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VHS-Schreibwerkstatt: Kritik wird großgeschrieben

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Jannechie Groz (von links), Julia Faust, Christine Ammann, Dagmar Quadder, Kirsten Knauf, Lutz Becker. Ganz vorne: Cecilia Nunes Raimundo (l.), Monika Hambuch. Foto: Waldschmidt
Autoren der Schreibwerkstatt für Fortgeschrittene haben zum Abschluss des Sommersemesters im Foyer der Volkshochschule im Lindenthaler Bezirksrathaus ihre Werke und den Sammelband „Nur die Spitzen“ vorgestellt.  Von
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Ungewöhnlich ist schon die Titelgeschichte. Sie heißt „Nur die Spitzen“. Julia Faust hat sie geschrieben – und nun auch bei der öffentlichen Lesung der VHS-Schreibwerkstatt vorgetragen. Eine Ich-Erzählerin schildert exemplarisch am Umgang mit ihren Haaren den fast schon klassisch zu nennenden Verlauf einer Liebesbeziehung. Anfangs völlig vernarrt in ihre Haarpracht, wird diese für den Liebhaber zur Alltagserscheinung, bis ihn die Begleitumstände zu nerven beginnen. Das Haarspray stinkt, der Siphon in der Dusche ist verstopft. „Hau ab“, sagt der Mann endlich, packt die Frau am Schopf, wirft sie aus der Wohnung. Was bleibt da anderes übrig, um ebenfalls mit der Beziehung abschließen zu können: zum Friseur und schneiden lassen, „so kurz wie möglich, alles ab“.

Während die Autorin diese Geschichte vorlas, langsam, akzentuiert, als müsse sie sich jeden ihrer selbstverfassten Sätze wieder neu einzeln auf die Waage legen, saß sie hinter einem Tisch im Foyer der Volkshochschule im Lindenthaler Bezirksrathaus. Ihr tizianrotes Haar leuchtete im Licht der Abendsonne. Tischpartnerin war Cecilia Nunes Raimundo. Die hatte zuvor in einem Text Julia Faust vorgestellt und hörte ihr jetzt gespannt zu, bevor sie selbst mit Lesen an die Reihe kam. Das kollegiale Miteinander wird großgeschrieben in der Schreibwerkstatt für Fortgeschrittene, die der Schriftsteller Peter Henning seit einem Jahr leitet. Bei der Lesung zum Abschluss des Sommersemesters wurde auch der frisch erschienene Sammelband „Nur die Spitzen“ präsentiert. Er vereint 26 Prosatexte der acht Autoren. Sie hatten diesmal die Gattungsform der Kurzgeschichte erprobt. Das Publikumsinteresse war groß, sämtliche Stühle waren besetzt. Auffällig war die konzentrierte Stille, mit der die Zuhörer lauschten.

Die Handlung nahezu aller Geschichten spielt in der Gegenwart. Es sind mit feinem Pinsel gezeichnete Skizzen des modernen Alltagslebens – ganz in der Tradition der amerikanischen Short Story. „Die Gruppe ist sehr homogen, das ist vielleicht mit ein Grund, warum wir uns gut verstehen, wir haben eine sehr konstruktive Arbeitsatmosphäre“, sagte Christine Ammann in der Pause. Die Mauenheimerin ist hauptberuflich Italienisch-Übersetzerin. In ihrem Text „Urlaubsbekanntschaft“ versetzt sie sich in einen 16-Jährigen, der im Griechenlandurlaub einen gleichaltrigen Armutsflüchtling aus Afrika kennenlernt.

Einige Teilnehmer schreiben schon seit früher Jugend, etwa Kirsten Knauf, die mit zehn Jahren anfing. Dagmar Quadder ist sogar vom Fach, als Texterin arbeitet sie in einer Online-Agentur, kommt ursprünglich vom Journalismus. „Anfangs habe ich das literarische Schreiben nur als Ausgleich gesehen, aber jetzt finde ich es total inspirierend, es hat eine Wechselwirkung auf meinen Beruf.“ Die Gruppe trifft sich alle 14 Tage, um die zu Hause erarbeiteten Texte zu besprechen. „In der Werkstatt erfahre ich eine ernstzunehmende Kritik“, sagte Lutz Becker, der einzige Mann unter sieben Autorinnen. „Meine Frau und meine Freunde finden meine Texte immer nur ganz toll, das hilft mir nicht weiter, hier aber werde ich in die rechte Bahn gestutzt, auch wenn es schon mal wehtut, wenn ich eine halbe Seite wegschmeißen muss.“ Monika Hambuch sagte: „Klar, man sollte nicht zu empfindlich sein, eine Weichspülerkritik findet nicht statt.“

Peter Henning war als Profi voll des Lobes: „Es ist eine großartige Zusammenarbeit, die mir wahnsinnig viel Spaß macht, es sind tolle Leute, die mich auch deshalb beeindrucken, weil sie sehr respektvoll miteinander umgehen!“ Vor sieben Jahren kam er mit seiner in der Buchbranche tätigen Frau an den Rhein, davor hatte er in Zürich das Literaturressort der Weltwoche geleitet. Seit 1984 veröffentlicht der 54-Jährige Romane und Erzählungen. Ende Juli erscheint im Aufbau Verlag sein neustes Werk „Ein deutscher Sommer“. Im Wintersemester wird sich die Fortgeschrittenen-Werkstatt mit der Novelle befassen.

„Nur die Spitzen“, BoD – Book on Demand, ist zum Preis von 8,90 Euro erhältlich (ISBN 978-3-7322-4434-8). Exemplare hält auch die Buchhandlung Kaiser, Dürener Straße 202,bereit. Amelie Wangrin von der Volkshochschule berät zum Angebot der Schreibwerkstätten unter der Rufnummer 221-265 22.
www.stadt-koeln.de/vhs

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