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Artistenleben: "Manege frei" über Weihnachten

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Renée Brunssen ist Direktor des Circus Brunselli, der in Kommern neben dem Sportplatz Quartier bezogen hat. Vom 22. bis 30. Dezember gibt es in dem Familienbetrieb täglich eine Vorstellung.  Foto: Joachim Sprothen
Der "Circus Brunselli" hat in Kommern sein Winterquartier aufgeschlagen. Strom und Wasser bekommen die Artisten vom VfL Kommern - zumindest, wenn es nicht friert. Eine Lehrerin unterrichtet Kinder im rollenden Klassenzimmer.  Von
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Mechernich-Kommern

Sydney wird im Januar neun Jahre alt. Den Unterrichtsstoff, den andere Schulkinder an fünf Tagen pro Woche eingetrichtert bekommen, muss sie in nur zwei Tagen begreifen. Und so ganz nebenher ist Sydney auch noch Akrobatin und zeigt Pferdedressuren. Andere Kinder würden angesichts einer Doppelbelastung mit Schule und „Beruf“ womöglich jammern. Nicht so Sydney: „Das macht Spaß.“

Das Mädchen ist eines von sieben Kindern im Alter von vier bis 18 Jahren, die Manuela Kaselowsky und Renée Brunssen in die Welt gesetzt haben. Der 41-Jährige ist Zirkusdirektor. Er leitet den Circus Brunselli. An die Duden-Regel mit „Z“ und „k“ hält sich kaum ein Zirkus im deutschsprachigen Raum. Aber eine Maxime wird in einem reinen Familienbetrieb wie dem des Paars, das seit 20 Jahren ohne Trauschein zusammenlebt, strikt befolgt: Alle müssen an einem Strang ziehen, sonst geht es nicht. Brunssen: „An Artisten, die nicht zur Familie gehören, müssten wir Gagen zahlen. Das ist aber wirtschaftlich nicht machbar.“

Jeder muss alles können

Im Zirkus Brunselli, der Mitte November neben dem Kommerner Sportplatz auf einer Parzelle des Becherhofs Quartier bezogen hat, muss jeder alles können: Das Zelt mit seinen 22 Metern Durchmesser aufbauen, Tiere versorgen und dressieren, Plätze anweisen, akrobatische Kunststücke vorführen, den Clown abgeben und – das gilt zumindest für die älteren Kinder – Lastwagen fahren. Und das für ein Taschengeld. Dennoch wollen alle Kinder beim Zirkus bleiben. Selbst der 18-jährige Antony, der kürzlich den Realschulabschluss schaffte und somit auch andere berufliche Perspektiven hätte. Ohne die „Schule für Circuskinder“ wäre das kaum möglich gewesen.

Kirsten Leist
Lehrerin Kirsten Leist kommt zweimal pro Woche von Mülheim an der Ruhr in die Eifel, um in der „Schule für Circuskinder“ unter anderem Sydney und Sergio zu unterrichten.
Foto: Joachim Sprothen

Manuela Kaselowsky hat keinen Schulabschluss. Sie kennt noch die denkbar ungünstigen schulischen Voraussetzungen, mit denen Zirkuskinder früher zurechtkommen mussten: An jedem neuen Auftrittsort andere Lehrer und Mitschüler sowie unterschiedliche Lehrstoffe. Das will Manuela Kaselowsky ihren Kindern ersparen. Der Zirkus Brunselli ist einer von rund 30, die am 1994 gegründeten Projekt „Schule für Circuskinder NRW“ teilnehmen. Träger ist die Evangelische Kirche, Finanzier das Land Nordrhein-Westfalen. Die Abschlussprüfungen werden von den Schülern zentral in Hilden abgelegt.

Das rollende Klassenzimmer gehört zum Fuhrpark, der aus einer Lastwagenzugmaschine, einem Traktor, einem Reklamewagen, sechs Wohnwagen und fünf Anhängern für das Equipment besteht. Zweimal pro Woche kommt Lehrerin Kirsten Leist, die in Mülheim an der Ruhr wohnt, zum Zirkus Brunselli, um die Kinder zu unterrichten. Dass sie es dabei mit Schülern völlig unterschiedlicher Altersstufen zu tun hat, ist für die studierte Pädagogin kein Problem: „Das ging früher in kleinen Dorfschulen ja auch.“ Die 45-Jährige hat auch Erfahrungen mit „normalen“ Schulen gemacht. Aber Zirkuskinder, die schon von klein auf vor fremden Menschen aufträten, seien „besonders selbstbewusst und pfiffig“.

