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Jan Böhmermann: „Scheitern ist immer eine Chance“

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Jan Böhmermann beim Interview mit dem „Kölner Stadt-Anzeiger“. Foto: Martina Goyert
Nach dem Aus von „Roche & Böhmermann“ bringt Jan Böhmermann mit „Lateline“ eine neue Sendung ins TV. Mit ksta.de hat der gebürtige Bremer über das Format, das Parfüm von Judith Rakers und das Catering bei Markus Lanz gesprochen.  Von
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Herr Böhmermann, Sie haben für 1LIVE, RTL, ZDFkultur, Sat.1 und für den WDR gearbeitet und starten jetzt mit „Lateline“ bei EinsPlus. Fühlen Sie sich manchmal wie die Wanderhure?

Jan Böhmermann: Schon. Geil. Aber so ist es halt: Wer die besten Bedingungen bietet, mit dem wird zusammen gearbeitet. Auch ohne Jurist zu sein, weiß ich, dass die eisernen Gesetze im Haifischbecken Medienmarkt knallhart sind. Das habe ich auch erst schmerzhaft lernen müssen. Trotzdem habe ich seit etwa zehn Jahren immer mit denselben Leuten zu tun – ganz egal, ob es private oder öffentlich-rechtliche Sender sind. Die Branche ist klein. Die meisten sind miteinander verwandt oder verschwägert, es bleibt alles in der Familie.

Zur Person
Die LateLine-Tour mit Jan Böhmermann

Jan Böhmermann, geboren 1981, wurde 2005 bekannt mit „Lukas’ Tagebuch“, einer Parodie auf Lukas Podolski; der Ausspruch „Fußball ist wie Schach – nur ohne Würfel!“, den diverse Medien bis heute fälschlicherweise dem Fußballer zuschreiben, stammt von dem gebürtigen Bremer.

Böhmermann war u.a. Mitglied im Ensemble von Harald Schmidt, arbeitet bis heute als Hörfunk- und Fernsehmoderator und hat mit „Lateline“ ein Format ins Fernsehen (EinsPlus, 23.00 Uhr) gebracht, mit dem er schon seit 2010 auf diversen ARD-Jugendradiowellen zu hören ist. Zusammen mit Klaas Heufer-Umlauf hat Jan Böhmermann unlängst das Hörspiel „Förderschul-Klassenfahrt“ (Roof Music) veröffentlicht.

Hier geht's zum Twitter-Profil von Jan Böhmermann.

Das klingt nach Inzucht.

Böhmermann: Genau. In der Medienbranche geht es manchmal zu wie in einem Eifeldorf.

„Lateline“ läuft bereits seit 2010 als Hörfunk-Talkshow auf sieben Jugendwellen der ARD. Was ändert sich, wenn Sie das Format ins Fernsehen bringen?

Böhmermann: Wir machen einfach weiter eine Radiosendung und halten eine Kamera drauf, also Radio mit Bildern. Alles andere ist im Budget nicht drin. „Lateline“ ist Domian in länger und unseriös, und wir senden in Bremen vor Studiopublikum.

Sie werden Anrufer in der Sendung haben und nebenbei auch die Facebook-Gemeinde bedienen und twittern.

Böhmermann: Richtig. Ich habe allerdings festgestellt, dass sich meine Multimedia- und Multitasking-Fähigkeiten in Grenzen halten. Wenn ich moderiere und mich gleichzeitig um Facebook und Twitter kümmere, ist es nicht so einfach, sich auch noch auf Inhalte zu konzentrieren. Obwohl ich fließend HTML spreche. Ich sehe die „Lateline“ als Trainingslager. Schaffe ich es, zwei Stunden lang den Ball oben zu halten oder gelingt es mir zumindest, solche Kunststückchen zu machen, dass die Leute wenigstens widerwillig hingucken?

Beschreiben Sie mal Ihr Jobprofil bei „Lateline“.

Böhmermann: Ich bin Improvisationskünstler, betreibe Küchenpsychologie und gebe die allerbeste Freundin. Wir senden mit kleinem, aber goldenem Besteck aus dem „3 nach 9“-Studio, das wir für unsere Zwecke umbauen dürfen. Das Parfüm von Judith Rakers wird sicher noch in der Luft schweben, und die Aura von Giovanni di Lorenzo lässt sich da bestimmt auch nicht rauskärchern.

