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Clarenbachwerk: Mit Pflanzen leben die Menschen auf

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Ana Dominguez (Mitte) arbeitet am Schnittlauch und gibt dem Personal dabei ein bisschen Spanischunterricht. Foto: Marion Eickler
In der Garten-AG des Clarenbachwerks haben Senioren die Möglichkeit ihren eigenen Garten an der frischen Luft zu gestalten. In Zusammenarbeit mit der Freiluga wird älteren Menschen im Alltag mehr Lebensqualität geboten.  Von
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Müngersdorf

Eva Kebbel ist 89 Jahre alt und lebt im Haus Andreas, einem Pflegeheim des Clarenbachwerks. Sie steht dort auf der Dachterrasse und breitet die Arme aus – als wolle sie die Welt umarmen. „Ich liebe alle Blumen. Blumen sind mein Leben“, ruft sie und blinzelt in die Sonne. „Sehen Sie, das Gärtnern an der frischen Luft tut unseren Bewohnern ausgesprochen gut. Das sieht man sogar an der Körpersprache“, sagt Wiebke Schönemann, im Haus Andreas für die soziale Betreuung der Bewohner zuständig, zu Angelika Burauen und Karin Imdahl. Sie sind die Vorsitzenden des Fördervereins der Freiluft- und Gartenschule der Stadt (Freiluga) – in der Großstadtkinder das Wichtigste über die Natur lernen können. Und sie wollen tatkräftig in der Garten-AG des Pflegeheims mitwirken. Jede Woche werden sie mit von der Partie sein. „Das Fachwissen, der frische Wind, ein Stück Müngersdorfer Alltag, der mit den Frauen in unser Haus kommt. Das alles ist von unschätzbarem Wert für unsere Bewohner“, sagt Schönemann.

Angelika Burauen, die bis zu ihrer Pensionierung selbst Lehrerin in der Freiluga war, und Imdahl haben Gartenzeitschriften mitgebracht und Tütchen mit Blumensamen wie Ringelblume, Kapuzinerkresse und Tagetes. Kräuter, Gemüsepflanzen und Beerensträucher stehen ebenfalls bereit. „Wir wollen alles säen und pflanzen, was duftet und was man essen kann. Denn Sie sollen ihren Terrassengarten mit allen Sinnen genießen“, erklärt Burauen auf dem Weg hinaus den sechs Seniorinnen, die heute mitgärtnern. Jede setzt sich noch einen Strohhut gegen die hoch stehende Sonne auf– und los geht’s.

„Die Sinne anzusprechen, das ist für unsere Bewohner, besonders für die an Demenz erkrankten Menschen, von großer Bedeutung. Davon haben auch diejenigen etwas, die nicht mehr aktiv mitarbeiten können“, sagt Burauen und zeigt auf zwei Damen im Rollstuhl. Scheinbar teilnahmslos sitzen sie inmitten des Gärtnertrubels. Doch als Schönemann ihnen Rosmarin und Lavendel unter die Nase hält, huscht so etwas wie ein Lächeln über die Gesichter.

Währendessen hat Eva Kebbel begonnen, von Litauen zu erzählen. Auf die Frage nach ihrem Alter antwortet sie klar, knapp und mit dem Brustton der Überzeugung „68“. So gut geht es der 89-Jährigen heute. Näher als die Gegenwart aber sind ihr die Erinnerungen an die Jugend. „Wir hatten ein Gut in Litauen. Da waren 40 Pferde, 60 Kühe, ein großer Blumengarten und ein riesiger Gemüsegarten. Da war ich glücklich“, erinnert sie sich, während sie die Wurzeln eines jungen Kohlrabi mit Erde bedeckt.

Heute könnte Eva Kebbel die Welt umarmen.
Heute könnte Eva Kebbel die Welt umarmen.
Foto: Marion Eickler

Auch Käthe Stelzmann, die zwar aus Köln stammt, im Krieg aber wie viele andere aus der zerstörten Stadt aufs Land gebracht worden war, hatte einige Jahre auf einem Gut in Ostpreußen verbracht. „Bis der Russe kam. Dann kamen wir zurück nach Köln.“ Behutsam zählt sie die Samen der Kapuzinerkresse in ihrer Hand ab, bevor sie sie einzeln in die Erde legt und hinzufügt: „Mir ist es schwer gefallen, mich wieder an das Leben in der Großstadt zu gewöhnen.“ Während Eva Kebbel manchmal nicht genau weiß, wie alt sie ist, ist Käthe Stelzmann überzeugt davon, heute das erste Mal an der Garten-AG teilzunehmen. „Ich kenne hier niemanden. Aber alle sind nett“, versichert sie.

