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ARD-Histodrama: Liebe in Zeiten des Terrors

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Das Ehepaar Anna Loos und Jan Josef Liefers spielt auch im ARD-Drama ein Liebespaar.  Foto: ARD
Die ARD verfilmt mit „Nacht über Berlin“ kunstvoll das vermeintliche Geschehen um den Reichstagsbrand von 1933. Das Drehbuch wurde auf Jan Josef Liefers und seiner Frau Anna Loos zugeschrieben und weiß zu überzeugen.  Von
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Das ganze gute Deutschland, versammelt auf 1,76 Meter und weniger als 80 Kilo: Arzt, säkularer Jude, Weltkriegsveteran mit „Eisernem Kreuz“, Patriot und Pazifist, SPD-Reichstagsabgeordneter – und mithin ein Mehrfach-Objekt für den Hass der aufstrebenden Nationalsozialisten.

Das alles zusammen ist gewiss zu viel für eine einzelne Filmfigur. Und wäre es nicht Jan Josef Liefers, der in dem ARD-Histodrama „Nacht über Berlin“ diesen Albert Goldmann verkörpert, so müsste die Rolle ihren Darsteller in die Knie zwingen. Doch Liefers verleiht ihr Leichtigkeit und Tiefe zugleich. Er spielt mit dem Ernst, den das Porträt der Zeit kurz vor Hitlers „Machtergreifung“ im Januar 1933 erfordert, und dem nötigen Charme für die darüber gelegte Liebesgeschichte zwischen Goldmann und der Unternehmer-Tochter Henny Dallgow.

„Traumpaar wider Willen“

Dass das Buch in mehrjähriger Arbeit seit 2006 auf Liefers und seine Frau Anna Loos „zugeschrieben“ worden ist, wie Co-Autor und Regisseur Friedemann Fromm sagt, ist offensichtlich – im Positiven wie im Negativen: Die stärkste Wirkung haben die Szenen einer „unmöglichen Liebe“ zwischen dem Doktor aus dem Wedding und der Firmenerbin auf großem Fuße, die als Sängerin in einem mondänen Ballhaus auftritt und es kauft, als der bisherige Besitzer Matze Belzig (Jürgen Tarrach), ein so leichtlebiger wie hellsichtiger Jude, noch vor den ersten Verfolgungen durch die Nazis emigriert.

Wie da zusammenkommt, was nicht zusammenzupassen scheint, das führt das deutsche „Traumpaar wider Willen“ fast kammerspielartig vor. Demgegenüber wirken ihre politischen Gespräche wie auch jene zwischen Albert und seinem kommunistischen Bruder Edwin (Franz Dinda), der für einen Umsturz und gegen die SA-Schlägerbanden kämpft, mitunter recht historiographisch-pädagogisch. „Wenn die Faschisten losschlagen, dann nur, weil ihr ihnen einen Anlass gebt“, warnt Albert Goldmann seinen jüngeren Bruder – und sogleich denkt man an die Propaganda-Lüge der Nazis von den „zionistisch-kommunistischen Verschwörern“, die in der Nacht vom 27. auf den 28. Februar 1933 den Reichstag in Brand gesetzt hätten.

Ken-Follett-Manier

In Ken-Follett-Manier verstrickt der Film die Figuren ins historische Geschehen. Der als Brandstifter verhaftete und im Januar 1934 hingerichtete Holländer Marinus van der Lubbe lässt sich kurz vor dem Attentat in Goldmanns Praxis behandeln.
Goldmann selbst ist als Einziger während des Brands vor Ort. Mit dem, was Albert hört und sieht, sympathisiert der Film zwar mit jener Theorie, wonach die Nazis selbst an der Brandstiftung beteiligt waren.

Er legt sich aber nicht auf diese Version fest. Für Reichstagsbrand-Besessene wie den Düsseldorfer Publizisten Hersch Fischler ist schon das eine Todsünde. Bei der Preview des Films in Hamburg hielt er den Drehbuchautoren anklagend eine Reihe vermeintlicher Fehler vor. Doch Fromm, der sich – wie bei solchen Produktionen üblich – des Rats von Historikern versichert hatte, zeigte sich einerseits gut informiert über den Expertenstreit zum Reichstagsbrand, andererseits aber kaum interessiert an der „kriminalistischen Seite“ des Falls. „Wer es war, ist nicht so entscheidend, wie die Zeit, die dorthin geführt hat“, so Fromm.

Charme der ausgehenden „Golden Twenties“

Diesem Ansatz folgt erkennbar der ganze Film – manchmal zu erkennbar. Die Szenen in „Belzigs Ballhaus“, in denen Anna Loos alias Henny Dallgow tief dekolletiert mit Max Raabes „Palastorchester“ für Bohemiens und schwule SA-Männer swingt, sind stets in das gleißende Licht der ausgehenden „Golden Twenties“ getaucht, während es auf den Straßen Berlins grau in grau zugeht und Albert Goldmanns Welt im Berliner Arbeitermilieu von plüschigem Braun dominiert wird.

Die technische Realisation ist ein gutes Stück von James-Cameron-Effekten entfernt, aber für die Möglichkeiten einer deutschen TV-Produktion sehr ambitioniert und sehenswert geraten. Die Außenaufnahmen wurden in den Babelsberger Studios gedreht. In den Kölner MMC-Ateliers erstand der alte Reichstags-Plenarsaal zu neuem Leben – mit Hilfe eines virtuell erweiterten Teilnachbaus.

Der Anschlag auf die New Yorker „Twin Towers“ vom 11. September 2001 habe die USA weniger stark verändert als der Reichstagsbrand die Verhältnisse in Deutschland, behauptet Fromm. Ein durchaus kühner Brückenschlag in die Vergangenheit, der aber zumindest den Anspruch seines Films für die Gegenwart auf den Punkt bringt: Wenn der Demokratie die Demokraten fehlen, wird es gefährlich.

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