Gläser klirren, Flaschen werden zischend geöffnet, Züge rumpeln über den Köpfen der Gäste hinweg. Die Geräuschkulisse ist ungewöhnlich für eine Lesung. In der Bar „Zum scheuen Reh“ im Westbahnhof war am Donnerstagabend Navid Kermani zu Gast, um aus seinem Reportagebuch „Ausnahmezustand – Reisen in eine beunruhigte Welt“ zu lesen. Die Lesung wurde zeitversetzt auf WDR 3 in der Sendung „WortLaut live“ ausgestrahlt.
Navid Kermani,
geb. 1967, ist habilitierter Orientalist und Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung. Zuletzt erschien 2011 sein Roman „Der Name“.
Der Kleist-Preis wird Kermani am 18. November in Berlin während einer Matinee im Berliner Ensemble übergeben. (ksta)
Im Gespräch mit Radiomoderator Manuel Gogos schildert der in Köln lebende Autor, warum er immer wieder den Weg in Krisenregionen riskiert: „Für mich ist es ein Stück Verantwortung, Bericht zu erstatten“ - etwa bei den Unruhen nach der Präsidentschaftswahl im Iran 2009. Ausländische Berichterstatter seien nicht zugelassen gewesen, als iranischer Staatsbürger sei Kermani hingegen nicht aufgefallen. „Ich habe alles aufgesaugt wie ein Schwamm.“
Kermani möchte nicht belehren
Am eindrucksvollsten und bewegendsten ist an diesem Abend zweifelsohne eine Szene aus Syrien: Gemeinsam mit einem Fotografen besuchte Kermani ein von Brandbomben zerstörtes Krankenhaus. Belegschaft und Patienten konnten fliehen, als die Armee anrückte. Drei Patienten waren zu krank und mussten zurückbleiben, ebenso ein Pfleger, der sich weigerte, sie im Stich zu lassen. Auf der Intensivstation stehen noch die Betten der drei Kranken. An den Rückenlehnen, genau auf Kopfhöhe, sind Einschusslöcher zahlreicher Kugeln, auf dem Boden getrocknetes Blut zu sehen. Die Spuren einer regelrechten Hinrichtung.
Es sei ein Unterschied, ob man derlei nur lese oder es selbst sehe, so Kermani. Sein Ehrgeiz, ja seine Aufgabe sei es, „so genau zu berichten, wie ich kann“, damit der Leser einen Eindruck von der Situation bekomme. „Ein Urteil liefere ich nicht mit, das soll sich der Leser selbst machen“, sagt Kermani.
Ob er keine Angst habe bei seinen Reisen in die Krisenregionen, will Moderator Gogos wissen. „Ich habe nicht den Ehrgeiz eines Kriegsberichterstatters, der möglichst nah ans Geschehen ran will“, erklärt Kermani. Stattdessen wolle er den „Alltag im Ausnahmezustand“ erleben – so wie er sich für die Bevölkerung darstellt. Den Lesern möchte er einen Eindruck seiner Reise vermitteln, „aber nicht belehren“. Es sind beeindruckende Einblicke in einen kriegs- und krisenerschütterten Alltag.




