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Trickdiebe: Was bleibt, ist der Zorn

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Weil sie nicht zum Tagesgespräch in der Nachbarschaft werden möchte, will Ruth Schneider unerkannt bleiben.  Foto: Arton Krasniqi
Die Seniorin Ruth Schneider ist in ihrer Wohnung in Lindenthal von Trickdieben beraubt worden. Ihre Geschichte ist kein Einzelfall: die Polizei registriert eine rapide steigende Zahl von Betrugsfällen, bei denen die Opfer älter als 65 Jahre sind.  Von 
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Fast drei Monate lag ihr Mann im Sterben, drei quälend lange Monate. Lymphdrüsenkrebs. „Er war nur kurz krank, aber tödlich“, erzählt Ruth Schneider (Name geändert). Trotzdem habe sie an jedem Tag gedacht: „Ach bitte, bleib doch noch einen Tag länger.“ Nach elf Wochen war ihr Mann erlöst. Ruth Schneider weinte so viel, dass sie von den salzigen Tränen bald „rohes Fleisch unter den Augen“ hatte, wie sie sich erinnert. Und sie habe sich geschworen: „Wenn du das hier überstehst, dann wirft dich nichts mehr um.“ 26 Jahre ist das her.

In den vergangenen Tagen seit dem 28. Januar hat Ruth Schneider häufig an diesen Satz gedacht. Er helfe ihr, nicht verrückt zu werden, sagt sie. Optimistisch zu bleiben. Andere alte Menschen, die von Trickdieben in ihrer eigenen Wohnung beraubt wurden, vereinsamen, sagt die Polizei; viele vertrauen sich nicht mal den engsten Angehörigen an aus Sorge, verhöhnt oder wegen ihrer vermeintlichen Leichtfertigkeit ausgeschimpft zu werden. Manche sind vor lauter Gram und Kummer gestorben. Ruth Schneider haben die Täter Schmuck für mehrere Zehntausend Euro gestohlen, darunter Erinnerungsstücke, die ihr Mann ihr geschenkt hatte. „Aber diese Lumpen kriegen mich nicht klein“, sagt die 87-jährige Lindenthalerin. „Wenn die denken, ich sitze jetzt in der Ecke und heule, haben sie sich geirrt.“

Das perfekte Opfer

Der 28. Januar ist ein Montag. Es ist kurz nach elf Uhr. Ruth Schneider hat auf der Dürener Straße ein paar Kleinigkeiten eingekauft und ist auf dem Heimweg. Die Polizei vermutet später, dass die beiden Täter sie zu diesem Zeitpunkt schon eine Weile verfolgen. Ruth Schneider ist zu Fuß unterwegs, ohne Begleitung. „Ich habe etwas Probleme mit meinem Knie, ich gehe nicht mehr so stramm und wunderbar“, sagt Schneider. Für die Trickdiebe ist sie das perfekte Opfer.

Als sie den Hausschlüssel ins Schloss steckt, sprechen die fremden Männer sie an. Sie tragen blaue Jacken mit einem aufgestickten Emblem. „Irgendetwas mit Installation stand da drauf“, erinnert sich Ruth Schneider. Es gebe einen Wasserschaden im Haus, behaupten die Fremden, sie müssten das prüfen. Die Rentnerin schöpft keinen Verdacht. Das Mehrfamilienhaus wurde kürzlich saniert, monatelang gingen Handwerker ein und aus. „Wenn Sie in den Keller müssen, sagen Sie Bescheid, ich schließe Ihnen auf“, antwortet Ruth Schneider höflich.

Kaum hat sie ihre Wohnung betreten, klopft es an der Tür. Die 87-Jährige blickt durch den Spion. Sie schaut auf einen Papierausweis, irgendetwas mit Installation steht darauf. Jetzt sollte sie vorsichtig sein. „Öffnen Sie niemals einem Fremden die Tür“, empfiehlt die Polizei. „Lassen Sie nur Handwerker hinein, die Sie selbst bestellt haben oder die von der Hausverwaltung angekündigt worden sind. Ziehen Sie eine Vertrauensperson hinzu.“