Worauf setzen Sie eher, auf das Parfüm von Frau Rakers oder auf die Aura von Herrn di Lorenzo?

Böhmermann: Die Mischung macht’s. Wenn ich daran denke, wird mir ganz anders. Natürlich nur im positiven Sinne. Die beiden sind großartige Kollegen. Wer so toll fragt und dabei so toll aussieht wie Frau Rakers, ist ein Vorbild. Und Giovanni di Lorenzo ist seit 30 Jahren ein Fels in der Talkshow-Landschaft. Ich frage mich immer, wie er das macht, der ist doch gerade erst 35.

In der Info zu „Lateline“ beschreiben Sie das Format so: „Zwei Stunden gebührenfinanzierte Fernsehanarchie. Es kann Scheiße werden. Oder supergeil. Oder irgendwas dazwischen“. Ist Scheitern für Sie im Fernsehen auch immer eine Chance?

Böhmermann: Mehr als das! Es ist, bei allem, was ich live im Radio oder Fernsehen mache, mein Alleinstellungsmerkmal. Ich sehe Scheitern und Zerstörung immer als Chance, etwas Neues aufzubauen. Ich weiß nicht, was der nächste Anrufer macht. Ist er gerade in einer Psychose gefangen und hält sich für Jesus? Oder ruft meine Mutter an, die mich mal wieder sprechen will? In der Sendung ist eigentlich alles möglich, und das macht auch den Charme aus. Wir dürfen alles, und wir können alles in den Sand setzen. Als Grenzen akzeptiere ich nur das Grundgesetz und das Strafgesetzbuch. Und selbst da ist Luft für Interpretationen.

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Ist der Fernsehfigur Böhmermann irgendetwas peinlich?

Böhmermann: Nein, warum sollte es? Ist doch bloß Fernsehen. Manche Leute freuen sich einfach, dass sie durchgekommen sind. Das reicht dann natürlich nicht für ein Telefongespräch, und wenn mich ein Anrufer langweilt, lege ich im Zweifelsfall einfach auf. Ich halte keinen Anrufer Domian-mäßig in der Leitung, und bei mir wird auch keiner zum Psychologen durchgestellt. Den Part des Psychologen übernimmt bei uns die Zuhörer- beziehungsweise Zuschauerschaft. Ich habe allerdings noch gute Beziehungen zu 1LIVE. Wenn also um 0.45 Uhr irgendwo irgendjemand masturbierend in einer Badewanne voller Mett sitzt, gerne anrufen! Wir sind bereit zur Zusammenarbeit und stellen dann rüber zu Domian. Da sind wir corporate thinker und gute Kollegen.

Bunte, Gala, Das Goldene Blatt

Wie bereiten Sie sich auf die zweistündige Live-Sendung vor?

Böhmermann: Da gehe ich seit Jahren nach einer bewährten Methode vor. Ich lese Bunte, Gala, Das Goldene Blatt – und schon weiß ich, was in der Community los ist. Um Material zu generieren, gucke ich mir in letzter Zeit auch gerne die User-Kommentare in Online-Medien an. Für diese virtuellen Leserbriefe bin ich sehr dankbar. Dazu kommt noch exzessives Facebook-Stalking von Promis und Halb-Promis, und grandios ist natürlich auch Twitter.

Wie vielen Leuten folgen Sie auf Twitter?

Böhmermann: Rund 200 Personen, von Boris Becker über Wilson Gonzalez Ochsenknecht bis hin zu ARD-Verantwortlichen, die was auf sich halten: Siegmund Gottlieb, Sonia Mikich, Andreas Cichowicz. Wenn Leute in 140 Zeichen ohne zwischengeschalteten Pressestellen-Filter erzählen, was sie so bewegt, ist das sehr zufriedenstellend. Mein lernt dabei etwas über das eigene Leben und darüber, wie Alltag geht. Twitter liegt bei mir mittlerweile gleichauf mit Gala und Bunte. Wenn nicht sogar davor, weil es kürzer, schneller und unmittelbarer ist.

