Machtwechsel im Vatikan
Papst Franziskus ist der Nachfolger von Benedikt XVI.

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Sayer über den Papst: „Kein anschmiegsamer Parteigänger“

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Für Josef Sayer ist der neue Papst ein Wunschkandidat. Foto: Archiv
Der Ex-Misereor Chef, Jospeh Sayer, würdigt im Gespräch mit dem „Kölner Stadt-Anzeiger“ Papst Franziskus als Teamspieler mit sozialer Kompetenz und grenzt Bergoglio von der „rechten Szene, Opus Dei und Co.“ in der Kirche Lateinamerikas ab.
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Herr Sayer, was halten Sie von der Wahl Jorge Bergoglios zum neuen Papst?
Josef Sayer: Als ich sah, weißer Rauch nach dem fünften Wahlgang, dachte ich: Oh, das ist viel zu früh für ihn.


Das heißt, Sie hatten Bergoglio als möglichen Papst im Sinn?
Sayer: Er gehörte zum Kreis meiner Wunschkandidaten. Ich habe ihn auf der Versammlung der Lateinamerikanischen Bischofskonferenz 2007 in Aparecida vier Wochen lang erlebt. Gleich zu Beginn wurde Bergoglio an die Spitze der Redaktionskommission gewählt, die verantwortlich ist für das Abschlussdokument und damit für ein Zehnjahres-Programm der Kirche in Lateinamerika. Das war ein klarer Vertrauensbeweis seiner Mitbrüder. Die Arbeit hatte er in einem gewählten Gremium zu leisten, in dem so weltoffene und kluge Leute saßen wie Oscar Rodriguez Maradiaga aus Honduras oder Carlos Aguillar aus Mexiko, dem derzeitigen Präsidenten des lateinamerikanischen Bischofsrates (CELAM).

Der neue Papst ist ein Teamspieler?
Sayer: Ja, und er kann auf andere hören, deren Meinungen und Positionen aufnehmen und zum Wohl des Ganzen zusammenführen. Die Konferenz in Aparecida hatte unter dem Mitwirken Bergoglios ganz bewusst den Dreischritt „Sehen – Urteilen – Handeln“ als Methode gewählt, obwohl einem Teil der Bischöfe das gar nicht passte.

Was soll man denn gegen dieses Vorgehen haben?
Sayer: Ha, was glauben Sie! Die ganze rechte Szene war dagegen und beharrte darauf, zunächst die kirchliche Lehre darzustellen und daraus Ableitungen für das Leben zu treffen. „Sehen – Urteilen – Handeln“ geht umgekehrt vor: Erst die Situation und das Leben analysieren, also etwa die Lage der Menschen in Lateinamerika. Dann die Situation von der Botschaft des Evangeliums her bedenken. Und schließlich Empfehlungen für die kirchliche Praxis geben.

Welchen Beitrag hat Bergoglio dazu geleistet?
Sayer: Ich habe aus seinem Mund die schärfste Verurteilung des neoliberalen Wirtschaftsmodells vernommen, die ich bis dahin gehört habe: Diese globale Wirtschaftsordnung braucht die Armen nicht. Sie sind nicht nur Marginalisierte und Ausgeschlossene, sondern lediglich „Abfall“. Diese Aussage mit ihrem klaren Blick für die Realität, für Ungleichheit und Ungerechtigkeit prägt auch das Schlussdokument von Aparecida.

Zur Person

Josef Sayer wurde am 19. Dezember 1941 in Apatin, im heutigen Serbien geboren. Von 1997 bis 2012 war er Vorstandsvorsitzender von Misereor, dem größten Hilfswerk der römisch-katholischen Kirche in Deutschland. Sayer ist Mitglied des Päpstlichen Rates Cor Unum.

