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Fernsehtipp: Eine Gesellschaft, die an sich selbst scheitert

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Fabian Haas (Anton Wempner) und Musiklehrer Friedrich Herford (Thomas Huber)  Foto: Kerstin Stelter
Der ARD-Film „Zappelphilipp“ zeigt, wie der hyperaktive Fabian von vielen oftmals vorschnell als Problemkind abgeschrieben und mit Psychopharmaka ruhig gestellt wird. Seine Lehrerin will helfen.  Von
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Schule führt im deutschen Fernsehen ein zwiespältiges Dasein. Entweder zeigt es die watteweiche Wunschwelt deutscher Mittelstandsbehaglichkeit. Oder es bietet Abendlanduntergangsfantasien am sozialen Brennpunkt. Dazwischen gibt es zusehends mehr, aber noch immer zu wenig. Doch so sehr sich das Genre auch in zwei Hälften spaltet – beide Extreme haben oft was gemeinsam: ein Licht am Ende des Tunnels, gern vermittelt durch Vorzeigepädagogen. Und die Moral von der Geschicht: Man muss den Gören nur mal zeigen, wo’s langgeht, dann kriegt man hoffnungslose Fälle in 90 Sendeminuten zum Hauptschulabschluss samt rosiger Zukunft.

Dass es ganz so einfach nicht ist, dass selbst die edelsten Beweggründe empathischer Lehrer nicht zwangsläufig zum Guten führen, zeigt ein ARD-Film namens „Zappelphilipp“. Er handelt von einem Neunjährigen, der ganze Klassen zum Kochen bringt, und um dies vorwegzunehmen: Es gibt kein Happy End, es gibt eigentlich gar kein Ende. „Zappelphilipp“ entlässt das Publikum weder mit geheilten Sorgenkindbiografien noch mit einem Suizid wie im Mobbing-Drama „Homevideo“. Der leise und dennoch eindrückliche Film stellt zum Schluss lieber eine Frage, spart sich allerdings jede Antwort.

So könnte es in der Realität sein

Doch der Reihe nach. Der hyperaktive Fabian kommt in die Klasse von Hannah Winter und sorgt dort durch sein „lebendiges Temperament“ für Aufruhr. Fabian ist aufgedreht, unzähmbar, latent aggressiv, ein „Problemkind“ eben, meinen die meisten da schnell.

Zu schnell, findet Hannah und begegnet der reflexhaft aufkommenden Forderung des entnervten Umfelds, den Jungen mit Psychopharmaka gefügig zu machen, mit viel eigenem Einsatz bis in die Freizeit hinein. Dass damit vieles nur noch schlimmer wird, ist eine Stärke von Connie Walthers Regie. Gut gemeint ist schließlich nicht selten ein Gegenteil von gut. Und diesen Zwiespalt spielt Bibiana Beglau als Klassenlehrerin so brillant wie der elfjährige Anton Wemper seine erste Rolle. Beide agieren, wie man es sich in der Realität vorstellen könnte.

Eine Gesellschaft, die an sich selbst scheitert

Vor allem aber zeigen die zwei Hauptfiguren im Zusammenspiel mit desillusionierten Alt-68ern und hilflosen Gegenwartspädagoginnen, mit mal überforderten, mal selbstsüchtigen Eltern, dass es nicht um Einzelschicksale geht, auch nicht um ein Schülerdrama, geschweige denn ein populäres Thema mit einfachen Lösungsansätzen. „Zappelphilipp“ handelt vielmehr von einer Gesellschaft, die an sich selbst scheitert. Die im Bemühen, alles zu integrieren, alles bloß noch gleichmacht.

„Zappelphilipp“ ist ein schwieriger Film, ein schmerzhafter bisweilen, aber es ist ein großartiger Film, gerade weil er uns mit nichts belehren will. Und weil Lehrer darin scheitern dürfen, obwohl sie es gut meinen. Wie im richtigen Leben.

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