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„Absolute Mehrheit“: Raab erfüllt die Frauenquote

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Stefan Raab fast allein unter Frauen. Die FDP-Politikerin Linda Teutenberg (rechts neben dem Moderator) verpasste am Ende die "Absolute Mehrheit". Foto: dpa
Für die Liberalen entwickelt sich Stefan Raabs Polit-Talk zum Erfolgsformat. Auch die zweite Ausgabe gewann eine Vertreterin der FDP – die „Absolute Mehrheit“ verpasste Linda Teuteberg jedoch. Für den Zuschauer blieb am Ende nur bleierne Müdigkeit.  Von
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Zu lang, diese Sendung dauert viel zu lang. Als um 0:02 Uhr, spät also, Stefan Raabs "Absolute Mehrheit" aus der zweiten Werbepause kommt, legt sich die Zeit schon wie Blei über das Format. Dabei sind erst zwei von drei Diskussionsblöcken absolviert. Raab hat neben dem Liedermacher Olli Schulz mit der CSU-Vize-Generalsekretärin Dorothee Bär, der Linke-Politikerin Yvonne Ploetz, der Liberalen Linda Teuteberg und der Grünen Katja Dörner gleich vier Frauen auf der Couch zu Gast. Sie starten um 22:50 Uhr beschwingt in die Diskussion. Und nach dem Aufwärmen, bei dem alle einen kurzen, uninteressanten Satz auf ein Raab-Stichwort antworten, geht es in der Frauenrunde – Überraschung! – um die Frauenquote. Vorher fällt jedoch noch die beste Pointe des Abends, was man in diesem Moment noch nicht weiß, aber schon ahnt. Raab liest die Telefonnummern vor, unter denen das Publikum abstimmen soll, und fragt dabei Frau Bär, ob er ihren Vornamen mit "Doro" abkürzen dürfe. "Wenn's Stimmen bringt, dürfen Sie alles zu mir sagen", sagt die CSU-Frau daraufhin. Das allein dürfte ihr die zweite Runde schon gesichert haben.

An dieser Stelle kurz die Regeln: Nach jedem der drei Themenblöcke fliegt der Diskutant mit den wenigsten Stimmen aus der Wertung. Und wenn jemand am Ende mehr als 50 Prozent Zustimmung hat, gewinnt er oder sie den Jackpot.

Nun aber zur Quote. Yvonne Ploetz darf sie als erste fordern. Zentrales Argument: Während die Frauen Kinder großziehen, bauen die Männer ein Vertrauensverhältnis zum Chef auf, indem sie mit ihm Bier trinken gehen – was die Frauen nicht können, weil sie auf die Kinder aufpassen müssen und es keine Kita-Plätze gibt. Dagegen hilft nur die Frauenquote. Norwegen zeigt, dass das funktioniert. Dass Linken derzeit kein Thema einfällt, bei dem sie nicht irgendeine skandinavische Mini-Volkswirtschaft zum Vorbild erklären, nervt Stefan Raab schon an diesem Punkt – zu Recht – so gewaltig, dass er seine Moderatorenrolle – zu Unrecht – aufgibt und Ploetz mit Gegenargumenten zu Leibe rückt, die Norwegen nicht mehr so gut wegkommen lassen. Da es keinen Faktencheck gibt, weiß man nicht, was stimmt.

Linda Teuteberg hat zwar wenige überzeugende Argumente, die setzt sie aber gezielt. Und sie profitiert davon, dass sie die einzige in der Runde mit einer anderen Meinung zur Frauenquote ist. Logischerweise stimmen dann auch 30 Prozent der Zuschauer für sie, während die anderen sich die 70 Prozent Stimmen der Quoten-Befürworter teilen müssen. Das bedeutet zu Beginn Platz eins für die FDP-Frau. Dörner dagegen ist bereits raus, mit rund 13 Prozent – sie wirkt in einer durchaus lebendigen Gruppe am wenigsten locker und humorvoll.

Die zweite Runde, in der es von Schavan bis Gysi darum geht, ob an Politiker zu strenge Maßstäbe angelegt werden, geht in Parteipolitik unter. Skandalös sind immer nur die anderen, Raab arbeitet das sehr gut heraus. Schade, denn die vier Politikerinnen sind potenziell interessanter als all die Talking Heads, die man schon tausendmal woanders gesehen hat. Insofern kann der Spitzenpolitiker-Boykott "Absolute Mehrheit" gut tun.

Im Gegensatz zur ersten Ausgabe ist der Nicht-Politiker an diesem Abend aber eine  Fehlbesetzung. Olli Schulz fliegt nach der zweiten nichts sagenden Wortmeldung als Vertreter des Volkes aus der Wertung. Das hindert ihn aber nicht daran, in der letzten Runde das Thema Wohnungsnot und Mietpreise mit einer minutenlangen, populistischen Brandrede gegen die Gentrifizierung von Stadtteilen plattzumachen, deren absurder Höhepunkt folgender Satz ist: "Es gibt in solchen Gegend keine alten Leute mehr, keine Leute, die kein Geld haben, das ist das Traurige." Gegenden ohne Armut sind also traurig, zumindest aus Sicht von jemandem, der nicht arm ist – Künstler und politische Diskussionen, das endet eben regelmäßig peinlich, da ist Raabs Diskussion keine Ausnahme. Gegen Schulz' rhetorischen Unsinn kommt selbst Yvonne Ploetz nicht an, obwohl sie sich alle Mühe gibt.

Apropos Mühe: Raab verzichtet weitgehend auf blöde Sprüche, ist gut vorbereitet und zeigt seine Tauglichkeit als potentieller Moderator des Kanzlerduells.

Dennoch ist die Luft aus einer anfangs nicht uninteressanten Debatte längst raus. Die jederzeit souveräne Dorothee Bär sichert sich locker Platz 2, Linda Teuteberg verteidigt den ersten Rang –einfach dadurch, dass sie keine Fehler macht. 39,9 Prozent, der zweite FDP-Sieg bei Raabs neuem Format, nach Wolfgang Kubicki. Aber der Jackpot bleibt ungeknackt. Und trotz aller Mühe, die sich Macher und Diskutanten gegeben haben, bleibt nach einer Stunde und 45 Minuten das hängen, was nach anderen Polit-Talkshows auch oft hängen bleibt: Müdigkeit, bleierne Müdigkeit.

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