Wie passt diese Wachheit in sozialen Fragen zu der doktrinären Härte, die aus anderen Worten Bergoglios spricht, etwa zu homosexuellen Partnerschaften?
Sayer: Langsam! Sie nehmen da eine typisch westliche Sicht ein. Aus afrikanischer, asiatischer oder lateinamerikanischer Perspektive stehen die sozialen Bedrängnisse der Menschen weit, weit im Vordergrund. Denken Sie daran, dass 870 Millionen Menschen auf der Erde Hunger leiden und viele von ihnen sogar verhungern. Sie haben keine so vernehmbare Lobby wie manche Kritiker, die die katholische Kirche immer so gern als rückständig hinstellen. Dass Bergoglio den Papstnamen Franziskus gewählt hat, ist doch Programm! Er stützt sich nicht auf Vorbilder aus der Papstgeschichte, sondern auf den heiligen Franz von Assisi.

Was entnehmen Sie daraus?
Sayer: Wenn es jetzt heißt, mit Franziskus verbinde sich vor allem die Tugend der Demut, entgegne ich: In erster Linie war Franz von Assisi derjenige, der das Evangelium in seiner Zeit wieder ins Zentrum rückte, von dort her Arme neu entdeckte und ins Leben integrierte. Und noch etwas war für den heiligen Franziskus entscheidend: die ganz neue Wertschätzung für die Schöpfung, woraus wir einen nachhaltigen Umgang mit der Natur ableiten. Dass das gerade heute eine Schicksalsfrage der Menschheit ist, brauche ich angesichts von Klimawandel und Ressourcenverschwendung zulasten der armen Länder im Süden kaum zu betonen. Diese Probleme kann der neue Papst mit Nachdruck wieder auf die Tagesordnung der internationalen Politik und Wirtschaft bringen.

Wird er auch den Leitungsstil der katholischen Kirche verändern?
Sayer: Er hat ja schon damit begonnen. Alles, was er bisher gesagt und getan hat, entsprach nicht dem kurialen Stil, war nicht triumphalistisch, nicht hochfahrend. Ein Mann, der in Buenos Aires mit dem Bus herumgefahren ist, aus dem Bischofspalast in eine ganz normale Wohnung gezogen ist, sich selbst bekocht hat – ein solcher Mann wird doch versuchen, einen neuen Stil in der Kurie einzuführen.

Befürchten Sie nicht, dass er dabei in der Mühle der römischen Kurie zerrieben wird?
Sayer: Ich vertraue auf seine Menschenkenntnis und die soziale Kompetenz, fähige Leute um sich zu scharen, beginnend mit einem neuen Kardinalstaatssekretär. Papst Franziskus weiß ja ganz genau, dass Reformen der Kurie anstehen und von denen unterstützt werden, die ihn gewählt haben. Ich halte es sogar für einen Vorteil, dass er kein Mann der Kurie ist, sondern von außen kommt, ist von niemandem abhängig und niemandem verpflichtet.

Lateinamerikanische Bischöfe geraten gern in den Verdacht einer unpassenden Nähe zu den Regierungen ihrer Länder. Was wissen Sie über die politische Haltung des neuen Papstes?
Sayer: Ich weiß, dass er sich mit der jetzigen Regierung Argentiniens angelegt hat. Viele Bischöfe Lateinamerikas sind alles andere als regierungsnah, sondern prangern auf der Basis der katholischen Soziallehre und der Befreiungstheologie Ungerechtigkeit und Ausbeutung an. Natürlich gibt es auch die anschmiegsamen Parteigänger auf Opus-Dei-Linie. Dazu gehört Bergoglio überhaupt nicht. Der Opus-Dei-Kardinal Juan Luis Cipriani aus Lima hatte die Versammlung in Aparecida 2007 ja sogar vorzeitig verlassen, weil er mit verschiedenen Akzenten nicht einverstanden war, zum Beispiel mit der „Option für die Armen“ und den positiven Aussagen der Konferenz über die Basisgemeinden. Und ich kann mir vorstellen, dass Opus Dei und Co. auch heute keineswegs erfreut sind über die Wahl von Papst Franziskus.

Das Gespräch führte Joachim Frank

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