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Kinogeschichte: Im Apollo flimmerten Filme schon 1905

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Die Bahnhofstraße war vor 100 Jahren eine Vergnügungsmeile mit Gasthäusern, für die auf Postkarten geworben wurde. Tanzveranstaltungen und Filmvorführungen fanden in der Kaiser-Wilhelm-Halle von Wirt Carl Evertz statt. Hier wurde das Apollo-Kino aus der Taufe gehoben. Foto: Stadtarchiv
In den USA ist das verschollene Kassenbuch des ersten Lichtspieltheaters Leichlingens aus den Jahren 1911 bis 1914 entdeckt worden: Ein Urenkel des Filmpioniers Paul Born hat dem Stadtarchiv das Dokument vermacht.  Von
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100 Jahre hat die alte Kladde auf dem Buckel. Kaum zu glauben, dass das abgegriffene Verzeichnis die lange Zeit, zwei Weltkriege und eine Auswanderung über den Ozean überlebt hat. Mit handschriftlicher Buchführung vollgekritzelt, sehen die zwischen den Pappdeckeln noch immer gut lesbaren Geschäftsbilanzen jedenfalls nicht aus wie ein Schatz, den man ewig hüten müsste. Doch als das abgewetzte Fundstück nach einer Weltreise vor einiger Zeit auf dem Tisch des Leichlinger Stadtarchivars landete, jubelte Historiker Thorsten Schulz-Walden.

Denn es ist ein selten wertvolles Fundstück, das ihm der Zufall da beschert hat: In den USA ist das Kassenbuch des Leichlinger Apollo-Kinos der Jahre 1911 bis 1914 aufgetaucht. Die Aufzeichnungen sind der Beweis dafür, dass die einst bewegte örtliche Kinohistorie schon viel früher begonnen hat als bisher bekannt. Die Leichlinger Filmgeschichte kann neu geschrieben werden. Und das ist einem in den USA lebenden Urenkel der Leinwand-Pioniere Theodor Boes und Paul Born zu verdanken. Er hat das vergilbte Kassenbuch im Nachlass Borns entdeckt und dankenswerter Weise dem Leichlinger Stadtarchiv übergeben.

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„Bislang datierten Historiker den Beginn der Leichlinger Kinogeschichte auf das Jahr 1914“, erklärt Schulz-Walden. So hat es zum Beispiel der Heimatkundler und frühere Stadtinspektor Paul Krautmacher in seinen Aufzeichnungen aus den 50er Jahren dargestellt. Offiziell verbürgt ist die Gründung eines festen Kinos sogar erst fürs Jahr 1918, als im Saal der Schankwirtschaft Hollenbach in der Mittelstraße „lebendige Bilder“ vorgeführt wurden. Es gab aber immer schon das Gerücht, dass es an der oberen Bahnhofstraße schon viel früher ein Lichtspieltheater gegeben haben soll. So berichtete Zeitzeuge Heinrich Meier dem Journalisten Hans Werner Hinrichs in einem Interview für den „Kölner Stadt-Anzeiger“ 1977, dass schon 1905 in der Bahnhofstraße Stummfilme mit Klavierbegleitung gezeigt worden seien.

Handschriftliche Einträge erzählen Alltagsgeschichte: ein Blick in die Seiten des Kassenbuches des Apollo-Kinos.
Handschriftliche Einträge erzählen Alltagsgeschichte: ein Blick in die Seiten des Kassenbuches des Apollo-Kinos.
Foto: Stadtarchiv

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Diese Behauptung wird durch das jetzt aufgetauchte Kassenbuch erhärtet: Die beiden Kompagnons Theodor Boes und Paul Born haben ab 1905 in der Kaiser-Wilhelm-Halle nahe des Bahnhofs das Apollo-Theater betrieben.

Auf dem Rummelplatz, im Scala und im Leili

Der Kinematograph, 1895 vom französischen Fotofabrikanten Louis Lumière erfunden, startete seinen Siegeszug in Leichlingen auf dem Jahrmarkt. Um 1904 karrte der Düsseldorfer Schausteller Eduard Weidauer sein „Theater lebender Photographieen“ die Bahnhofstraße hinunter zum Kirmesplatz, der damals an der evangelischen Kirche war.

