, viel wilder gemacht, als er je war. In Wirklichkeit, schreibt Winkler, musste in den meisten Städten des Westens jeder Besucher seine Pistole beim Sherriff abgeben. Die Waffenkontrolle war wesentlich effektiver als im heutigen Amerika.

Der Preis dieser Ideologisierung des Waffenbesitzes ist immens. 12.000 Menschen kommen in den USA heute jährlich durch Gewaltverbrechen mit Schusswaffen um. Die Tatsache, dass dieses Mal weiße Kinder in einer mustergültigen Kleinstadt getötet wurden, hat es zumindest möglich gemacht, die Debatte neu zu eröffnen.

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