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Ultramarathon: Extrem unter Freunden

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Was wie Wandern aussieht, ist von der Taktik geprägt: Die Strecke für die gut ausgerüsteten Ultraläufern ist lang.  
Frischluft-Abenteuer für Gruppensportler bei dem Freundschaften geschlossen werden können: Die schnellsten Läufer bewältigen den Ultramarathon zwischen Koblenz und Bonn in einer Zeit von etwas über 17 Stunden.  Von
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Bonn

Als der vollgeladene Bus um 11.40 Uhr im Startbereich ankommt, ist die Stimmung der Läufer überraschend gelöst. Von Nervosität ist bei keinem der Teilnehmer am „Ko Bo LT 2012“, dem Koblenz-Bonn-Lauf-Trail, etwas zu spüren. Einige der Teilnehmer am Ultramarathon entspannen sich kurz vorm Start mit ihrer Lieblingsmusik, andere reden wild durcheinander und erzählen sich Anekdoten aus den vergangenen Jahren. „Solange nachts kein Wildschwein vor mir steht, ist alles gut. Solch ein Erlebnis brauche ich nicht noch mal“, erzählt ein Läufer mit einem Grinsen auf den Lippen. Aber jedem ist klar: In einigen Minuten geht es los, und dann liegen 140,5 Kilometer samt 4446 Höhenmetern vor ihnen, die es nonstop zu bewältigen gilt. Komme, was wolle.

Der „Ko Bo LT“ ist in einer Nacht-und-Nebel-Aktion entstanden. Michael Eßer (46), von Beruf Programmierer, Andreas Spieckermann (43), Feuerwehrmann und Rettungsassistent, und Stefan Scherzer (50), Diplomsportlehrer und Sendeleiter bei einem Medienunternehmen, alles begeisterte Läufer, benötigten 2010 noch dringend Qualifikationspunkte für den Königslauf der Szene, den Ultra-Trail-du-Mont-Blanc in Frankreich. Da aber im Kalenderjahr kein Qualifikationslauf mehr anstand, beschlossen die Freunde, ein eigenes Event auf die Beine zu stellen. So entstand nach einigen Wochen samt der Prüfung von gewissen Verbänden der „Ko Bo LT“, 140,5 beziehungsweise 106 km entlang des Rheinsteigs. Die Teilnehmer 2012 wissen, dass es kein Zuckerschlecken wird, die gesamte Strecke zu Fuß zurückzulegen. Sie müssen Wind und Wetter trotzen, sich bis an die physischen Belastungsgrenzen wagen, indem sie ohne Schlaf bis zu 29 Stunden am Stück ohne Pause durchlaufen und sich unzähligen Hindernissen stellen – mit nur mit einem Ziel: „Einfach nur ankommen.“ Platzierung und gelaufene Zeit spielen meist nur eine untergeordnete Rolle.

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Doch der rein pragmatischen Idee der Freunde entsprang noch ein weiterer Aspekt. Sie wollten einen Lauf schaffen, „bei dem Freundschaften geschlossen werden und Freunde mit Freunden ein einzigartiges Erlebnis teilen können“, wie Eßer betont: „Das ist ein Lauf von Läufern für Läufer, unter Freunden.“ Denn die Zusammenarbeit der Teilnehmer ist ein zentraler Punkt. Solch eine Distanz alleine durchzustehen ist enorm schwierig. Deshalb schließen sich einzelne Läufer zu Gruppen zusammen, auch, um sich in der Dunkelheit wohler zu fühlen. „Nachts fällt man in eine Art Trance-Zustand, da man nur den Lichtkegel seiner Kopflampe vor sich sieht. Da können einem schon einmal die Augen zufallen“, berichtet Markus Liesch, der selbst mitläuft. Auch bei möglichen Verletzungen greift das Kollektiv. Denn niemand möchte verletzt im Wald zurückbleiben, schon gar nicht in der Nacht. „Mittlerweile kennen sich die meisten Läufer untereinander, und wenn nicht, lernt man sich beim Laufen kennen“, sagt Eßer. Die drei Individualsportler haben somit eine Plattform geschaffen, auf der jedes Jahr Laufbegeisterte gemeinsam bis an ihre Leistungsgrenzen und darüber hinaus gehen können.

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Zum Ultramarathon, 2012 zum dritten Mal durchgeführt, kommen immer mehr Männer und Frauen aller Altersklassen aus allen Himmelsrichtungen, diesmal sind es 70 Personen – Teilnehmerrekord. Und die Warteliste ist lang. Denn der Lauf findet, um seine Eigenständigkeit zu wahren, als Einladungsevent statt. Und um weiterhin als solcher gelten zu dürfen, ist die Kapazität begrenzt. „Ein Einladungslauf hat eigene Regeln und braucht keine Genehmigung“, erläutert Andreas Spieckermann als Renndirektor. Somit können sich Strecken solcher Events auch in geschützter Natur befinden. Natürlich muss darauf geachtet werden, dass man den Ort unbeschadet wieder verlässt, dass zum Beispiel rund um die Verpflegungsstationen kein Müll zurückbleibt. Diese Naturgebundenheit ist für die meisten Läufer, die nach eigenen Angaben „etwas anders ticken“, der Grund für die Teilnahme. Viele wollen sich auch einfach nur den kommerzialisierten Stadtmarathons entziehen. „Mich stört die Urbanisierung des Laufens, und es ist einfach ein gutes Gefühl, durch den Wald zu laufen und über Stock und Stein zu springen. Das ist wie ein Rausch“, sagt Phillip Willkomm aus Köln.

Längen oft von örtlichen Gegebenheiten abhängig

Ein Ultramarathon ist naturgemäß länger als ein Marathon (42,195 km). Seit 1987 werden vom Deutschen Leichtathletikverband Meister über 100 km gekürt. Meisterschaften über abweichende Strecken werden von der 1985 gegründeten Deutschen Ultramarathon-Vereinigung (DUV) organisiert.
In Deutschland gibt es über 50 Läufe, die über die Marathondistanz hinausgehen. Viele Ultramarathons sind Landschaftsläufe, deren Längen sich nach topographischen Gegebenheiten richten.
Einer der anspruchsvollsten ist der Ultra-Trail du Mont-Blanc (UTMB) auf den Trails bei Chamonix (160 km, 9000 hm, Zeitlimit: 46 h). Ableger sind der „CCC“ (98 km) und der TDS (106 km). Die Bestzeit hält der Spanier Kílian Jornet Burgada (20:56:59 h). (js)

Einige benötigen 29 Stunden

Dieses Jahr brauchten die beiden schnellsten Läufer für die 140,5 Kilometer gerade einmal siebzehneinhalb Stunden – Streckenrekord. Nach knapp 29 Stunden ist auch die letzte Läuferin im Ziel. Trotz der großen Zeitunterschiede lassen es sich die bereits eingetroffenen Läufer nicht nehmen, die Ankömmlinge mit lautem Beifall und einem kühlen Bier zu empfangen. Allerdings sieht man den meisten Teilnehmern an, dass sie nach dem Lauf durch die Nacht nicht mehr viel unternehmen werden. „Egal, wie laut oder unbequem es ist, nach solch einem Lauf schläft es sich einfach wunderbar“, sagt ein Läufer. Möglicherweise träumt er dabei schon vom „Ko Bo LT 2013“.

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