24.09.2016
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Kölner Stadt-Anzeiger | Kulturpolitik: Website von Navid Kermani gehackt
22. January 2016
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Kulturpolitik: Website von Navid Kermani gehackt

Navid Kermani bei einem Vortrag in der Evangelischen Studentengemeinde.

Navid Kermani bei einem Vortrag in der Evangelischen Studentengemeinde.

Foto:

michael bause

Köln -

In der Nacht zum Freitag ist die Webseite des Friedenspreisträgers und Schriftstellers Navid Kermani von Unbekannten gehackt worden. Wer die Internet-Präsenz des Autors aufrief, der zu den Erstunterstützern der „Kölner Botschaft“ gehört, landete nach Kermanis Angaben bei Slogans in türkischer Sprache und einem eingeblendeten Video von einer Rede des türkischen Staatschefs Recep Tayyip Erdogan. Kermani vermutet daher türkische Nationalisten als Täter und sieht einen direkten Zusammenhang zu einem offenen Brief von 100 Künstlern und Wissenschaftlern an Bundeskanzlerin Angela Merkel, der nur wenige Stunden vorher veröffentlicht wurde. Die Verfasser, unter ihnen Kermani, fordern darin, in Kontakten mit der türkischen Regierung wie den bilateralen Konsultationen am Freitag in Berlin die prekäre Menschenrechtslage im Land anzusprechen, speziell den Druck auf Kritiker der Regierung und der sie tragenden AK-Partei, aber auch die menschenrechtswidrige Abschiebung syrischer Flüchtlinge. „Die Türkei ist als Partner für Deutschland und Europa unerlässlich“, schreiben die Autoren mit Bezug auf Terror und Flüchtlingskrise. Dennoch lautet ihr Appell, sich bei der türkischen Regierung „für Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Pluralismus einzusetzen.“

Massive Anfeindungen

Die Initiatorin Shermin Langhoff, Intendantin des Berliner Maxim Gorki Theaters, sagte dem „Kölner Stadt-Anzeiger“, der Aufruf habe direkt nach seiner Veröffentlichung zu massiven Anfeindungen gegen die Erstunterzeichner im Internet geführt. „Das ist keine Kritik mehr, das sind sind ideologische Hetzjagden.“ So seien der Regisseur Fatih Akin und die Schauspielerin Sibel Kekilli in der türkischen Tageszeitung „Akit“ als Vaterlandsverräter beschimpft worden. Dieselbe Zeitung stellte vor kurzem türkische Intellektuelle, die eine regierungskritische Denkschrift verfasst hatten, öffentlich an den Pranger. Unter den Unterstützern des offenen Briefes sind auch die Filmregisseure Dani Levy und Margarethe von Trotha, die Schauspieler Benno Fürmann, Katja Riemann und Jasmin Tabatabai, die Autoren Moritz Rinke und Sibylle Berg, der Journalist Günter Wallraff sowie die Musikerin Inga Humpe. Bis Freitagnachmittag wurde die Online-Petition mehr als 17000 Mal unterschrieben.

Von weiteren Hacker-Angriffen auf Unterstützer wusste Langhoff am Freitag nicht zu berichten. Die Attacke auf Kermanis Homepage beweise aber die Notwendigkeit, sich gegen „rechte, faschistoide Kräfte“ zur Wehr zu setzen und sich nicht einschüchtern zu lassen. „Das ist gerade ein Grund, warum wir uns zu Wort melden. Wir müssen das noch offensiver tun und uns mit den fortschrittlichen, demokratischen Kräften in der Türkei und in anderen Ländern solidarisieren. In Deutschland ist das ja Gott sei Dank möglich, ohne staatliche Repressalien befürchten zu müssen.“

Angriff als Einschüchterungsversuch

Wie Kermani dem „Kölner Stadt-Anzeiger“ sagte, ließ er die gehackte Seite sperren und seinen Web-Auftritt wiederherstellen. Er deutete den Angriff im Internet als eine Art virtueller Tätlichkeit zur Einschüchterung von Kritikern des Regimes Erdogan. „Jeder, der sich negativ äußert, muss offenbar damit rechnen, dass er – wenn schon nicht physisch, dann virtuell – angegriffen wird, damit er sich bei der nächsten kritischen Äußerung schon vorher überlegt, was er sich damit an Schwierigkeiten einfangen könnte.“

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