Seine Projektionen von „lebenden, sprechenden, singenden und musizierenden“ Menschen präsentierte er in einer Schaubude hinter einer 23 Meter breiten Fassade im Rokoko-Stil. Das staunende Volk strömte zu der Attraktion, die das Publikum faszinierte.

In Leichlingen gab es 1905 das Apollo in der Bahnhofstraße, ab 1918 (andere Quellen sagen schon ab 1914) das „Metropol“ in der Mittelstraße, aus dem 1959 das „Scala“ wurde. Von 1951 bis 1969 gab es die „Leichlinger Lichtspiele“ (das „Leili“) in der Gartenstraße, ab 1987 dann noch einmal ein kurzes Aufflackern des „Cinema“ und „Memphis“ im alten Scala-Saal in der Mittelstraße. Heute hat Leichlingen kein Kino mehr. Ironie der Geschichte: Im einstigen „Scala“ hat eine Videothek aufgemacht. Aber auch dieses Kapitel der Filmhistorie ist schon wieder vorbei: Das Geschäft schließt Ende Mai. (hgb)

Aufkleber auf dem Kassenbuch des Kinos von Boes und Born.
Aufkleber auf dem Kassenbuch des Kinos von Boes und Born.
Foto: Stadtarchiv

Born, in den 1880er Jahren geboren, war als Maurer am Bau des Schornsteins der Firma Simons & Frowein beteiligt. Über seinen Geschäftspartner Theodor Boes ist nichts Näheres bekannt.

Auf jeden Fall hatten die beiden Pioniere den richtigen Riecher für den sensationellen Siegeszug der neuen Filmkunst. „Die Besucher strömten sonntags allwöchentlich in Scharen in die Vorführungen“, weiß Schulz-Walden nach dem Studium der Quellen. Auch mittwochs hat es Vorstellungen gegeben. Penibel ist in den Spalten des Kassenbuchs der Jahre 1911 bis 1914 jede Ausgabe und Einnahme festgehalten worden. So erfährt man, dass die Kinopioniere dem Gastwirt des Tanzsaals, Carl Evertz, 27 Mark Miete zahlten, der Klavierspieler fünf Mark bekam, ein Programmverteiler eingestellt wurde, für Plakatwerbung acht Mark ausgegeben wurden und am 17. Dezember 1911 bei der Sonntagsvorführung 115 Mark eingenommen worden sind.

Die Kaiser-Wilhelm-Halle mit Biergarten auf einer Bildpostkarte von 1911.  Hier wurden Schauermärchen und Boxkämpfe gezeigt.
Die Kaiser-Wilhelm-Halle mit Biergarten auf einer Bildpostkarte von 1911. Hier wurden Schauermärchen und Boxkämpfe gezeigt.
Foto: Stadtarchiv

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Authentische Details, die „ein faszinierendes Stück Alltagsgeschichte“ ergeben, freut sich der Stadtarchivar. Auch woher die frühen Filme bezogen wurden, geht aus den Notizen hervor: Vor allem von Karl Werner, einem Kölner Filmverleiher, der zu den Vorreitern der florierenden Branche gehörte. Welche Filme in Leichlingen zu sehen waren, haben Boes und Born leider nicht vermerkt.

Werner hatte aber Streifen wie „Die Geisternacht“ und „Dame in Schwarz“ im Programm, Dokumentarfilme zum Kölner Tagesgeschehen und Karneval. Er hat auch Boxkämpfe organisiert und gefilmt, zum Beispiel „Der Riese Antonitsch, Serbien, gegen Tom Belling, England“. So muss das Programm auch in der Kaiser-Wilhelm-Halle ausgesehen haben, von Pianomusik und Sprechern begleitet.

Born starb kurz nach Ausbruch des Krieges. Damit war auch die Zeit des Apollo-Kinos vorbei. 1915 wurde in dem Gebäude ein Kriegsgefangenenlager eingerichtet, dessen Insassen in der Landwirtschaft und Industrie arbeiten mussten. 1920 ist der Saal zum Wohnhaus umgebaut worden. Es wurde als „Haus Salve“ in der Stadt bekannt, weil dieser Gruß über dem Eingang der Hausnummer 31 in Stein gemeißelt stand. 1977 ist es abgebrochen worden.

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