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Archiv: Der Traum vom Puppentheater

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Das Finale des Stücks: Das Traumfresserchen steht dem König bei.  Foto: Waldschmidt
Esther Ribera ist zuhause irgendwann die Decke auf den Kopf gefallen. Um gegen die innere Leere anzugehen, gründete die Mutter kurzerhand das Puppentheater Papperlapupp. Jüngst wurde im Pfarrsaal St. Nikolaus Premiere gefeiert.  Von
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Sülz

Es herrscht Gewusel, Vorschulpänz und ihre Eltern sind da. Nick sitzt vorn auf dem Boden. Ein Junge fragt ihn erstaunt: „Deine Mama spielt die Puppen?“ Der Fünfjährige bejaht stolz, nicht wissend, dass er dazu den Anstoß gab. Das Stück heißt „Traumfresserchen“, nach dem Bilderbuch von Michael Ende. Eine Jahrmarktmelodie erklingt, der Volantvorhang geht auf. Prinzessin Schlafittchen, pechschwarze Haare, ausdrucksvolle Augen, erscheint. „Ich habe wieder von Krokodilen im Bett geträumt“, jammert sie. Der König trägt Vollbart und, natürlich, eine Krone auf dem Kopf. Er spricht mit tiefer Bassstimme und fragt: „Wovon träumt ihr, Kinder?“ „Von Hotzenplotz“, ruft ein Mädchen.

Die Prinzessin spielt Esther Ribera. Die Schauspielerin Heike Aumann führt den König. Es sind Handpuppen – der Zeigefinger steckt im Kopf, mit Mittelfinger und Daumen werden die Hände bewegt. Was gegen schlechte Träume hilft, wissen die Kinder auch nicht recht. Teilnahmsvoll rufen sie Vorschläge. Jetzt zieht sich der König einen Fellmantel an, nimmt den Stock und geht auf Weltreise, konsultiert in Amerika einen Cowboy, in China einen Medizinmann, in der Südsee einen Seeräuber.

Esther Ribera zeigt zwei ihrer liebevoll gestalteten Puppen.
Esther Ribera zeigt zwei ihrer liebevoll gestalteten Puppen.
Foto: Waldschmidt

Alle drei stellt Ribera dar. In Verkleidung tritt sie jedes Mal vor die Bühne und hält Zwiesprache. Keine Lösung in Sicht. Bis das Traumfresserchen erscheint. Hinter der Figur steckt ebenfalls Nicks Mutter, ein Kobold in Metallgrau und mit flirrendem Haarkranz. „Ich will einen saftigen Traum in den Magen kriegen.“ Das Traumfresserchen verspeist nämlich die Nachtgespenster, Endlich – die Prinzessin kann wieder gut schlafen.

Tage später, nach der erfolgreichen Premiere, sitzt Esther Ribera zu Hause in Sülz am Küchentisch, strahlend, gut gelaunt. König, Prinzessin und Traumfresserchen hängen kopfüber an der Wand im Flur. Die Bühne liegt zusammengefaltet im Keller. Im Pfarrsaal St. Nikolaus hat auch alles angefangen. Anfang 2012 besuchte Ribera dort mit ihrem Sohn Nick eine Puppentheatervorstellung von Pettersson und Findus. Nick saß mit offenem Mund neben ihr. Da wusste seine Mutter: „Das will ich machen!“ Die 40-Jährige hat in Düsseldorf an der Robert-Schumann-Hochschule Operngesang studiert und schon während ihrer Schulzeit in Bonn Theater gespielt. Beim Jungen Musiktheater Hamburg trat sie in Opern für Kinder auf: „Das hat so viel Spaß gemacht, sie sind so ein tolles Publikum.“

Binnen eines Jahres stellte sie ihr Theater auf die Beine, ganz allein, ohne jede Vorkenntnis. „Ich hatte keine Ahnung von nichts“, sagt sie selbst. Und: „Ich hoffe, davon leben zu können.“ Ob das realistisch ist? Wie eine versponnene Künstlerin wirkt Ribera nicht. Zum Interview hat sie sich betont seriös angezogen: dunkelblaue Hemdbluse, dünne Goldkette, die braunen Haare locker zurückgekämmt. Ihre Augen blicken intelligent, sie spricht lebhaft in klaren Sätzen – eine Macherin, eindeutig. „Wenn ich etwas wirklich will, mache ich es.“ Dabei aber hat sie keinen ökonomischen Druck, sie ist glücklich mit einem gut verdienenden Rechtsanwalt verheiratet. „Mein Mann ist Feuer und Flamme für meine neue Passion“, sagt Ribera, „und unterstützt mich tatkräftig.“

Bis vor kurzem hätte man Esther Ribera auch ohne weiteres für eine jener sprichwörtlichen Latte-macchiato-Mütter halten können, Mittelschichtsfrauen, die mit ihren Kindern die Nachmittage im Café verbummeln. Nach der Geburt von Tochter Lynn vor zwei Jahren genoss sie zunächst noch die Elternzeit, traf sich oft mit Freundinnen. Doch es entstand ein Gefühl der inneren Leere. „Ich hatte oft schlechte Laune und fand es auch anstrengend, außer Haushalt nichts zu machen.“ Der Entschluss, wieder kreativ tätig zu sein, weckte sofort ihre Lebensgeister. René Tillmann, ein Puppenspieler aus Horn-Bad Meinberg, den eine Freundin empfahl, gab die ersten Tipps.

Auch der Zufall kam zu Hilfe. Auf dem Spielplatz traf sie Martin Heim wieder, sie kannten sich von der Jungen Kammeroper in Rodenkirchen. Er schreibt Stücke und Lieder für Kinder. Bei Traumfresserchen übernahm er die Co-Regie. Heike Aumann ist ebenfalls eine alte Bekannte. Übers Internet fand Ribera die in Baden-Baden lebende Figurenbauerin Vera Kniss. Ihre Geschöpfe sehen deshalb so lebensecht aus, weil sie sie mit Augen aus mundgeblasenem Glas ausstattet. Kopf und Hände sind aus Latexmilch gegossen. Die Handarbeit hat ihren Preis: eine Puppe kostet rund 800 Euro. Die Bühne fertigte Kniss ebenfalls. Die ist so flexibel, dass sie ins Familienauto passt.

Derzeit plant Ribera schon für die Weihnachtssaison, will „Die Schneekönigin“ von Hans Christian Andersen inszenieren. „Ich möchte schöne Figuren! Und klassisch schönes Puppentheater machen!“, sagt sie mit Nachdruck. Die derzeit so angesagten Olchis, grüne Monster, die auf einer Müllkippe leben und Abfall essen, kommen ihr also nicht ins Haus. Kasperle? Das mag sie auch nicht. Was wohl in fünf, zehn Jahren sein wird? Wird sie dann selbst Stücke schreiben? Über Schulsorgen und Pubertätskonflikte – weil das Theater mit den Kindern mitgewachsen ist? So weit will sie gar nicht denken. Ihr Nahziel hat sie erreicht: „Seit ich wieder was zu tun habe, bin ich ausgeglichener.“

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