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Wallraf-Richartz-Museum: Leibl und Sander teilen sich Ausstellung

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„Bauernjägers Einkehr“ (1893) von Wilhelm Leibl Foto: Wallraf
Werke August Sander und Wilhelm Leibl vereinen in einer Ausstellung im Wallraf-Richartz-Museum die Konkurrenz und allmähliche Annäherung zwischen Malerei und Fotografie. Die gegensätzlichen Künstler eint ihre Zeit in Köln.  Von
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Die Ausstellung war alles andere als ein Erfolg. Über den Details hatte der Maler das große Ganze aus dem Blick verloren – auch weil ihm die Enge seines Ateliers nicht erlaubte, vor dem Gemälde weit genug zurückzutreten – und so standen die von ihm porträtierten Wildschützen irgendwie windschief im Raum. Bitter enttäuscht griff der Maler zur Säge und machte sein Versagen ungeschehen. Das zerstörte Werk blieb der Nachwelt immerhin als Fotografie erhalten – kurz bevor die Späne flogen, hatte sich Wilhelm Leibl einen Fotoapparat gekauft.

Im Laufe des 19. Jahrhunderts erlebten etliche Maler ähnliche Krisen wie Wilhelm Leibl und liefen ins Lager der Fotografen über. So ließ sich die Demütigung, im eigenen Metier, der Wiedergabe der Realität, von einer seelenlosen Apparatur übertrumpft worden zu sein, wenigstens mit einem sicheren Einkommen lindern. Bei Leibl, der 1886, im Jahr der missratenen Wildschützen, zu den bekanntesten deutschen Porträtmalern zählte, war es freilich noch nicht so weit. Er dachte gar nicht daran, sich zum Knecht eines Apparats zu machen, sondern stellte diesen vielmehr in den eigenen Dienst. Nachdem Leibl zur Glaubensfrage erhoben hatte, stets vor dem Modell zu malen, begann er, mit Hilfe von Fotografien seine Arbeit zu dokumentieren und vermutlich auch deren einzelne Fortschritte zu kontrollieren.

Leibl und Sander lebten beide in Köln

Die Konkurrenz und allmähliche Annäherung zwischen Malerei und Fotografie ist jetzt Thema einer schönen Ausstellung im Kölner Wallraf-Richartz-Museum & Fondation Corboud. Unter dem Titel „Von Mensch zu Mensch“ hängen Gemälde von Wilhelm Leibl (1844–1900) – allesamt aus der eigenen Sammlung – neben Arbeiten von August Sander (1876–1964), einem Säulenheiligen der Fotografiegeschichte, dessen Werk eine Heimat in der Photographischen Sammlung der SK Stiftung Kultur in Köln gefunden hat. Dieses Gipfeltreffen ist durchaus ein Wagnis, denn Leibl und Sander sind sich zu Lebzeiten nie begegnet und geben als Angehörige sehr verschiedener Generationen auch keine idealen Partner im Wettstreit der Künste ab. Während Leibl im Realismus des 19. Jahrhunderts aufging, gilt Sander mit seinem „Antlitz der Zeit“, einem aus menschlichen Typen gebildeten Panorama der Weimarer Republik, als Begründer der modernen Konzeptfotografie.

August Sanders „Bauernpaar am Spinnrad“ (1927)
August Sanders „Bauernpaar am Spinnrad“ (1927)
Foto: VG Bild-Kunst

Aber es gibt auch Gemeinsamkeiten: Leibl und Sander lebten beide lange in Köln, beide widmeten sich mit Vorliebe der Porträtkunst, und beide sahen in der Bauernschaft den Urstamm der Gesellschaft. Entlang dieser Berührungspunkte sind im Wallraf die einzelnen Ausstellungskapitel arrangiert: Familie und Künstlerköpfe, Innen- und Außenwelten, Melancholie, Dominanz und Pose, Archetypus und Fragment. Dabei ergeben sich immer wieder reizvolle Begegnungen, etwa in der ähnlich knorrigen Darstellung des bäuerlichen Ehelebens oder auch in den hypnotischen Blicken, mit denen Leibl und Sander ihre jeweiligen Künstlerfreunde als Visionäre inszenieren.

In unmittelbarer Nachbarschaft zeigt sich zudem, wie selbstverständlich realistische Malerei und Fotografie aus dem gleichen Fundus an Motiven schöpften. Zwar wusste man von Sander, der sich zunächst als Maler versuchte, dass er wie viele Berufskollegen häufig auf klassische Vorbilder zurückgriff. Doch dies neben Leibls Porträts und Genreszenen vorgeführt zu sehen, ist noch einmal eine ganz andere, ebenso lehrreiche wie sinnlich überzeugende Erfahrung. Bei Sander hat nicht nur die alte Frau als Inbild der Frömmigkeit überlebt, sondern auch die junge Frau als wandelnder Ausdruck der Melancholie.

Am Ende des Rundgangs scheinen sich Leibl und Sander etwas näher gekommen zu sein. Und obwohl man über Leibls Haltung zur Fotografie in vielem nur spekulieren kann, wirken seine Bilder mitunter geradezu modern. Sein unvollendeter, aber signierter Entwurf für eine „Tischgesellschaft“ gleicht einem Zitat der frühen Fotografieästhetik, und sein lesendes Mädchen von 1894 scheint dem technischen Medium das Motiv der Mehrfachbelichtung streitig machen zu wollen. Die in einzelne Bilder zersägten Wildschützen haben mit der fotografischen Kunst der Fragmentierung hingegen eher nichts zu tun. Da ging es Leibl ganz pragmatisch darum, für die Malerei zu retten, was zu retten ist.

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