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Porträt: "Fast jeder war irgendwie Täter"

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Alexander Bungartz (86), Historiker aus Sülz. Foto: Bause
Alexander Bungartz aus Sülz hat ein Buch über seine Jugend geschrieben. Die Biografie ist zugleich eine kleine Kölner Chronik, von dem Historiker anschaulich, ungeschminkt und lesenswert erzählt.  Von
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Sülz

Mit Tippelschritten und rasselndem Atem kommt Alexander Bungartz zur Tür. Der 86-Jährige hat ein Karzinom im Unterleib und eine Entzündung in der Brust, doch seine Stirn ist glatt, der Geist hellwach. Bungartz war Lehrer für Deutsch und Geschichte, zuletzt am Niehler Erich-Kästner-Gymnasium, als Pensionär ist er ambitionierter Cellist und Viellesender; er weiß viel und kann sein Wissen in Geschichten bündeln. Blick und Tonfall dulden keinen Zweifel: Hier hat einer etwas zu sagen.

Alexander Bungartz, geboren und geblieben in Sülz, hat ein Buch über seine Jugend geschrieben. „Eine Kindheit und Jugend in den Dreißigern“, so der unscheinbare Titel. Es ist mehr als eine Biografie, es ist gleichzeitig eine kleine Kölner Chronik, anschaulich erzählt von einem Historiker, der mit 14 anfing, die Klassiker der Weltliteratur zu lesen. Weltläufig schreibt er und wusste damals doch eher wenig – zum Beispiel über die Gräueltaten der (Kölner) Nazis.

Er habe als Junge zwar die Hetzartikel über Juden in der Zeitung „Der Stürmer“ in den Schaukästen gesehen, die Schilder an Geschäften mit der Aufschrift „Hier kaufen nur Deutsche ein“, die dunkel gekleideten Passanten mit dem Judenstern. „Aber über Deportationen wurde geschwiegen. Auch ein Kommunist, von dem jeder wusste, dass er im KZ war, schwieg. Über allem lag eine Schneedecke, die alles erstickte.“ Bungartz spricht nicht immer politisch korrekt. „Für uns war die Lage der Juden nicht besorgniserregend“, sagt er, „wir haben sie als etwas minderwertig empfunden, das wurde ja an jeder Ecke so kommuniziert, zum Beispiel durch diese widerwärtigen Rotznasen-Karikaturen.“ So spricht kein ehemaliger Nazi, sondern einer, der schon als junger Mensch ein Nazi-Gegner war. Alexander Bungartz war Mitglied in der christlich orientierten bündischen Jugend, die illegal war und von der Gestapo beobachtet wurde. Nachdem er im El-De-Haus von der Gestapo verhört wurde, meldete sein Vater ihn beim Deutschen Jungvolk an, neben der HJ der einzig erlaubten Jugendorganisation. „Da ich aber keine Uniform hatte, war man nicht interessiert, dass ich weiter dahin kam. Dadurch habe ich das Bild gestört.“

Die Illegalität der bündischen Jugend „schuf ein Ghetto, aber kein politisches Bewusstsein“, schreibt Bungartz in seinem Buch. „Zwar kolportierten wir Witze über Göring, Goebbels und andere Nazigrößen, aber es fand keine Kritik oder Kommentierung zum Beispiel der Judenverfolgung statt. Wir waren jung und politisch unwissend.“
Wie viel die Menschen gewusst haben? „Je nach Stellung, Bildung, Lokalisation und sozialer Verbindungen war das sehr unterschiedlich.“ In der Frage wittert er Skepsis, die ihn ärgert. „Ich bin verwundert, wie die Öffentlichkeit Menschen wie Günter Grass oder Horst Tappert, die in der SS waren, nachträglich verurteilt“, sagt er. „Ich wundere mich, weil politische Ereignisse von damals ständig verglichen werden mit den Verhältnissen unserer Demokratie heute. In der NS-Zeit konnte fast niemand nur Opfer sein, fast alle waren irgendwie Täter. Wenn sie ohne Kriegsverbrechen auskamen, war das oft nur Glück.“

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Die „Geschichte nur als Steinbruch zu nutzen“, wie Politik und Medien das gelegentlich machten, sei „unredlich“, findet er. „Selbst an Stauffenberg wurde ja herumgemäkelt. Die Menschen sollten sich öfter fragen: Wie hätte ich gehandelt, wenn es um mein Leben gegangen wäre?“ Bei aller „notwendigen Debatte über die Täter“ werde „vernachlässigt, dass da eine ganze Generation verheizt wurde. Das waren Opfer, die zu Tätern wurden. Wie viele meiner Freunde haben über diesen Zwiespalt gestöhnt!“

Die Ahnungslosigkeit des jugendlichen Bungartz ging so weit, dass er „einen gefallenen Freund oder Vetter nicht nur wegen seines Heldentodes bewunderte, sondern ihn, ohne es zu wissen, beneidete wegen der Aufmerksamkeit und Anteilnahme, die sein Tod bei Freunden und Verwandten erregte. Später als siebzehnjähriger Soldat habe ich mir ein ähnliches Schicksal insgeheim gewünscht.“
Der irre Wunsch erfüllte sich nicht. Er musste auch nie auf einen Menschen schießen. Auf einem belgischen Kartoffelacker geriet er mit seiner Einheit unter Artilleriebeschuss und grub sich in die Ackerfurche, eine Zielscheibe auf offenem Feld. „Als die Panzer der Amerikaner heranrollten, erhoben sich einige zu früh, andere zu spät.“ Bungartz hob seine Hände zum richtigen Zeitpunkt.

Weil er gut Englisch konnte, arbeitete er in Gefangenschaft als Dolmetscher. Nach 13 Monaten kehrte er an Leib und Seele unversehrt nach Köln zurück. Alexander Bungartz heiratete, bekam vier Kinder, wurde Lehrer für Deutsch und Geschichte. Er galt als rückständig, weil er Geschichte in Geschichten erzählte und sich nicht an die wissenschaftlichen Lehrbücher hielt, und wurde von Kollegen komisch angeschaut, weil er sich mit den Schülern einigte, sie mit Vornamen anzusprechen. Er war zunächst gegen den gemeinsamen Unterricht von Mädchen und Jungen und später dafür, ein Gegner der Rechtschreibreform, die „die deutsche Sprache unzulässig vereinfacht“ habe, ist er geblieben. Weil Kinder ihm immer gern zugehört haben, hatte Bungartz sein Buch eigentlich nur für seine Enkel geschrieben. Seine Erinnerungen sind es wert, von vielen Menschen gelesen zu werden.

Bungartz’ Buch „Eine Kindheit und Jugend in den Dreißigern“ ist bei der Buchhandlung Olitzky-Ruland, Luxemburger Straße 275, erhältlich.

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