Der sogenannte Nachwuchs im deutschen Fernsehen ist Ende 20 bis Ende 30 und wird in den dritten Programmen oder in Digitalkanälen geparkt. Warum fehlt den Sendern der Mumm, auch im Hauptprogramm etwas zu wagen?

Böhmermann: Alle Entscheidungen, die festangestellte Redakteure treffen, halte ich grundsätzlich für richtig. Ganz egal, ob bei den Privatsendern oder bei den öffentlich-rechtlichen Anstalten, ich stelle das nicht infrage. Sobald man festangestellt ist, trifft man immer die richtigen Entscheidungen.

Und wenn ich Sie jetzt ganz doll bitten würde, den Ironieschalter ausnahmsweise rauszuhauen?

Böhmermann: Ich kann mich über mangelnde Arbeit und fehlendes Vertrauen nicht beklagen. Ich habe jetzt über den Zeitraum von 14 Wochen mit der „Lateline“ sieben Mal eine tolle Sendung bei EinsPlus, und wir bereiten eine Sendung für ZDFneo vor, wenn das stimmt, was ich kürzlich im FOCUS gelesen habe.

Fühlen Sie sich in der Fernsehnische nicht wie auf der Warmhalteplatte, obwohl sie längst heiß genug für die Hauptprogramme sind?

Böhmermann: Ich finde, ich bin schon da, wo Fernsehen geguckt wird. Die Zuschauer, die das gut finden, nehmen uns schon wahr. Zumindest rede ich mir das ein. Dabei ist es ganz egal, wie sie unsere Sachen gucken: im Fernsehen, auf dem Laptop oder Tablet, zeitversetzt in Mediatheken. Wenn das, was wir jetzt machen, um 20.15 Uhr im Hauptprogramm liefe, würde es 30 Jahre dauern, bis wir annähernd die Zuschauer hätten, die Leute wie Inka Bause der Markus Lanz um diese Zeit erreichen. Das ist ein schmerzhafter Prozess, dem ich keinen Sender zumuten möchte. Und mir auch nicht. Wir nähern uns langsam dem Publikum an, das Publikum nähert sich uns an. Wir haben Zeit.

Sie machen es also wie das englische Königshaus: einfach warten, bis man dran ist.

Aus Gründen

Böhmermann: Das ist eine Möglichkeit. Eine andere ist: Wir haben einen neuen Papst, und der alte lebt noch, quatscht aber seinem Nachfolger nicht rein.

Dann sind Sie also der Gegenpapst.

Böhmermann: Auf gar keinen Fall, allerhöchstens eine Art Georg Gänswein! Ein gepflegter, schöner Jüngling, der sexuell indifferent in spitzenbewehrten, purpurfarbenen Leggings um die wirklich Großen des Entertainments herumtänzelt.

Ist das Fernsehen als Medium noch zu retten?

Böhmermann: Ich bezweifle, dass es dem Fernsehen schlecht geht. RTL verschenkt iPads an Mitarbeiter, Sat.1 hat schon wieder das beste Jahr aller Zeiten hinter sich, mit Cindy aus Marzahn wird es nicht weniger schlecht, und die originelle Entertainment-Manufaktur Brainpool läuft auf Hochtouren und bedient mit großem Engagement und Liebe zum Detail alle Sender, die nicht rechtzeitig nein sagen. Solange Köln noch steht, geht es dem Fernsehen gut. Wenn man etwas mit Fernsehen machen will, darf man nicht den Fehler machen und nach Berlin ziehen. Köln und sein Umland, Ossendorf und Hürth: That’s where the magic happens! Köln ist gewucherte Provinz, ich bin gerne in einem Dorf mit U-Bahn.

Wie geht’s eigentlich Charlotte Roche?

Böhmermann: Ich weiß es nicht genau, hoffe aber, dass es ihr wie immer prächtig geht.

Sie haben keinen Kontakt nach dem Aus von „Roche & Böhmermann“?
Böhmermann: Nur über Facebook und Twitter.

Herr Böhmermann, gönnen Sie der Ironie doch mal eine Pause und sagen ernsthaft, warum es Ihnen nicht möglich war, dieses Format zusammen weiterzuführen. Bisher habe ich dazu nur Windelweiches gehört.

