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Facebook-Gruppen: Studieren auf dem digitalen Campus

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Die studentische Kommunikation verlagert sich immer mehr ins Netz. Oft werden bei Facebook sogar eine Art Lerntreffen abgehalten. Foto: dapd
„Kann mir jemand sagen, wann wir das Portfolio hochladen müssen?" - das studentische Leben verlagert sich immer mehr ins Internet. Vor allem in speziellen Facebook-Gruppen werden Inhalte ausgetauscht. Weil das soziale Medium immer verfügbar ist.  Von
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Facebook-Gruppen sind zu einem zweiten, digitalen Campus geworden. Wenn man die Einträge in den Gruppen liest, fühlt es sich an, als würde man Gespräche an der Uni heimlich belauschen. Oder sich durch die Zettelsammlungen an den schwarzen Brettern wühlen. In einer Gruppe der digitalen Plattform steht zum Beispiel: „Hey, an alle, die montags morgens um 8 Uhr in der Vorlesung … sind: Er hat heute gesagt, dass er voraussichtlich einen Test schreiben wird, weil nur circa die Hälfte da war.“ Oder: „Hallo ihr Lieben, kann mir jemand sagen der auch in der Vorlesung … ist wann, wir das Portfolio hochladen müssen?“ Und: „Weiß jemand von einem WG-Zimmer in Uninähe, das im Januar/Februar frei wird?“

Diese und zahlreiche andere Aufrufe werden täglich auf der Facebook gestartet. Hier erkundigen sich Studenten nach Hausaufgaben, Prüfungsaufgaben, verkaufen und kaufen Bücher, informieren über Partys und suchen eine Wohnung. „Das Praktische ist: Facebook läuft rund um die Uhr, die Leute antworten direkt auf Fragen und ich muss nicht warten, bis ich die Leute aus dem Kurs treffe“, erzählt Studentin Stefanie Gans. Zum Ende des Sommersemesters 2012 hat die 19-Jährige die Gruppe „Bachelor Lehramt“ gegründet, die aus einer anderen Facebook-Gruppe hervorgegangen ist. Rund 650 Studenten haben die Gruppe geliked und suchen Hilfe, wenn sie am analogen Campus nicht weiter wissen. „Ich habe die Gruppe erstellt, weil ich zu Anfang meines Studiums auch viele Fragen hatte, die mir keiner beantworten konnte“, sagt Gans, die sich mittlerweile im dritten Semester befindet. „Jetzt können wir uns gegenseitig helfen.“

Seit zwei Jahren Trend

Seit ungefähr zwei Jahren gibt es das Phänomen, dass Studenten sich über Facebook organisieren, weiß Wilko Steinhagen, der als Berater für soziale Medien bei einem Hamburger Unternehmen arbeitet. „Die Menschen verbringen immer mehr Zeit am Tag bei Facebook, sie regeln alles darüber. Da ist es nur ein logischer Schritt, auch studentische Inhalte auf Facebook zu verlagern.“ Das amerikanische Portal habe zurzeit keine Konkurrenz von anderen sozialen Netzwerken, auch, weil es kostenlos ist.

Patrick Honecker, Pressesprecher der Uni Köln, unterstützt die Nutzung von sozialen Netzwerken ebenfalls. „Wir müssen die Studenten da abholen, wo sie sind.“ 60 000 Aufrufe habe die Fanpage der Uni Köln täglich, eine richtige Studienberatung sei über das Netzwerk aber nicht möglich. „Ratschläge über Facebook sind ja nicht rechtsverbindlich. Aber wir geben den Studenten online Tipps und Telefonnummern, wo sie sich weiter informieren können.“ In Zukunft will er das Beratungsangebot noch ausweiten, und Mitarbeiter aus anderen Verwaltungsbereichen der Uni Köln mit ins Boot holen, sowie die Zusammenarbeit mit Studenten verbessern.

