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Jakobsweg: Zu Fuß bis zum Ende der Welt

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Ein Bild, das an Caspar David Friedrichs Gemälde „Der Wanderer über dem Nebelmeer“ erinnert: Ralf Engels am Cap Finisterre. Foto: privat
Jahrelang zapfte er sechs Tage die Woche Bier, kaufte morgens ein, machte dann die Buchhaltung – bis es zu viel wurde. Dann begab sich Ralf Engels auf eine Wanderung auf dem Jakobsweg, wo er wieder zu sich selbst fand.  Von
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Sülz

Der sonnengebräunte Mann im Karo-Hemd gibt der Eingangs-Tür der kleinen Espressobar auf der Sülzburgstraße einen kräftigen Schubs. „Ich bin wieder da“, ruft er seinem Bekannten an der Kaffeemaschine zu. „Und, bist du jetzt erleuchtet?“, fragt der gelassen. „Sagen wir mal: ich bin einfach wieder der Alte.“

Das stimmt nicht ganz. Ralf Engels, der gerade eine Wanderung auf dem Jakobsweg nach Santiago de Compostela hinter sich hat – und anschließend bis zum Ende der Welt, wie das Cap Finisterre an der spanischen Küste genannt wird – gelaufen ist, ist zwar wieder fit, aber nicht mehr Wirt der Klettenberger Veedelskneipe „Kölsch-Kultur“. Die hat er vor einigen Monaten verkauft – obwohl er selbst fast zum Inventar gehörte: Jahrelang zapfte er sechs Tage die Woche Bier, klönte mit den Gästen, kaufte morgens ein, machte dann die Buchhaltung. Er brannte für seine Kneipe. Doch das war irgendwann zu viel.

Burn-Out

Dass Engels seine Anwesenheit in der Kneipe auf fünf Abende pro Woche reduzierte, stieß auf wenig Verständnis. „Dir scheint es ja gut zu gehen“, urteilte mancher Stammgast. Ralf Engels brannte aus. Wenn er morgens aufstand, musste er würgen, konnte sich aber nicht übergeben. Er war ständig niedergeschlagen, mochte seine Kneipe und Gäste nicht mehr sehen und reagierte auf alles hypersensibel.

„Ich war richtig depressiv. Dabei war ich immer der Strahlemann. Ich kam mir vor wie Tim Taler, der sein Lächeln verloren hat“, sagt Engels. Er brauchte keinen Arzt, um zu wissen, woran er litt, im Internet fand der Auskunft. Er hatte fast alle Symptome eines „Burn-Out-Syndroms“, nur zwei davon glücklicherweise nicht: Selbstmordgedanken und Zukunftsängste. Engels hatte keine Angst, seine berufliche Existenz aufzugeben. „Ich habe immer gewusst, wenn einmal irgendetwas ist, wird mir der Jakobsweg helfen“, sagt er.

Die Kneipe verkaufte er

Im Juni verkaufte er die Kneipe. Im Juli ging er los: Vom Dom aus, nur mit Rucksack und Wanderstock. „Ich war die ersten zwei Monate absolut allein. Das war super“, sagt er. Leicht war es trotzdem nicht, besonders der erste Streckenabschnitt des 2600 Kilometer langen Pilgerweges.

Den Füße zeigen die Strapazen des 2600 Kilometer langen Weges.
Den Füße zeigen die Strapazen des 2600 Kilometer langen Weges.
Foto: privat

Dem untrainierten Kneipenwirt machte der Marsch zu schaffen. Alles tat weh, die Muskeln und die Knochen, die Knie. Er konzentrierte sich auf einen Zielpunkt: Vezeley in Frankreich, 800 Kilometer würden dort geschafft sein. Als er dort ankam und den Berg zur Basilika, einem berühmten Wallfahrtsheiligtum, hinaufging, spürte er, dass etwas passierte, das er selbst als „mystisch“ beschreibt. Ralf Engels fing an zu schluchzen. Er heulte zwei Stunden lang. „Das brach alles aus mir raus“, sagt er.

Es muss viel gewesen sein. „Danach war es wieder gut“. Engels fühlte sich nicht mehr ausgebrannt, wollte den Weg aber zu Ende gehen. Er glaubt nicht an Zufall, sondern an Schicksal. An Gott? „Ich habe mich noch nicht getraut, aus der Kirche auszutreten“, sagt er. Jedenfalls spüre er die Kraft, die ihm die Wanderung gegeben hat.

„Mission complete“

Auf der letzten Etappe war Engels topfit. An einer Steigung überholte er alle anderen Pilger. Er hatte zwei Flaschen Wein dabei, den er in Plastikbechern an die Nachzügler ausschenkte. Ralf Engels war wieder Wirt. Am 1. November, nach 111 Tagen kam er in Santiago die Compostela an. Er wanderte weiter bis zum Cap Finisterre und rauchte dort eine Zigarre. „Mission complete“, habe er gedacht. Vezeley, das eigentliche Ziel, lag weit hinter ihm. Dann kehrte Ralf Engels heim – zu seinem Kumpel, den Klettenberger unter dem Namen „Bötsch“ kennen. Dort schläft er im Gästezimmer, seine alte Wohnung gehörte zum verkauften Lokal.

Seine Pläne für die Zukunft? „Vielleicht mache ich wieder eine Kneipe auf. Ich bin Frontkämpfer, liebe meine Gäste. Eigentlich bin ich der geborene Kellner,“ sprudelt es aus ihm heraus. Nach einer kleinen Denkpause sagt Engels, der einmal Jura studiert hat: „Vielleicht schreibe ich auch ein Buch über den Jakobsweg als Weg aus dem Burnout“. In der kleinen Espressobar, wo der ehemalige Wirt gerne selbst zu Gast ist, steht er auf und räumt den Tisch ab. Er trägt das schmutzige Geschirr zur Theke und verabschiedet sich. Ralf Engels muss noch ins Kölsch-Kultur, beim Umbau helfen.

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