29.06.2016
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Zum 85. Geburtstag von Jürgen Habermas: „Nationalistische Gespenster rumoren“

Der Philosoph Jürgen Habermas

Der Philosoph Jürgen Habermas

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dpa

Köln -

Herr Habermas, Sie werden in der kommenden Woche 85 Jahre alt. Was bedeutet in diesem Alter  Zeitgenossenschaft? Welchen „Draht“ haben Sie zur Lebenswelt Ihrer Kinder und Enkel?

JÜRGEN HABERMAS: Sie meinen Zeitgenossenschaft als Passion? Es gibt immer noch politische Entwicklungen, die mich aufregen. Andererseits erlebt man die Historisierung der eigenen Generation so, als würde einem bei lebendigem Leib die Haut abgezogen. Gestern bekam ich das erste Exemplar der Biographie des von mir sehr geschätzten Stefan Müller-Doohm. Ich habe Angst, das Buch zu lesen, obwohl mir die Person des Autors nicht den geringsten Anlass dazu gibt. Von meinen nun schon lange erwachsenen Kindern habe ich den Eindruck, dass sie die politische und intellektuelle Welt nicht grundsätzlich anders wahrnehmen als ihre Eltern. Aber meine Enkel leben wohl schon in einer ganz anderen Zeit...

Was würden Sie in der Rückschau als die Sie am meisten prägenden, Richtung gebenden intellektuellen wie praktischen Erfahrungen geltend machen?

HABERMAS: Die intellektuellen Erfahrungen lassen sich leicht auf Personen zurückführen. Der erste Philosoph ist mir in Gestalt meines frühen Mentors und alten Freundes Karl-Otto Apel begegnet. Das unwahrscheinliche Privileg einer Zusammenarbeit mit Adorno hat mich mit einem Modus des Denkens von faszinierender Leuchtkraft in Berührung gebracht. Auch Wolfgang Abendroth und Hans-Georg Gadamer sind für mich noch so etwas wie nachgeholte akademische Lehrer geworden. Gelernt habe ich dann von einer ganzen Generation herausragender Peers diesseits und jenseits des Atlantiks. Vor allem hatte ich immer wieder das Glück brillanter Mitarbeiter, die mir auf die Sprünge geholfen haben. Das sind die intellektuellen Stimuli; aber Sie sprechen auch von praktischen Erfahrungen. Jeder, der fast 60 Jahre verheiratet ist und Kinder hat, weiß, dass die eigentlichen Relevanzen woanders liegen....

Sie stiegen seinerzeit, 1961, in die intellektuelle Arena mit Ihrer Habil.-Schrift über den „Strukturwandel der Öffentlichkeit“. Der empirische Bezugsrahmen dieses Buches besteht nicht mehr – Öffentlichkeit hat sich,  zumal durch die Neuen Medien, „verändert“. Wie würden Sie heute eine neue Arbeit über das alte Thema anlegen? Wie lässt sich Ihr emphatischer, normativ imprägnierter Begriff einer demokratischen Öffentlichkeit auf die aktuellen Verhältnisse beziehen?

HABERMAS: Heute kann man sogar im Westen beobachten, wie demokratische Verfahren und Einrichtungen ohne eine funktionierende Öffentlichkeit zu bloßen Fassaden verkommen. Und politische Öffentlichkeiten funktionieren nur unter anspruchsvollen normativen Voraussetzungen. Vor allem dürfen die öffentlichen Kommunikationskreisläufe nicht von aller inhaltlichen Substanz entleert und von den tatsächlichen Entscheidungsprozessen abgekoppelt werden. Diese beiden Aspekte ließen sich anhand der europäischen Krisenpolitik der letzten Jahre gut illustrieren.

Bedeutet das Internet Demokratiegewinn oder Demokratieverlust?

HABERMAS: Weder, noch. Ich betrachte die Einführung der digitalen Kommunikation – nach den Erfindungen der Schrift und des Buchdrucks – als die dritte große Medienrevolution. Mit diesen jeweils neuen Medien haben immer mehr Personen zu immer vielfältigeren und immer dauerhafter gespeicherten Informationen einen immer leichteren Zugang gefunden. Mit dem letzten Schub hat auch eine Aktivierung stattgefunden – aus Lesern werden Autoren. Aber die Errungenschaften einer politischen Öffentlichkeit folgen daraus nicht automatisch. Im 19. Jahrhundert sind mithilfe des Zeitungsdrucks und der Massenpresse in großflächigen Nationalstaaten Öffentlichkeiten entstanden, in denen die Aufmerksamkeit einer unübersehbar großen Zahl von Personen zur gleichen Zeit auf dieselben Themen gelenkt worden ist. Das erklärt sich nicht von selbst aus den technischen Vorzügen der Vervielfältigung, Ausbreitung, Beschleunigung und verlängerten Haltbarkeit von Daten. Das sind  die zentrifugalen Bewegungen, die wir nun auch im Web beobachten. Demgegenüber hat die klassische Öffentlichkeit eine Struktur, die die Aufmerksamkeit eines großen anonymen Publikums von Staatsbürgern auf wenige große, politisch wichtige und regelungsbedürftige Themen konzentriert. Das Netz bringt diese Leistungen aber nicht aus sich selbst hervor, im Gegenteil: Es zerstreut. Denken Sie an die spontan auftauchenden Portale, sagen wir: für hochspezialisierte Briefmarkenfreunde, Europarechtler oder anonyme Alkoholiker. Solche Kommunikationsgemeinschaften bilden im Meer der digitalen Geräusche weit verstreute Archipele – vermutlich gibt es Milliarden davon. Diesen in sich abgeschlossenen Kommunikationsräumen fehlt das Inklusive, die alle und alles Relevante einbeziehende Kraft einer Öffentlichkeit. Für diese Konzentration braucht man die  Auswahl und kenntnisreiche Kommentierung von einschlägigen Themen, Beiträgen und Informationen. Die nach wie vor nötigen Kompetenzen des guten alten Journalismus sollten im Meer der digitalen Geräusche nicht verloren gehen.   

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