25.07.2016
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Wanda im Palladium: Schnapsdrosseln auf Höhenflug

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Wanda stehen bei einem Konzert auf der Bühne.

Köln -

Selbsteinschätzung und Fremdwahrnehmung sind ohne Frage zwei Dinge, die oft auseinanderklaffen. Bei Wanda ist das nicht der Fall. Zu vorgerückter Abendstunde lässt die Band aus Wien zurzeit täglich auf ihrer Facebook-Seite Fotos posten, auf denen die Geschehnisse des Abends schonungslos realistisch zusammengefasst werden. Vor der Bühne Tausende glücklich in die Höhe gereckte Arme, auf der Bühne eine so erschöpfte wie glückliche Band. Eine Band übrigens, die ganz genau weiß, wie es für sie nach der letzten Zugabe weitergeht. „Jetzt finden Bar“ lautet allabendlich die Bildunterschrift zu den Fotos, und dieser Drei-Wort-Text ist zugleich Feierbefehl und sprachliche Verknappung auf höchstem Niveau.

Kurz zurückgespult in den Februar vergangenen Jahres: In diesem Monat füllte die Band das „King Georg“, spielte den Sommer über auf vielen Festivals vor Hunderttausenden und hat es nun geschafft, ihr Publikum in dieser Stadt innerhalb von zwölf Monaten von etwa 120 auf rund 4000 zu hochzuschrauben. Das Palladium ist ausverkauft, die Karten waren ratzfatz weg. Für Wanda gilt: Keine Atempause, Geschichte wird gemacht, und die läuft in einem Affenzahn ab. „Ich scheiß mich an“, sagt Marco Michael Wanda mit dialektalem Schmäh gleich nach „Luzia“, dem ersten Kracher des Konzerts; die volle Halle ist nichts als die Wahrheit, so richtig glauben kann der Sänger den immensen Zuspruch trotzdem immer noch nicht. Mit Straßenköter-Charme scharwenzelt der Großstadt-Strolch – Kippe im Mund, Schnaps im Anschlag – dann durch die Lieder der Wanda-Welt, die allesamt stets so geraten sind: simpel immer, schlicht nie.

Genau wie auf ihrem Debüt „Amore“ rühren Wanda auch auf der zweiten Schallplatte „Bussi“ Italo-Pop, Holterdiepolter-Gitarren, Rock’n’Roll-Klischees und Bierbank-Schunkler zusammen, und in jedem ihrer Songs wohnt der Wille zur hemmungslosen Eskalation. Und das Wissen darum, dass im Leergut des späten Vormittags nach dem Abend davor nicht nur jede Menge Schädelweh wohnt, sondern stets auch eine Handvoll Möglichkeiten für die nächste Feierei am Tresen.

Erfrischende Bedingungslosigkeit

Die Lebenslust, mit der die Musiker durch „Schickt mir die Post“, „Meine beiden Schwestern“ und „Stehengelassene Weinflaschen“ taumeln, ist von erfrischender Bedingungslosigkeit. Vor einem euphorisierten Publikum im Palladium sind Wanda der herrlich verschwitzte Gegenentwurf zu der grässlich optimierten „Du darfst nicht, musst aber…“-Welt, wie sie in Magazinen wie „Neon“, „Nido“ und „Fit for Fun“ propagiert wird. Als Experten in Sachen Selbstverschwendung, Rausch und Romantik lehnen es die fünf Musiker ab, sich selbst ständig in Form für die Arbeitswelt und verfügbar für die Gesellschaft zu halten. Und wenn einer fragt, wie lange die das durchhalten können: So lange, bis die Leberwerte aus dem Ruder laufen und einer stirbt. Zwischen Posen und Provokation sind Wanda Rockstars auf Zeit, die wissen, dass die Lust mit der Liebe nie ohne Leiden zu haben ist. Sie sind Hansdampfs aus allen Gossen, feiern sich und den Augenblick und wollen immer irre viel Leben ins Hier und Jetzt packen; wer weiß schon so genau, wie lange die Selbstinszenierung der Schapsdrosseln auf Höhenflug noch so perfekt hinhaut.

Zwischendurch hat sich Marco Michael Wanda auf Händen durchs Publikum tragen lassen und auf der Bar an der Hallenseite einen Zwischenstopp vom Crowdsurfing eingelegt, und irgendwann ist sie dann da. Die Textzeile aus ihrem Hit „Bologna“, die hedonistisches Bekenntnis und Schlachtruf zugleich ist: „Wenn jemand fragt, wofür du stehst – sag für Amore!“, krakeelt Marco Michael Wanda, ganz und gar leidenschaftlicher Ekstasehase. Überbau, ein doppelter Boden, gar eine Metaebene? Gibt’s nicht, brauchen die Musiker nicht. Wanda haben gerade ihren großen Moment, sind greifbar, verständlich und die ideale Band zum gemeinsamen Fallenlassen. Die Aufgabe, der man sich nach dem Konzert liebend gerne stellt, ist knapp formuliert und klar definiert: Jetzt finden Bar.