27.08.2016
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Lachspopulation: 10000 Smolts im Tank

Tigges

Patrick Tigges betrachtete die jungen Lachse durch das Sucherfeld seiner Unterwasserkamera. Der passionierte Taucher und Gewässerökologe aus Weilerswist verharrte oft minutenlang in liegender Position und atmete durch einen Schnorchel, während ihn die Ahr umspülte und die Lachse an ihm vorbei schwammen. (Bild: Romanowski)

Eifel -

Trotz Freitagsverkehr auf den Straßen gelang es Thomas Rameil halbwegs pünktlich am Treffpunkt zu erscheinen. Von Lennestadt im Sauerland aus kam er mit rund 10 000 tierischen Passagieren auf der Ladefläche seines Lastwagens an die Ahr. Auf dem Parkplatz gegenüber der „Eifeler Räucherkammer“ von Edgar Sion wartete man bereits auf ihn. Die Lachse, die Rameil nach Müsch brachte, waren allerdings nicht für den Verzehr bestimmt. Sie wurden vielmehr kurz nach ihrer Ankunft in der Eifel in der Ahr ausgesetzt, von wo aus sie sich bald schon auf den Weg in das Nordmeer machen werden.

Für die Durchführung des so genannten Frühjahrsbesatzes an der Ahr waren auch Dr. Jörg Schneider sowie Theo Simons nach Müsch gereist. Auch Ortsbürgermeister Matthias Schüller und das Ehepaar Sion von der gleichnamigen Räucherei wollten sich das Schauspiel nicht entgehen lassen. Der Biologe Schneider hat 2005 das Projekt zur Wiederansiedlung der Lachse an der oberen Ahr übernommen und ist im Auftrag der rheinland-pfälzischen Struktur- und Genehmigungsdirektion tätig. Simons ist der Geschäftsführer der „Arbeitsgemeinschaft zur Förderung und zum Schutz der Ahr“ (Arge Ahr), die als Zusammenschluss der Pächter von Angelgebieten an der oberen Ahr seit dem Jahr 2000 existiert. Schneider und die Leute der Arge Ahr betreiben einen bemerkenswerten Aufwand, um die Ahr wieder zu dem zu machen, was sie einmal war.

Alte Bilder

Ende des 19. Jahrhunderts wimmelte dieser Fluss ebenso wie der Rhein noch vor lauter Lachsen. Auf alten Bildern sieht man noch die üppige Ausbeute der Angler an der Ahr. Das änderte sich, als hohe Staustufen zur Bewässerung der Wiesen errichtet wurden. Diese Wehre verhinderten die Rückkehr der Wanderfische in ihre Laichgewässer im Mittel- und Oberlauf sowie in den Seitenbächen der Ahr. Auch die zunehmende Verschmutzung besonders des Rheins setzte den Tieren arg zu. Anfang der 1990er Jahre wurde dann das Projekt „Ahr 2000“ ins Leben gerufen. Um das Fließgewässersystem der Mittelgebirgsregion zu schützen und zu entwickeln, wurden unter anderem Wehre beseitigt, bachangrenzendes Grünland extensiviert und Uferrandstreifen angelegt. Dies alles kam nicht zuletzt auch dem Lachs zugute, der ebenso wie die Meerforelle, das Meerneunauge, der Maifisch und andere Arten mittlerweile auch in NRW wieder flussaufwärts zieht.

In vier Tanks reisten die Smolts am Freitag in Müsch an. Als Smolts bezeichnet man junge Lachse auf ihrer ersten Reise ins Meer. In diesem Stadium sind die Fische meistens schon silbrig gefärbt, was trotz sonnigem Wetter am Freitag aber nicht gleich zur Geltung kam. Von den Lachsen bekam man erst einmal nicht viel zu sehen. Nachdem Rameil seinen Lastwagen gut drei Meter neben der Ahr geparkt hatte, brachte er ein Plastikrohr am ersten der Tanks an. Am anderen Rohrende stand Theo Simons mitten in der Ahr und lenkte die Rutschpartie der Fische, die sich noch eine ganze Weile wenige Meter weiter an einer Flusskehre tummelten. Dort nahm Patrick Tigges sie ins Visier oder besser gesagt: in das Sucherfeld seiner Unterwasserkamera. Der passionierte Taucher und Gewässerökologe aus Weilerswist verharrte oft minutenlang in liegender Position und atmete durch einen Schnorchel, während ihn die Ahr umspülte und die Lachse an ihm vorbei schwammen. Offenkundig nahmen die Fische kaum Notiz von dem Mann im Neoprenanzug. Das war Tigges nur recht, denn so bekam er den Fischschwarm besser in den Kasten. Er fing sogar einen ganz besonders dramatischen Moment ein. Eine große Forelle schnappte sich vor seiner laufenden Kamera einen der Smolts zum Frühstück.

Rückkehr in drei Jahren

„In vier bis acht Wochen werden die Smolts von hier abwandern“, erklärte Jörg Schneider am Freitag im Gespräch mit dem „Kölner Stadt-Anzeiger“. Wie viele von ihnen wieder an die Ahr zurückkehren, lässt sich nicht sagen. Wenn die Lachse nach Tausenden von Kilometern ihre Futtergründe im Nordmeer vor Grönland, Island oder Norwegen erreicht haben, werden sie noch rund drei Jahre dort bleiben und danach gemäß ihrer Prägung auf das Heimatgewässer in die Ahr zurückschwimmen. Schneider: „Wir hoffen auf möglichst viele Rückkehrer“. Allerdings schwebt Schneider dabei wohl weniger die Art von Rückkehr vor, die man sich nach der Besatzaktion am Freitag in der „Eifeler Räucherkammer“ schmecken lassen konnte. Der Betreiber des örtlichen Spezialitätenhandels mit Ladenlokal, Edgar Sion, hatte für alle Beteiligten eine leckere Häppchenplatte angerichtet, um auf die erfolgreiche Projektdurchführung mit Sekt anzustoßen. Nur Thomas Rameil bekam nichts ab. Er saß längst schon wieder auf seinem Laster Richtung Sauerland.


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