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Deutschland sucht den Superstar: DSDS — Eine akustische Geisterbahn

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Die Jury-Mitglieder — Musikproduzent Dieter Bohlen, Bill Kaulitz und Tom Kaulitz von der Band Tokio Hotel und der Sänger Mateo. Foto: dpa
Mit teilrenovierter Jury, alten Kamellen und ein paar fiesen neuen Ideen läutet RTL die zehnte Staffel von „Deutschland sucht den Superstar“ ein. Und mit crazy Frisuren von Tokio-Hotel-Sänger Bill Kaulitz.  Von
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Köln

Natürlich war früher nicht alles besser. Aber früher, da hatten Eltern einfach ein Auge darauf, dass ihre Sprösslinge in einem bestimmten Alter in angemessener Kleidung und mit einer kleinen Mahlzeit im Gepäck Richtung Schule marschierten. Heute ist das anders. Heute gibt es die Mutter von Daniel, die ihrem Sohn nicht etwa eine Stulle mitgibt, damit er in der Pause zwischen Mathe, Deutsch und Erdkunde was zu futtern hat. Die Mutter des 16-Jährigen kümmert sich darum, dass der Teenager ein Butterbrot dabei hat, wenn er ein klitzekleiner Teil des deutschen Casting-Gewerbes wird. Wobei „klitzeklein“ jetzt nur partiell korrekt ist.

Denn Daniel ist mehr als nur ein kleines Moppelchen, er ist richtig dick. Und trägt trotz seiner Körperfülle wahrscheinlich Größe M, obwohl ihm  allenfalls XL ein wenig schmeicheln könnte. In reichlich spacken Klamotten läuft Daniel bei „Deutschland sucht den Superstar“ auf und wird erwartungsgemäß erst einmal von Old Lederhaut Dieter Bohlen fertig gemacht. Bohlen sieht mehr denn je aus wie ein Grillhähnchen, das man vor vielen Jahren auf dem Drehspieß vergessen hat und moppert los. „Du siehst megascheiße aus, hast du deine Klamotten bei C & A gekauft?“, quäkt er.

Neuer Kniff

Woraufhin Daniel bedröppelt aus der zu engen Wäsche guckt. Neues Jahr, alte Kamellen, bekanntes Strickmuster, denkt man – und dann kommt’s. Die Typen von RTL, dem Sender, der Menschen am niederträchtigsten respektive quotenträchtigsten vorführt (vergleichen Sie dazu bitte auch: „Bauer sucht Frau“, „Schwiegertochter gesucht“, „Der Bachelor“), hat sich für die Jubiläumsstaffel von „DSDS“ einen neuen  Kniff ausgedacht.

Daniel, der vom Erscheinungsbild eines Popstars so weit entfernt ist wie Til Schweiger vom Beruf des Schauspielers, kann leidlich singen. „Rumour“ von Adele hat er sich ausgesucht, dafür gibt’s den begehrten Recall-Zettel und seine in Tränen aufgelöste Mutter, deren übertriebene Reaktion nahelegt, dass ihr Sohn soeben einen Grammy und zwei Brit Awards gewonnen.

Schaut her, will uns RTL mit dieser irren neuen Idee sagen, ab sofort haben auch die Dicken bei „DSDS“ eine Chance, wir sind gar nicht so. Sind sie natürlich doch. Und denen, die optisch nicht in die Norm passen, geht’s so wie den Hunden vor der Metzgerei: Wenn’s gilt, müssen sie leider draußen bleiben. Auch Micha, 21, wird aller Wahrscheinlichkeit genau das passieren. Trotz Recall-Zettel.

Kamerazoom auf das Erdmännchen

Und obwohl er aus „I Follow Rivers“ von Lykke Li eine knuffige Lagerfeuer-Version gemacht hat, inklusive Wandergitarre. Denn Micha hat ein Stofftiererdmännchen am Gitarrengurt. „Mein Maskottchen“, sagt er. Ein Freak, will uns RTL damit sagen. 21 Jahre. Ein junger Mann. Mit Stofftier. Kamerazoom auf das Erdmännchen.

Bis es auch der letzte und begriffsstutzigste Stammkunde des Kölner Senders geschnallt hat und sich denen, die sich vor der Kamera zum Horst machen, mächtig überlegen fühlt. Weil die Kandidaten ja nach zehn Jahren „DSDS“ wissen müssten, wie der Medienhase dort läuft. Trotzdem: Mitleid mit den Kandidaten? Mitnichten.

Schon gar hat nicht mit denen, die nach dem Verständnis von „DSDS“ optisch in das Format passen, aber schmerzhaft talentfrei sind. So wie die Schwestern Talina und Nadja, die aussehen und sprechen, als seien sie im Reagenzglas aus dem Genpool von Daniela Katzenberger zusammen geschüttelt worden. Oder wie Nico, der sich selbst als „Ein-Mann-Armee“ ankündigt, nicht genau weiß, was in seinem Führungszeugnis stehen wird – „wegen Drogenhandel und Überfall und so“ – und der nicht nur deshalb bei „Aktenzeichen XY ungelöst“ besser aufgehoben wäre.   

Maßlos begeistert

Der Murmeltiertag bei RTL setzt sich auch dann fort, als  jemand auftritt, der optisch und akustisch ins „DSDS“-Raster passt. Susan, 28, ist so eine Person. Am Klavier zerrt sie einen Song von Alicia Keys derart penetrant auf die Musicalbühne, dass sogar der tapferste König der Löwen sofort Reißaus nehmen würde.

Die neben Bohlen neu formierte Jury aber bleibt  sitzen, ist maßlos begeistert und sondert sinnfreie Sätze im Akkord ab. „Du bist ein Überraschungs-Rohdiamant“, analysiert Mateo, im Hauptberuf einer der Sänger der komplett entbehrlichen Band Culcha Candela, das Tun eines Kandidaten. Tom Kaulitz, einem der Tokio-Hotel-Zwillinge, gelingt dieser goldene Satz: „Du sollst das singen, was du am besten kannst“. 

Crazy Hair

Die Älteren werden sich erinnern: Tokio Hotel waren mal eine sehr erfolgreiche Teenie-Band und wissen heute, obwohl erst 23, nicht, was sie mit ihrem Leben und ihren Millionen anfangen sollen. Anders ist nicht zu erklären, dass Bill Kaulitz, ehedem Sänger von Tokio Hotel, mittlerweile ordentlich durchtätowiert ist und mit jeder Menge Blech im Gesicht, heute neben Bohlen sitzt und durch seine multiplen Piercings so näselt wie Wolfgang Joop zu seinen allerbesten Zeiten; die akustische (und optische) Geisterbahn findet bei dieser Staffel, Bill Kaulitz sei Dank, nicht nur vor, sondern auch hinter dem Jury-Pult statt.

Die diversen crazy Frisuren, die Bill Kaulitz in der (aufgezeichneten) Auftaktfolge präsentierte, sind jedenfalls nicht mit einem Fön hergestellt worden. Sondern aller Wahrscheinlichkeit nach mit einem Laubbläser. Laubbläser sind übrigens weitaus besser als ihr Image. Zumindest im Vergleich zu den Geräuschen, die „DSDS“ erzeugt. Dafür, dass das auch die Mutter von Daniel mitkriegt, die ihren Sohn mit einem Butterbrot zu RTL schickte, ist es leider zu spät.       

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