Böhmermann: Manchmal gehen auch Sendungen, die nicht ganz so schlecht waren, einfach nicht weiter. Aus Gründen. Das ist eine Sache, die wir alle in den letzten drei Monaten erst lernen mussten. Wenn so ein Format fällt, wird das Angeschossene liegengelassen und man läuft alleine weiter, das geht gar nicht anders, wenn man nicht den Rest seines Lebens sentimental dem schönen Jahr bei ZDFkultur hinterher trauern möchte. Außerdem waren von dem überraschenden Aus neben zwei oder drei Egos auch noch 40 Mitarbeiter ziemlich direkt betroffen. Da muss man erst mal intern regeln, wie es weitergeht, damit alle ihr WG-Zimmer bezahlen können, bevor man Zeit hat für die gewohnt selbstüberschätzende Erklärung an die Weltpresse. Das war schwierig genug, und deshalb bin ich froh, dass ich nicht auch noch öffentlich darüber reden muss.

Die feine englische Art

Sie drucksen sehr wortreich herum.

Böhmermann: Alles andere wäre nicht die feine englische Art.

Seit wann hat Charlotte Roche etwas mit feiner englischer Art zu tun?

Böhmermann: Ich kann Ihre Neugier verstehen, ich wäre auch neugierig. Wir hätten es alle gerne weitergemacht, aber manchmal geht’s eben nicht.

Wo sehen und finden Sie das Gute, was aktuelle Entwicklungen im Fernsehen angeht?

Böhmermann: Ich freue mich über alles, was Klaas und Joko machen. Besser im Fernsehen arbeiten als Drogen an Grundschüler verkaufen. Jedem ist natürlich freigestellt, die beiden perversen, geldgeilen Sexgrabscher zu finden, wie man möchte. Aber wenn „Circus Halligalli“ zu Ende ist und man Stefan Raab danach mit „TV total“ in seiner 90er-Jahre-Deko sitzen sieht – ich finde, allein dafür lohnt es sich, jeden Montag ProSieben einzuschalten.

Wenn Sie den Joko & Klaas-Fanclub kurz schließen – welche Fernsehfigur mögen Sie nicht?

Böhmermann: Es wäre schön, wenn Vera Int-Veen eines Tages mal gezwungen wäre, als Protagonistin in Sendungen mitzuspielen, die sie moderiert und produziert. Ich würde wahnsinnig gerne sehen, wie sie sich in „Schwiegertochter gesucht“ macht. Schlimm sind natürlich auch Sendungen von Leuten, denen wirklich alles egal ist. „Die ultimative Chartshow“ fungiert nur als Füllmaterial zwischen zwei Werbeblöcken. Ich bin nicht katholisch genug, um in Kategorien wie Himmel und Hölle zu denken. Aber atheistisch gesprochen fände ich es gut, wenn das Universum für Leute wie Oliver Geissen eine andere Beschäftigung findet als Fernsehen.

Sie waren schon öfters zu Gast bei Markus Lanz. Sollte man Feindberührung nicht vermeiden?

Böhmermann: Lanz ist nicht der Feind, der ist ein absolutes Goldstück. Wenn wir nicht so viele Verpflichtungen hätten, würden wir uns die ganze Zeit in Köln zum Kaffee trinken verabreden und in einer WG wohnen, zusammen mit Lena Meyer-Landrut. Ich finde das Prinzip der Lanz-Talkshows großartig, wir haben uns bei Roche & Böhmermann an ihm orientiert. Bloß nicht ein Thema überlegen, über das alle reden. Bei der Gästeliste gilt: Wer gerade Zeit hat, kommt. Nur so entstehen große Fernsehmomente. Die Plauderei bei Lanz ist entspannt, und man muss sich nicht – wie bei Plasberg – wahnsinnig wichtige Einspielfilme um die Ohren hauen lassen. Außerdem ist das Catering bei Lanz phantastisch. Wenn ich eingeladen bin, packe ich mir immer was ein für zu Hause.

Möchten Sie noch jemanden grüßen?

Böhmermann: Ich grüße meine Mutter, Florian Schroeder, meinen lieben Freund Harry in Köln-Marienburg und alle bei 1LIVE.

„Lateline“ läuft vom 11. April bis zum 4. Juli jeden zweiten Donnerstag ab 23.00 Uhr bei EinsPlus.

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