Ana Dominguez (Mitte) arbeitet am Schnittlauch und gibt dem Personal dabei ein bisschen Spanischunterricht.
Ana Dominguez (Mitte) arbeitet am Schnittlauch und gibt dem Personal dabei ein bisschen Spanischunterricht.
Foto: Marion Eickler

Schönemann lacht und meint: „Frau Stelzmann ist eine unser Garten-AG-Pionierinnen. Und sie ist seit Jahren jedes Mal das erste Mal dabei.“ Das Gedächtnis lässt Stelzmann im Stich. Der Körper will bei einigen auch nicht mehr so richtig. Aber das ist egal. Dann werden Schaufel und Harke eben vom Rollstuhl aus geschwungen. Alle Kästen und Beete können barrierefrei angefahren werden.

Das ist für Ingrid Thönig ein Segen, denn ihre Knochen machen nicht mehr richtig mit. Die jetzt 79 Jahre alte „Tochter eines Schulrektors“, wie sie betont, weiß aber genau, welches ihre Lieblingsblume ist. „Die Rose. Davon hatten wir viele in unserem Garten. Ich erinnere mich jetzt plötzlich daran, wie ich meinem Vater immer bei der Arbeit im Schrebergarten in Pesch half“, sagt sie und setzt hinzu: „Sogar das Mähen des Rasens machte mir Spaß.“

Ingrid Thönig nimmt heute tatsächlich zum ersten Mal an der Garten-AG teil. Sie will auf jeden Fall weitermachen. Während die Gießkannen klappern und das Wasser in die Beete läuft, leben nicht nur die Pflanzen, sondern auch die alten Menschen wieder auf. „Und wenn alles reif ist, dann machen wir daraus ein gemeinsames Festessen“, schlägt Schönemann den beiden Freiluga-Frauen vor. Die sagen erfreut zu.

Ehrenamtliche Hilfe

Sinnvoll und strukturiert sollen die Bewohner von Haus Andreas den Tag gestalten. „Das hilft besonders den demenziell Erkrankten bei der Orientierung und gibt den alten Menschen das Gefühl, dass es sich lohnt morgens aufzustehen“, erläutert Geschäftsführerin Doris Röhlich-Spitzer. Der Veranstaltungskalender im Aufzug des Hauses ist mit Angeboten reichlich gefüllt. Sie reichen vom Literaturkreis über Gymnastik bis zum Kochen.
89 Menschen leben derzeit in der Einrichtung der Clarenbachwerk gGmbH. „Realisieren können wir so viele Freizeitbeschäftigungen nur dank der ehrenamtlichen Unterstützung, wie sie beispielsweise der Förderverein der Freiluga leistet. Und davon können wir nicht genug haben“, sagt Doris Röhlich-Spitzer. (eic)(eic)

Künftig will der Förderverein der Freiluft- und Gartenschule auch in der Erwachsenenbildung aktiv werden. Die Zusammenarbeit mit der Garten-AG des Clarenbachwerks ist das erste Projekt. Die Leitung des Heims ist darüber sehr glücklich. „Wir versuchen aus der Biographie der Bewohner heraus Beschäftigungen zu ermöglichen, die im jeweiligen Leben eine große Rolle gespielt und Freude gemacht haben“, erklärt Schönemann. Aufgrund der Einschränkungen, die die alten Menschen mitbringen, sind dafür viele helfende Hände nötig.

Manchmal sind auch Fremdsprachenkenntnisse von Vorteil. Still sitzt Ana Dominguez zwischen dem Gewusel und hält lächelnd eine Zucchinipflanze in der Hand. Die 79-Jährige spricht kaum Deutsch. Im Laufe des Vormittags aber ergibt sich ein Spiel zwischen Burauen, Imdahl und Dominguez.

Die Kölnerinnen fragen bei allem, was sie anfassen, was es auf Spanisch heißt. Angelika Burauen hält einen Kiesel hoch. Die Augen von Señora Dominguez beginnen zu leuchten. „Piedra“, sagt sie. Wieder haben die Müngersdorferinnen etwas Neues gelernt.
www.clarenbachwerk.de
www.freiluga-schulbio.de

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