Jeffrey und Kamele
Auch Jeffrey packt bei allen Arbeiten mit an, die in dem Unternehmen zu erledigen sind, Dazu gehört auch die Versorgung der beiden Kamele. Wie seine sechs Geschwister möchte der 14-Jährige beim Zirkus bleiben.
Foto: Joachim Sprothen

Seit Mitte des 19. Jahrhunderts sind die Kaselowskys eine Zirkusfamilie. Rund zehn Unternehmen werden derzeit von Verwandten Manuelas geführt. Mit circensischen Darbietungen auf Weltniveau können sie naturgemäß nicht dienen. Dafür bewegen sich aber auch im Zirkus Brunselli die Preise für die Eintrittskarten auf Kinoniveau. Das Zelt bietet bis zu 400 Zuschauern Platz. Brunssen: „Das haben wir aber noch nie voll bekommen.“

Mitunter kommen zur Vorstellung nicht einmal die 20 Leute, die nötig sind, um die laufenden Kosten zu decken. Die beiden Gebläse, mit denen das Zelt beheizt wird, verbrauchen während der zweistündigen Vorstellung 40 Liter Diesel. Die sieben Ponys, das Alpaka, das Zwergzebu, der Esel und die beiden Kamele verputzen jede Woche Futter für rund 150 Euro. Wenn da nur acht Mann vor dem Kassenhäuschen stehen, würde Brunssen schon draufzahlen, wenn er die Heizgebläse anwirft: „Aber irgendwie sind wir finanziell noch immer über die Runden gekommen.“ Hilfe vom Sozialamt habe er noch nie in Anspruch genommen, und Betteln mit Tieren vor Supermärkten oder in Fußgängerzonen ist aus Sicht Brunssens für seriöse Zirkusleute absolut tabu.

Die Winterpause wird gemeinhin dazu genutzt, neue Programme einzustudieren und die Fahrzeuge instand zu setzen. Die Zeit ohne Vorstellungen wird finanziell mit Besuchen in Kindergärten oder Schulen überbrückt. „Da nehmen wir die Tiere natürlich nicht mit“, so Manuela Kaselowsky.

In Kommern seien sie aber von Spaziergängern und Anwohnern darum gebeten worden, komplette Vorstellungen zu geben. Das tut der Zirkus Brunselli dann auch, und zwar von Samstag, 22. Dezember, bis Sonntag, 30. Dezember. Täglich heißt es dann um 15.30 Uhr: „Manege frei.“ Nur am Heiligabend beginnt die Vorstellung schon um 14 Uhr. Anschließend ist auch in der neunköpfigen Zirkusfamilie Bescherung.Es gibt Ente mit Rotkohl und Kartoffelklößen.

Auf den Wunschzetteln der Zirkuskinder stehen iPad und Computerspiele wie bei anderen auch. „Das kriegen wir hin“, meint Brunssen. Das Pferd friesischer Provenienz, das Sydney gerne vom Christkind hätte, ist aber schon aus finanziellen Gründen eine Nummer zu groß.

Strom und Wasser vom Sportverein

Manuela Kaselowsky und Renée Brunssen sind schon zufrieden, wenn die Vorstellungen gut besucht werden und die Temperaturen nicht allzu tief unter Null sinken. Strom und Wasser bekommen sie vom VfL Kommern, der die Versorgungsleitung aber kappen muss, wenn die Leitungen einfrieren. Das Verbandswasserwerk Euskirchen hat sich laut Brunssen geweigert, „Wasser an einen Zirkus zu liefern“.

Ansonsten schlage ihnen aber eine vorurteilsfreie Welle der Hilfsbereitschaft entgegen. Auch von militanten Tierschützern, die Plakate abreißen, blieb der Zirkus bislang verschont. Brunssen: „Dabei werden wir an jedem neuen Standort vom Kreisveterinäramt überprüft. So intensiv wird kein anderer Tierhalter kontrolliert.“ Aber in der Eifel sei es schön, und „wir haben hier unsere Ruhe“, meint die Partnerin Brunssens, der aus Bremen stammt.

Angesichts der Probleme an anderen Standorten hätten sie natürlich auch schon darüber nachgedacht, „in eine Wohnung zu ziehen“ und ganz „normalen“ Berufen nachzugehen. Brunssen: „Mein Bruder hat eine große Firma in Bremen, bei ihm könnte ich jederzeit anfangen.“ Aber, so Manuela Kaselowsky: „Nur in einem Wohnwagen hört man, wenn der Regen aufs Dach prasselt und die Kinder fragen spätestens nach einigen Wochen, wann es denn endlich woanders hingeht.“

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