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Wagners „Leben“: So ist das Gewinnerbuch

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David Wagner (vorn) nimmt für seinen Preis Glückwünsche entgegen.
David Wagner (vorn) nimmt für seinen Preis Glückwünsche entgegen.
Foto: dpa

Ein neuer Trend weht durch die deutsche Gegenwartsliteratur. Lebenserfahrungsgeschichten in Grenzsituationen könnte man sie nennen. Auch David Wagners „Leben“ gehört zu diesen Existenzbüchern über Angst und Krankheit. Was real ist und was erfunden, erklärt auch sein Buch nicht, das in der Ich-Form die Geschichte einer Lebertransplantation erzählt. Das geht buchstäblich unter die Haut und verschont weder laienhafte noch fachkundige Leser mit den Details.

Dennoch ist „Leben“, das keine Gattungsbezeichnung trägt und deshalb sowohl als Roman wie auch als Sachbuch verstanden werden kann, kein reines Krankenhausbuch und keine Reportage über die Transplantationsmedizin. Es ist ein ethisches Buch, eine Gewissenserforschung in humanistischem Geiste, ohne je zum vordergründigen Appellplatz für Organspenden zu werden.

Wagner selbst hat vor sechs Jahren eine fremde Spenderleber erhalten. „Leben“ beruht also auf Selbsterlebtem, wenn auch das Leben die Literatur nicht erfindet, sondern gute Bücher ein interessantes Leben erst zu einem exemplarischen, erzählbaren Leben machen. Das trifft auf Wagners Erzählung in einem empathischen, ja sympathischen Sinne zu. Nicht wehleidig oder mit der Wut des Nichtverstehens, vielmehr sachlich, wo es nötig ist, und ironisch, wo es möglich ist, manchmal auch mit satirischem Einschlag, erzählt er von dem Leben eines jungen Mannes, der an einer Autoimmunerkrankung der Leber leidet.

Verpflanzte Organe

Am stärksten ist das Buch, wo es soziale, moralische und auch philosophische Fragen der Organverpflanzung aufblitzen lässt. Was überhaupt ist ein Organ? Thomas von Aquin verstand es als Alleinbesitz einer Seele, im Unterschied zu einem für alles tauglichen „Instrument“; für Schelling war ein Organ ein Individuum. Wenn ein Organ also den Träger wechselt, würde dieser seine Identität verändern. Wer „Transplantationsgeschwister“ hat, lebt in anderen Menschen weiter. Das sind weitreichende Folgerungen, die sich zwangsläufig mit dem medizinischen Fortschritt stellen, der wiederum mit einer neuen bioethischen Situation einhergeht.

Wagners Buch bezieht keine kämpferische Position. Aus leiser innerer Überzeugung erzählt es vom dankbaren Leben eines Menschen, den wir am Ende, so der medizinische Ausdruck im Epilog, „in einem hervorragenden Allgemeinzustand“ entlassen sehen. Mit einer Leber, die nicht die eigene ist, sondern die eines für ihn anonymen Toten. Insofern erzählt das Buch von mindestens zwei „Leben“. Der Mythos sagt, dass Prometheus die Leber wieder nachwuchs, die ihm ein Adler auf Geheiß beleidigter Götter anfraß. Wagner lässt die Lebenshoffnung nachwachsen, weit über Krankenhausgeschichten hinaus. Es ist ein sehr preiswürdiges Buch, das da am Donnerstag den Preis der Leipziger Buchmesse erhalten hat.

David Wagner: „Leben“, Rowohlt, 288 Seiten, 19,95 Seiten.

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