Rapide steigende Zahl

Ob Enkeltrick, vermeintliche Handwerker oder falsche Polizisten – seit drei Jahren registriert die Polizei eine rapide steigende Zahl von Betrugsfällen, bei denen die Opfer älter als 65 Jahre sind. Im Vergleich zum Vorjahreszeitraum hätten sich die Zahlen bereits verdoppelt, berichtet Behördensprecher Karlo Kreitz. Näheres will die Polizei mit der Kriminalstatistik im März bekanntgeben. Ruth Schneider kennt alle Warnungen. Geistig ist sie topfit. „Ich habe immer gedacht: Wie kann man nur auf diesen Enkeltrick oder so etwas hereinfallen?“

Sie öffnet die Tür. Einer der Täter fasst sie am linken Arm, drängt sie vor sich her in die Küche, dahinter betritt der Komplize die Wohnung. „Schauen Sie mal“, sagt der erste Täter. Er greift unter das Waschbecken, zieht seine Hand wieder hervor, die Handschuhe sind feucht. „Alles nass hier“, sagt er.

Polizei warnt vor neuer Masche

Ruth Schneider möchte ihren Arm aus der Umklammerung lösen, aber der Mann drückt noch fester zu. „Schauen Sie mal selbst“, wiederholt er. Aus den Augenwinkeln sieht die 87-Jährige, wie der zweite Täter durch die Zimmer streift. „Sie haben da nichts zu tun“, ruft sie ihm zu, „da sind keine Wasserleitungen.“ Aber der Mann hört gar nicht zu.

„Ich hatte furchtbare Angst“, erzählt Ruth Schneider. Um Hilfe rufen? Vergeblich, um diese Uhrzeit ist niemand im Haus. Sich wehren? Aussichtslos. Fünf Minuten bringen die Männer in ihrer Wohnung zu. „Mir kam es vor wie eine Ewigkeit.“ Als sie weg sind, schaut Ruth Schneider im Schlafzimmer nach: Der große Schmuckkasten mit den kostbaren Ringen fehlt. Auch der kleine mit dem Modeschmuck. Selbst den Notgroschen – einen Hundert-Euro-Schein, der im Sekretär versteckt war – haben die Täter mitgenommen. Ruth Schneider ruft die Polizei. Drei Beamte kommen. „Geht es Ihnen gut?“, fragt eine Polizistin. „Bitte entschuldigen Sie den Ausdruck“, antwortet die 87-Jährige: „Es geht mir Scheiße.“ Einen Rettungswagen möchte sie nicht. Die Hämatome am Oberarm entdeckt sie erst später.

Rastlose Nächte

Seit der Tat schläft Ruth Schneider schlecht. „Ich wache auf, und es rumort in meinem Kopf. Pausenlos denke ich: Menschenskind, hättest du nicht dies oder das anders machen können?“ Aber sie findet keine Antwort. „Ich könnte jetzt sagen, man muss misstrauischer sein. Aber Misstrauen ist furchtbar.“ Stattdessen liest sie einen Krimi, bis sie müde wird, oder steht auf und sieht fern – amerikanische Serien wie „CSI Miami“, „Criminal Minds“ oder „Bones – die Knochenjägerin“. Mit Rosamunde Pilcher könne sie nichts anfangen.

Ob sie sich schäme? „Nein, aber ich muss schwer an dieser Sache knabbern.“ In den Hintern treten möchte sie sich am liebsten, aber das gehe ja nicht: „Da kriege ich einen Krampf.“ Ihren Verwandten habe sie alles berichtet. „Ich dachte, jetzt kommt Hohn und Spott.“ Stattdessen habe sie zur Antwort bekommen: „Das könnte mir auch passieren. Handwerker lässt man doch rein.“

Ruth Schneider ahnt, dass sie ihren Schmuck wohl nie zurückbekommt. „Da bin ich Realistin.“ Weil einer der Betrüger sie bedrängt und körperlich angegangen hat, gilt die Tat juristisch als Raub – und ist somit versichert, obwohl die 87-Jährige die Täter freiwillig in die Wohnung gelassen hat. Die Versicherung wird der Seniorin vermutlich einen Teil des Verlusts ersetzen.

Was bleibt, sei der Zorn, wie „wildfremde Menschen einem so etwas antun“ können. Wie sie diese Wut besiegen soll, weiß Ruth Schneider nicht. Sie hat keinen Plan. Nur diesen einen: „Ich muss da jetzt durch. Mich kann nichts mehr umwerfen.“

AUTOR
Tim Stinauer
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