Machtwechsel im Vatikan
Papst Franziskus ist der Nachfolger von Benedikt XVI.

Vorlesen
4 Kommentare

Porträt: Jesuit mit zweifelhafter Vergangenheit

Erstellt
Als Papst nennt er sich Franziskus: der Argentinier Jorge Mario Bergoglio. Foto: AP/dpa
Der Argentinier Jorge Mario Bergoglio ist der neuen Papst. Der 76 Jahre alte Erzbischof von Buenos Aires wird als Franziskus Oberhaupt von 1,2 Milliarden Katholiken. Er ist der erste Papst aus Lateinamerika. Ein Porträt.  Von
Drucken per Mail

Den Argentinier Jorge Bergoglio hatte am Ende kein Experte mehr auf der Rechnung. Zu alt sei er mit seinen 76 Jahren, hieß es. Er gelte höchstens noch als „Königsmacher“. Aber offenbar hatte der Erzbischof von Buenos Aires in dem Konklave noch hervorragende alte Kontakte. 2005 war er der Kandidat mit den zweitmeisten Stimmen nach Joseph Kardinal Ratzinger. Insidern zufolge rang der Jesuit damals Stimme um Stimme mit dem späteren Papst um den Sieg. Und erst sein Verzicht aufs Amt im letzten Wahlgang habe die Wahl von Ratzinger möglich gemacht.

Bergoglio galt allerdings spätestens nach einem Artikel von vor zwei Jahren nicht mehr als „papstfähig“, der ihn in die Nähe der argentinischen Diktatur von 1976 bis 1983 rückte. Die linke argentinische Tageszeitung „Página 12“ veröffentlichte im April 2010 fünf Zeugenaussagen, die Bergoglio als aktiven Helfer der Militärs bei der Unterdrückung Andersdenkender bezeichneten.

Mit Bergoglio, der Papst Franziskus sein wird, hat Lateinamerika dennoch nun seinen ersehnten Pontifex bekommen. Die Gläubigen zwischen Argentinien und Mexiko forderten schon langen ein Oberhaupt der Katholischen Kirche aus ihrer Region. Immerhin leben 42 Prozent der 1,2 Milliarden Anhänger der römisch-katholischen Kirche in Lateinamerika und der Karibik. Zum Vergleich: In Europa sind es gerade einmal 25 Prozent.

Mehr dazu

Bergoglio gilt als wortkarger Mensch, dem jeder Luxus und jede Öffentlichkeit unangenehm sind. Zur Tagespolitik äußert er sich sehr selten. Er lebte selbst als Erzbischof bescheiden und zurückgezogen. Der neue Papst und wurde am 17. Dezember 1936 als eines von fünf Kindern italienischer Einwanderer in Buenos Aires geboren. Seit seiner Kindheit leidet er unter Lungenproblemen, nach einer Operation verlor er einen Lungenflügel. Ursprünglich studierte er Chemie, entschied sich aber später für den Priesterberuf und wurde Jesuit. Er studierte Philosophie und Theologie. Nach seiner Priesterweihe im Dezember 1969 brachte er es schnell zum Jesuiten-Provinzial Argentiniens.

Habemus Papam: Franziskus

Von 1980 bis 1986 war Bergoglio Rektor der Theologischen Hochschule von San Miguel. Um seine Dissertation zu beenden, kam er 1985 zu einem längeren Aufenthalt nach Deutschland - und spricht seither neben Spanisch und Italienisch auch Deutsch. Seit 1992 Weihbischof in Buenos Aires, ernannte ihn Papst Johannes Paul II. im Sommer 1997 zum Erzbischof-Koadjutor und im Februar 1998 zum Erzbischof der Hauptstadt-Diözese. Seit 2001 gehört Bergoglio dem Kardinalskollegium an; von November 2005 bis 2011 war er Vorsitzender der Argentinischen Bischofskonferenz.

Konservative Auffassungen über Sexualmoral

Bergoglio verbindet ausgesprochen konservative Auffassungen über Sexualmoral, Schwangerschaftsabbruch, Kondome und Homosexualität mit einem frugalen Lebensstil. Er verzichtete als Erzbischof auf die Limousine und zog dem erzbischöflichen Palais eine Wohnung vor. Für den Weg zur Arbeit nutzt er öffentliche Verkehrsmittel. Obwohl er sich als Fürsprecher der Armen in Lateinamerika profilierte, kritisierte er seit jeher die Befreiungstheologie, der sich vor allem während der Militärdiktatur viele Kirchenvertreter anschlossen. Dennoch erhebt er immer wieder die Stimme gegen soziale Ungerechtigkeit. „Wir leben in einem Teil der Welt, der am meisten gewachsen ist und dennoch die Armut am wenigsten verringert hat“, sagte er mal bei einem Treffen lateinamerikanischer Bischöfe. „Die ungleiche Verteilung der Güter ist eine soziale Sünde, die zum Himmel schreit.“

"Brüder und Schwestern, guten Abend"

Enorme Aufgaben

Auf Papst Franziskus I. warten enorme Aufgaben. Allen voran in seiner Heimatregion. In Lateinamerika laufen der Katholischen Kirche die Gläubigen in Scharen zu evangelikalen Freikirchen davon. Mexiko hat inzwischen nur noch 82 Prozent Katholiken, Brasilien 65 Prozent, und in Zentralamerika sind es gar nur noch 50 Prozent. Besonders beunruhigend ist für den Vatikan die Entwicklung in Brasilien, dem größten katholischen Land der Erde. Inzwischen ist es das Land mit den drittmeisten Protestanten nach den USA und Großbritannien.

 „In Lateinamerika hat der Vatikan in den vergangenen Jahren um Homo-Ehe, Schwangerschaftsabbruch und Verhütung gekämpft, aber die Themen aus den Augen verloren, die den Gläubigen wichtig sind“, kritisiert Bernardo Barranco, mexikanischer Kirchenexperte: Armut, Menschenrechte, Ungleichheit, Migration seien Sache einiger weniger engagierter Kirchenmänner in der Region. Aber kein Thema für den Klerus. Der neue Papst müsse an dem Punkt „soziale Sensibilität“ entwickeln, fordert Barranco.

Auch interessant
Päpste
Quiz
Viele Katholiken zweifeln an Papst Benedikt XVI.

Papst Benedikt XVI. geht – jetzt wird ein Nachfolger gesucht. Im Vatikan kommt es jetzt zum Machtwechsel. Wie gut kennen Sie sich mit den Päpsten aus?

Anzeige
Flashgrafik
rtr

Wen würden Sie wählen, wenn am kommenden Sonntag Bundestagswahl wäre? Aktuelle Umfragen der Institute.

Videos
Sonderveröffentlichung
Familienrecht
Die Kalkulation sollte ein Fachmann übernehmen.

Wann besteht Anspruch auf Unterhaltszahlungen? Fachanwältin Astrid Koppe informiert!

FACEBOOK
Kleinanzeigen
ipad
Tablet-Ausgabe

Jetzt noch lokaler und umfangreicher: Der „Kölner Stadt-Anzeiger“ für das Tablet lädt zur Erlebnisreise durch die Themen des Tages ein. Jetzt 20 Tage lang gratis testen!

Service
Peinliche SMS

Aktuelle News: Wer nichts verpassen will, wählt den SMS-Service. Das Angebot können Sie jederzeit und nach Bedarf empfangen.