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Bosbach bei Günther Jauch: Zusammenbruch war kaum Thema

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Wolfgang Bosbach ist nur einen Tag nach seinem Schwächeanfall wieder im Fernsehen aufgetreten. Foto: picture alliance / Sven Simon
Ausruhen kam für ihn scheinbar nicht in Frage. Nur einen Tag nach seinem Schwächeanfall saß Wolfgang Bosbach am Sonntag in der Talkrunde von Günther Jauch. Viele Zuschauer trauten ihren Augen nicht und nahmen an, die Sendung sei aufgezeichnet worden.  Von
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Was würde man als Normalsterblicher tun, nachdem man einen Schwächeanfall überstanden hätte? Sich Ruhe gönnen und alle unwesentlichen Termine für den nächsten Tag absagen. Doch nachdem Wolfgang Bosbach am Samstag in Münster während einer CDU-Veranstaltung kollabiert war, saß er gestern Abend schon wieder bei „Günther Jauch“.

Wenn wir akute Profilneurosen bei dem redlichen Volksvertreter mal ausschließen wollen, heißt das entweder, dass der Politiker aus Bergisch Gladbach kein Normalsterblicher ist oder er Talkshows als wesentliche Termine ansieht. Oder verlangte es schlicht sein Ehrbegriff, eine einmal gegebene Zusage nicht zurück zu ziehen? Hatte er womöglich das Bedürfnis, nach der Schreckensnachricht vom Vortag seinen Wählern (und sich selbst?) öffentlich zu demonstrieren, dass er nach wie vor im Vollbesitz seiner Kräfte ist? Man weiß es nicht.

Leider kein Salafist in der Runde

Jedenfalls saß Wolfgang Bosbach gestern in lebensbejahend roter Hose bei Jauch und verlor über den Zwischenfall vom Samstag kein Silbe. So hatte er es offenbar mit dem Moderator zuvor vereinbart. Dennoch konnte man als Zuschauer kaum umhin, während der Live-Sendung vorwiegend darauf zu achten, ob der CDU-Mann auch noch aufrecht auf seinem Stuhl saß. Was nicht weiter schwer fiel. Denn ARD-Talker Günther Jauch präsentierte einmal mehr eine Diskussionsrunde, deren Debatten am Ende ausgingen wie das Hornberger Schießen.

Nach dem Verbot mehrerer Salafisten-Vereinigungen und der Vereitlung eines islamitisch motivierten Sprengstoff-Anschlags in NRW hatte sich Jauch des Themas „Im Namen Allahs – was tun gegen Deutschlands Gotteskrieger?“ angenommen. Wozu er neben Bosbach, Vorsitzender des Innenausschusses des Bundestages, den Berliner Iman Ferid Heider, die Journalisten Güner Balci und Yassin Musharbash sowie den Aussteiger aus der islamistischen Szene, Barino Barsoum, geladen hatte. Letzterem blieb es vorbehalten, kurz vor Ende der Sendung sein Bedauern kundzutun, dass da leider kein Salafist in der Runde saß. „Wir müssen mit denen Vorlieb nehmen, die wir nun mal hier haben“, bügelte Jauch ihn salopp ab. Dabei hatte sich das Fehlen eines bekennenden Vertreters dieser Hardcore-Variante des Islam zu diesem Zeitpunkt längst als großer Mangel erwiesen.

So blieb es Iman Ferid Heider überlassen, sämtliche Vorwürfe einer potentiellen Unterwanderung des Grundgesetzes durch eine islamistische Parallel-Gesetzgebung zurückzuweisen. Missachtung von Frauen, Kopftuchzwang, Pläne zur Errichtung eines Gottesstaates auf deutschem Boden – alles Missverständnisse und Fehlinterpretationen des Koran, erklärte Heider. Da er die Deutungshoheit in Sachen Exegese für sich reklamierte, vermochte letztlich auch keiner der Kritiker den Iman in die Schranken zu weisen. Zumal der ständig anmahnte, man möge ihn doch bitte ausreden lassen, jedoch selbst permanent seinen Mitdiskutanten ins Wort fiel.

„Alles in bester Ordnung“

Und Günther Jauch ließ den Dingen weitgehend unwidersprochen ihren Lauf und fragte höchstens mal nach, wie es sich denn mit dem Grundsatz verhalte, dass man als Moslem durch das Töten von Ungläubigen ins Paradies gelange. „Ist so nicht richtig“, entgegnete der Iman. Womit der Fall dann wiederum erledigt war. Derweil beharkten sich die anderen Diskutanten gegenseitig.

Als Bosbach die tolerante deutsche Gesetzgebung lobte und erklärte, man solle doch mal versuchen, mit einer Bibel im Gepäck nach Saudi Arabien einzureisen, warf Yassin Musharbash ihm plakativen Populismus vor. Dabei hatte der ZEIT-Autor zu Beginn der Sendung durchaus eine Frage aufgeworfen, über die zu diskutieren sich durchaus gelohnt hätte. Was treibt muslimische und zunehmend auch deutschstämmige Jugendliche in die Arme von bornierten Islamisten, die nicht mehr als hinterwäldlerisch schlichte  Antworten auf komplexe Problemstellungen der Neuzeit anzubieten haben? Da hätte man über gescheiterte Integrationspolitik, berufliche und gesellschaftliche Perspektivlosigkeit und grassierende Sinnleere reden können. Doch diese Diskussion fand hier überhaupt nicht statt.

Stattdessen machte Günther Jauch, wie so oft in letzter Zeit, gegen Ende des Talks den Eindruck, als sei er einfach nur froh, diese sechzig Minuten Sendezeit nun auch wieder irgendwie abgewickelt zu haben. Und Wolfgang Bosbach? Dem geht es offenbar wieder gut.

Jauch las zum Schluss eine Mail vor, in der sich ein Zuschauer echauffierte: Die Sendung sei scheinbar aufgezeichnet und nicht live, schließlich habe Bosbach erst am Vortag einen Schwächeanfall erlitten und könne gar nicht dort sitzen. Bosbach bekräftigte daraufhin, alles sei in bester Ordnung. Der Defibrillator für sein Herz habe nicht mehr einwandfrei funktioniert, das Problem konnte aber wohl behoben werden. Was nun definitiv der wesentliche Informationsgehalt dieser ansonsten belanglosen Talkrunde war.

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