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Neurochirurgie: Hirn-Elektroden gegen die Sucht

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Elektroden im Hirn, Schrittmacher unter dem Schlüsselbein 
Die Kölner Unikliniken nehmen an einer Studie teil, bei der Heroin- und Alkoholabhängigen mit Hilfe von Elektroden gegen Sucht geholfen werden soll. Ein Hirnschrittmacher weist jetzt schon Erfolge auf.  Von
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Zwei Studien, die weltweit ersten dieser Art, werden gemeinschaftlich von den Kliniken für Stereotaxie und Funktionelle Neurochirurgie sowie Psychiatrie und Psychotherapie der Uniklinik Köln durchgeführt: Schwerst Heroinabhängigen und Alkoholsüchtigen werden Hirnschrittmacher eingesetzt, um so die Sucht auszuschalten. Die Studie mit den Heroinabhängigen läuft bis 2014 mit insgesamt zehn Patienten. Die Studie mit den Alkoholabhängigen ist auf 30 begrenzt, in Kooperation mit den jeweiligen Kliniken in Magdeburg und Mannheim. Sieben Alkoholabhängigen – fünf in Magdeburg und zwei in Köln – wurde bereits ein Hirnschrittmacher eingesetzt. Vier der sieben sind derzeit komplett suchtfrei, bei zweien ist eine signifikante Linderung der Sucht eingetreten.

Jederzeit ein- und ausschalten

Professor Dr. Veerle Visser-Vandewalle, neue Direktorin der Klinik für Stereotaxie und Funktionelle Neurochirurgie in Köln und Nachfolgerin des langjährigen und renommierten Leiters Professor Volker Sturm: „Die Süchtigen müssen alle gängigen Langzeitentwöhnungen ohne Erfolg durchlaufen haben. Die Heroin-Patienten müssen zudem bereits mit Methadon therapiert werden.“
Im Vorderhirn, genau genommen im Nucleus accumbens, werden die Elektroden implantiert, weil der Nucleus accumbens die zentrale Rolle im Belohnungssystem und bei der Entwicklung von Süchten spielt. Dieser Bereich des Hirns liegt ungefähr in Höhe der Nasenwurzel in sechs bis sieben Zentimeter Tiefe. Dünne Elektroden mit einem Durchmesser von 1,27 Millimetern werden in den Nucleus accumbens eingesetzt. Zwei Kabel verbinden unter der Haut diese Elektroden mit dem Schrittmacher, der unterhalb des Schlüsselbeins unter der Haut liegt. „Dieser Schrittmacher lässt sich jederzeit ein- und ausschalten“, sagt die Professorin. Wenn der Schrittmacher eingeschaltet ist, soll die Sucht ausgeschaltet werden. Was unter dem Strich bedeutet: Noch weiß man nicht, wie sich Suchtverhalten dauerhaft und ohne Hilfsmittel wie den Hirnschrittmacher unterdrücken lässt.

Aber Ärzte und Wissenschaftler vermuten, dass Süchte durch eine fehlgesteuerte Ausschüttung von Dopamin verursacht werden. Dopamin wird im Hirn produziert und im Volksmund gern als Glückshormon bezeichnet, weil es Wohlbefinden auslöst. In Bezug auf die beiden Studien also Wohlbefinden nach dem Konsum von Alkohol oder Heroin. „Wie hoch der Ausstoß an Dopamin ist, ist unter anderem genetisch bedingt“, so Veerle Visser-Vandewalle, „aber auch soziale Faktoren haben einen wesentlichen Einfluss, ob jemand süchtig wird oder nicht. Wägt man beide Faktoren ab, so dominiert wahrscheinlich die genetische Veranlagung.“ Die Professorin gibt in puncto Sucht dem Alkoholismus die schlechteren Karten im Vergleich zu Heroin. „Wer zehn Jahre trinkt und alkoholabhängig ist, der riskiert, dass sein Gehirn um einen Zentimeter geschrumpft ist, dass Intellekt, Gedächtnis und Konzentration in Mitleidenschaft gezogen werden“, sagt Veerle Visser-Vandewalle.

Professor Dr. Veerle Visser-Vandewalle
Professor Dr. Veerle Visser-Vandewalle

Professor Dr. Veerle Visser-Vandewalle ist Belgierin, 48 Jahre alt und seit neun Monaten Direktorin der Klinik für Stereotaxie und Funktionelle Neurochirurgie an den Unikliniken Köln.

Früher irreversibel

Schon in den 1950er und 1960er Jahren haben Experten bestimmte Hirnregionen operativ ausgeschaltet, was mit großen Risiken für die Patienten verbunden war. Zum einen war dieser Schritt irreversibel, das heißt, die ausgeschalteten Bereiche konnten nicht mehr reaktiviert werden. Folgen dieses Eingriffs konnten Sprachprobleme sein oder Schwierigkeiten beim Gehen. „Mit dem Hirnschrittmacher und den Elektroden ist es möglich, dass das Suchtverhalten beeinflusst wird, aber alle anderen Reaktionen erhalten bleiben bis hin zu der ganzen Bandbreite der positiven Gefühle“, so die Klinikdirektorin. Bei einem Prozent der Patienten, denen ein Hirnschrittmacher eingesetzt wird, besteht das Risiko einer Blutung. Die Gefahr, das genaue Ziel im Nucleus accumbens während der Operation nicht zu treffen, sieht Visser-Vandewalle eher nicht. „Dank modernster Techniken erreichen wir die Zielpunkte im Gehirn mit einer Präzision von mehr als 1,2 Millimeter.“
Bald wird die Stereotaxie ein neuartiges roboterassistiertes System für das Implantieren der Elektroden bekommen. „Unser dritter Arm“, sagte Veerle Visser-Vanderwalle. Billig sind Hirnschrittmacher-Operationen nicht. Allein

20 000 Euro kostet das Gerät, rund 7000 Euro die Operation. Für die beiden Studien decken die Gerätehersteller sowie Fördermittel der Deutschen Forschungsgemeinschaft und der Else-Kröner-Fresenius-Stiftung die Ausgaben.

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