Drei Jahre muss er noch warten. 2015 ist es so weit, Marcel Longtemps wird geboren. Dass wir ihn schon vor seiner Geburt als erwachsenen Mann kennenlernen, liegt an seinem Job. Der französische Kernphysiker ist Chrononaut, also Zeitreisender. Mit seiner fantasiereichen, nie gesendeten Episode von Ralph Erdenberger endet das kurzweilige Buch „Wie Dracula den Kopf verlor und Sissi die Lust“, mit dem die Redaktion der WDR-Radiosendung „Zeitzeichen“ ihren 40. Geburtstag krönt.
Die meisten der 21 Geschichten aus 21 Jahrhunderten waren allerdings schon im Radio zu hören, und die besten von ihnen wiederholt WDR 5 am Dienstagabend zum Jubiläum. Wer die meisten Hörerstimmen in den vergangenen Wochen abgeräumt hat, will Redaktionsleiter Ronald Feisel noch nicht verraten, räumt auf Nachfrage aber ein: „Ja, er hat es geschafft. Unser Kultklassiker ist unter den ersten fünf.“ Der widmet sich der Mundhöhle des Sonnenkönigs Ludwig XIV. und den faulen Kompromissen, die seine Leibärzte bei allerlei Zahnbehandlungen machten. „Der König stinkt“ von Hans Conrad Zander aus dem Jahr 1978 wurde bei der letzten Wiederholung 2007 tausendfach als Podcast heruntergeladen.
Zander ist inzwischen als einziger aktiver Autor dabei, seit es das „Zeitzeichen“ gibt. Der ehemalige Schweizer Mönch entwickelte sich an seinem Schreibtisch in Köln-Zollstock zum Experten für Hintergründiges aller Art aus Kirche, Sünde und Höfen. Insgesamt arbeiten rund 70 Autorinnen und Autoren regelmäßig für das „Zeitzeichen“ und dessen kurzen Ableger „Stichtag“ bei WDR 2. Sie heben Schätze aus dem Archiv, sie bringen Experten dazu, komplexe Sachverhalte für jedermann verständlich auf den Punkt zu bringen, um möglichst unterhaltsam Vergangenes wieder lebendig zu machen. Sie sind die Zeitreisenden des Radios – kein Wunder also, dass Zeitreisen diese Redaktion besonders faszinieren.
Über 14 600 Sendungen sind so bisher entstanden, die meisten inzwischen in Dortmund, aber es gibt noch einzelne Produktionstage in Köln und im Hauptstadtstudio Berlin. Die Vorbereitungen beginnen mit mindestens acht Monaten Vorlauf, für Feisel ist das Jahr 2012 schon gelaufen: „Wir haben gerade den Dezember abgeschlossen. Das schafft Planungssicherheit.“ So fiel es bei den Recherchen sehr rechtzeitig auf, dass die Sendung zum ersten Erscheinen des Kästner-Romans „Pünktchen und Anton“ zunächst ein Jahr zu früh geplant war. Nur bei der Entdeckung des Atomkerns durch Ernest Rutherford kam man mal ins Schleudern. Da musste kurz vor Weihnachten das gesamte Sprecherteam zur Neuproduktion zusammengetrommelt werden. „Da kam zehnmal das Wort „Plumpudding“ vor, das zehnmal wie „Plammpadding“ ausgesprochen wurde“, erinnert sich Feisel seufzend. „Richtig ist aber »Plammpudding«.“ Behaupte also niemand, beim „Zeitzeichen“ werde nicht mit größter Akribie gearbeitet. Vermutlich sticht die Sendung schon deshalb so wohltuend aus dem übrigen Programm heraus.
Hörfunkdirektor Wolfgang Schmitz lobt vor allem die Vielfalt der Themen und Formen, die das „Zeitzeichen“ „zu einem unverwechselbaren Markenartikel des WDR“ machen.
WDR-3-Wellenchef Karl Karst schwärmt von dieser „Sendereihe gegen das Vergessen“. Das Auswahlprinzip ähnelt einer riesigen Wundertüte. Alles ist möglich, wenn die Anlässe mindestens fünf Jahre oder ein Vielfaches davon zurückliegen. „Es kommen formal etwa 60 bis 80 Geburtstage, Todestage und andere Ereignisse in Frage – jeden Tag“, sagt Ronald Feisel. „Spannende Biografien von historischen Randfiguren oder auch mal weitgehend unbekannte Zufälle und kuriose Fußnoten der Geschichte sind sehr reizvoll.“ Üppige Datenbanken – wie die „ARD-Zeitlupe“ mit ihren 250 000 Einträgen – liefern ebenso Ideen wie Zufallsfunde von Hörern.
„Zeitzeichen“-Erfinder Wolf-Dieter Ruppel war von solcher Infrastruktur weit entfernt. Seine Hauptfundgrube war ein Holzkasten, in dem der „Zeitfunk“-Journalist jahrelang alles gesammelt hatte, was ihm zu schade zum Wegwerfen erschien. Mit heißer Nadel strickte er daraus aktuell die ersten 15-Minuten-Sendungen, die sich anfangs noch mehreren Themen pro Tag widmeten. Der 4. April 1972 war ein Dienstag. Ostern war gerade vorbei, Bastian Pastewka kam zur Welt, in München lief der Countdown für die Olympischen Spiele, und zum Glück musste sich Ruppel keine Gedanken mehr über den 1. April machen.
Denn die regelmäßigen Aprilscherze sind nicht jedermanns Sache. So entdeckt am Sonntag vor 400 Jahren der britische Kaufmann West auf seinem Schiff „Paylower“ in Amerika die erste Steueroase der Welt. Passieren an einem 1. April eigentlich nie Geschichten, die zu gut sind, um sie erfinden zu müssen?