Die studentische Kommunikation verlagert sich also immer mehr ins Netz. Was aber ist aus den guten alten Lerngruppen geworden? „Die Studenten hören ja nicht auf, miteinander zu sprechen, sie haben ihre Kommunikation nur erweitert“, glaubt Honecker. „Facebook ersetzt für mich auf keinen Fall den privaten Kontakt“, sagt Studentin Nicole Niegot. „Wenn ich eine Mathe-Aufgabe nicht verstanden habe, dann möchte ich von Angesicht zu Angesicht mit jemandem darüber reden können – sonst verstehe ich den Rechenweg auch nicht.“ In der Facebook-Mathe-Gruppe guckt die 20-Jährige nur als „letzte Möglichkeit“ nach. Überhaupt verhält sich die Sonderpädagogik-Studentin auf Facebook eher passiv. „Ich möchte mich einfach in den großen Gruppen nicht so öffentlich äußern.“ Stattdessen schätzt sie vor allem die Möglichkeit, sich online mit Lern- und Referatsgruppen zu vernetzen. Es sei schwer, einen gemeinsamen Termin für ein Treffen zu finden, über eine private Facebook-Gruppe könne man hingegen die ersten Ergebnisse schon mal austauschen.

Auch Studentin Stefanie schätzt diese Möglichkeit, vor allem, weil sie aus Langenfeld einen weiten Anfahrtsweg hat. Dass sich Fehler verbreiten weil die Kommunikation auf Facebook nur unter Studenten statt findet, glaubt sie nicht. „Es sind auch Kommilitonen aus den Fachschaften in den Gruppen, die auf die Einträge einen Blick haben.“ Sie findet es sogar gut, dass die Dozenten keinen Zutritt zu den Gruppen haben, denn obwohl nur sehr selten Studenten versuchen würden, Lösungen auszutauschen, würden sich wohl sonst viele nicht trauen, „dumme Fragen“ in der Gruppe zu stellen.


Foto: dapd

„Facebook wäre überflüssig"

Oliver Vornberger, Professor für Mathe und Informatik an der Uni Osnabrück, sieht das jedoch anders. Er hat an seinem Lehrstuhl eine Online-Lern-Plattform namens „piazza“ eingeführt, auf der die Studenten sich über ihre Hausaufgaben und Übungsblätter austauschen können – immer unter Aufsicht von Lehrenden: „Es ist wichtig, dass die Tutoren eingreifen können, wenn mal eine Antwort falsch ist.“ Ein weiterer Vorteil für ihn als Dozent ist, dass er so die Probleme der Studenten direkt erkennen und im nächsten Seminar darauf eingehen kann. Er glaubt, dass Facebook nur eine Notlösung sei. „Wenn alle Studenten eine ähnliche Plattform wie ‚piazza‘ nutzen könnten, wäre Facebook überflüssig.“

Diese These führt er zurück auf ein Angebot, das er seinen Studenten im Jahr 2009 gemacht hat. Vornberger lässt seine Vorlesungen schon seit Jahren filmen und stellt sie unter iTunes online. 2009 veröffentlichte er diese Filme auf Facebook, die Studenten konnten hier sehen, welche anderen Nutzer die Vorlesung gerade auch anschauen und sollten über den Facebook-Chat miteinander in Verbindung treten, um mögliche Fragen zu diskutieren. „Das wurde von den Studenten aber nicht angenommen, sie fühlten sich durch Facebook und ihre Freunde zu stark beobachtet.“ Seitdem nutzt er wieder iTunes und eben „piazza“.

Eine ähnliche Online-Plattform existiert jedoch auch an der Uni Köln, nur, dass sie „Ilias“ heißt. Doch diese wird von den Studenten kaum genutzt, wie Stefanie und Nicole bestätigen. „Bei Facebook weiß man einfach, wie man alles anwendet“, erklärt Nicole. Wilko Steinhagen glaubt, dass die Nutzung von Facebook für studentische Zwecke in den nächsten Jahren noch weiter steigen wird. „Es gibt im Internet oft Fünf-Jahres-Zyklen: Von ungefähr 2005 bis 2010 haben die Studenten studi.vz benutzt, jedoch nicht in diesem Ausmaß“, erklärt er. Danach kam Facebook. Was das Soziale Medium in drei Jahren ablösen könnte, weiß er jedoch nicht. „Es kann sich alles oder nichts entwickeln."

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