25.08.2016
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Zeitgenössische polnische Kunst: Junge Kunst im Museum Morsbroich

Kopfschmerzen inklusive: Szenen aus Aneta Grzeszykowskas Video „Headache“

Kopfschmerzen inklusive: Szenen aus Aneta Grzeszykowskas Video „Headache“

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Schloss Morsbroich

Möbel, die zu Hause in der Wandnische klemmen, feiern hier Einzelauftritte an der Fassade: Sie drängen, von unsichtbarer Hand ins XXL-Format befördert, aus den Fenstern des zweiten Stockwerks heraus, als hätte ihnen das Museum Morsbroich gerade die Gastfreundschaft aufgekündigt.

Das Holz biegt und dehnt sich gegen alle physikalischen Gesetze, dass es kracht. Sucht der Besucher am Ort des Geschehens nach der Ursache des Krawalls, erwartet ihn gähnende Leere, bis auf die Hinterseite eines Tischs, der den Türrahmen blockiert.

„7000 Bar“, der Titel der Installation von Maciej Kurak, ist nicht wirklich hilfreich, liefert aber dafür den Hinweis auf die explosive Druckwelle, die das Schloss heimgesucht haben muss. Nicht ohne Grund stolpert man eine Etage tiefer über grotesk destabilisierte Schlafzimmerschränke aus der Werkstatt von Jan Mioduszewski, die sich mit flatternden Türen und wild gewordenen Schubladen gerade zum Abflug bereithalten.

Verantwortlich für das magische Chaos ist Stefanie Kreuzer. Wurde noch 2010 die junge Generation des „Neuen Rheinlands“ unter die Lupe genommen, ist jetzt der polnische Nachwuchs dran. Die Hauskuratorin hat unter dem Titel „Twisted Entities“ 14 Künstlerinnen und Künstler ausgewählt, die fast ausnahmslos in den 70ern geboren sind. Die Jüngste ist Jahrgang 1983. Sie nähern sich dem Thema verkehrte Welt, das sich schon in der Umbruchphase des Manierismus großer Beliebtheit erfreute, mit Trickreichtum und Freude an überraschenden Wendungen. Der Einfluss der eigenen Tradition bleibt nicht aus, wenn hinter vielen der bühnenreif in Szene gesetzten Werke der Geist von Tadeusz Kantor spukt, dessen Theater des Todes in Gestalt der legendären Skulptur aus bedrohlich greisen Schülerpuppen auch im Westen als „Die tote Klasse“ (1975) für Aufsehen sorgte.

Klassenziel ist klar definiert

Das Leverkusener Klassenziel ist immerhin klar definiert: Die Arbeiten sollen Zeugnis von Verunsicherung und Verletzlichkeit ablegen, Deformiertes und Systemzersetzendes aufspüren, sei es im privaten oder gesellschaftlichen Kontext – notfalls auch am eigenen Körper.

Aneta Grzeszykowska glaubt man ihren zermürbenden „Headache“ sofort, schließlich haben ihr die Glieder die Gefolgschaft aufgekündigt und bedrängen in dem schwarz-weißen Video ihren nackten Torso stets an den falschen Andockstellen. Aus dem Ruder gelaufen ist auch der Auftritt von Konrad Smoleński, der den Polnischen Pavillon der kommende Biennale in Venedig bestreiten wird. Während das schwarz verkohlte Schlagzeug einem Anschlag zum Opfer gefallen ist, übernehmen im großen Saal nebenan 205 menschelnde Mikrofone das Kommando. Aufdringlich verrenken sie ihre Köpfe und verkünden mit summendem Stimmengewirr „The End of the Radio“.

Tücke des Objekts steckt im Detail

Subtilere Töne schlägt Monika Sosnowska an, die unter anderem auch von der Kölner Galerie Gisela Capitain vertreten wird. Die Warschauerin sorgte auf der Biennale Venedig 2007 mit einer aufwendigen Installation für Gesprächsstoff, einem deformierten Eisengewusel, das den weißen Ausstellungsraum in Beschlag nahm. Die Tücke des Objekts steckt diesmal im Detail: Der metallische Zaun, den die Bildhauerin in einer Ecke zurückgelassen hat, entsteigt nicht nur einem viel zu hohen Betongefäß. Auch die Drähte verweigern die Funktionalität, indem sie sich lieber entlang von wilden Bahnen strecken, als in geraden Linien den potenziellen Eingang zu versperren.

Schwer fällt den polnischen Überlebenskünstlern die subversive Sabotage nicht. Das mag an dem politischen Wandel liegen, dem die Protagonisten dieser überaus sehenswerten Gruppenschau seit ihrer Kindheit ausgesetzt sind. Der Zwang zur Neuorientierung befeuert offenbar nicht nur den leisen Humor, sondern auch die Lust am Erzählen. Selbst ein handelsüblicher Kopierer reicht Honza Zamojski aus, um dank eines Bewegungsmelders den Besucher zum Schmunzeln zu bringen. Ob das Gerät im Gang vergessen worden ist? Plötzlich leistet es seine Dienste und druckt das immergleiche Motiv aus einem scheinbar ethnographischen Katalog, zwei fratzenhafte Totenmasken, deren schlichte Kopie in einem Rahmen schräg gegenüber ihre institutionelle Krönung erfährt.

Nichts ist so, wie es scheint, weswegen die wie zufällig auf dem Boden vergessene Papierschnur von Michał Budny auch nicht das Überbleibsel einer Party darstellt, sondern die seit Jahrhunderten umkämpften Grenzumrisse Polens nachstellt. Kaum eine Arbeit, die nicht einen doppelbödigen Zauber in sich trägt, in dieser im besten Sinne irritierenden und sensiblen Kunstszene, die sich längst ihre Position im global ausufernden Kunstbetrieb erkämpft hat.