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Ken Follet: „Die Tore der Welt“ im TV

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Ben Chaplin als Sir Thomas Foto: Sat 1
Ken Follett arrangiert seine Bücher nach eigenen Angaben wie Filme. Von dem jüngsten 46 Millionen Dollar teuren Sat 1-Vierteiler „Die Tore der Welt“ ist der Waliser daher auch vollends begeistert. Was im Roman authentisch wirkt, gerät in der Adaption zu Dramasoße  Von
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Merthin sieht echt cool aus, ein Teenieschwarm, supersüß. Gut, seine Klamotten sind etwas schlabberig für Castingbühnen. Aber wenn der britpopfrisierte Mittzwanziger seine schönen Lippen noch zum branchenüblichen Chartpop bewegen würde, Merthin wäre ein aussichtsreicher Kandidat für, sagen wir: DSDS.

Die seltsame Anrede sollte kein Hindernis sein; bei Bohlen war mal ein Merowin im Finale. Noch so ein alter Name im neuen TV-Entertainment.

„Bücher wie Filme konstruieren“

Womit wir im Zeitalter Merthins wären. Der mag zwar aussehen wie ein Boygroup-Sänger von heute – de facto wandelt die Rolle des Schauspielers Tom Weston-Jones knietief im Mittelalter. Oder besser: was das Fernsehen dafür hält. Denn Merthin ist eine Hauptfigur von „Die Tore der Welt“, der opulenten Fortsetzung des internationalen Fernsehereignisses „Die Säulen der Erde“.

Seit seinem Thriller „Die Nadel“ (1978) ist der Waliser Ken Follett ein Weltstar. Mit „Die Säulen der Erde“ hat er das Mittelalter als Handlungsrahmen entdeckt. Komplexer Inhalt plus sprachliche Schlichtheit gleich Kino für den Lesesessel – das ist Folletts Erfolgsformel. Und sie hat sich in 30 Sprachen hundertmillionenfach verkauft. „Wer Erfolg haben will, muss seine Bücher wie Filme konstruieren“, sagt der 63-Jährige in einem Hamburger Luxushotel und zeigt das selbstgewisse Lächeln des Popliteraten. „Ich habe das immer getan.“

Follett: Kostüme, Gebäude, Dramaturgie – „alles ergibt Sinn“

Kein Wunder also, dass er seine Romane „Links in die Verfilmung“ nennt, seine Szenenwechsel „Schnitte“ und überhaupt alles einem Drehbuch ähnelt. Follett spricht vom „visuellen Schreiben“. Da überrascht es wenig, dass er den 46 Millionen Dollar teuren Vierteiler der Münchner Produktionsfirma „Tandem Communications“ zu lieben glaubt. Die Geschichte sei gut erzählt, eine dramatische Szene jage die nächste, es atme „dieses tolle Aroma des Mittelalters“: Kostüme, Gebäude, Dramaturgie – „alles ergibt Sinn“.

Ken Follett, dieser Archivar unter den Trivialautoren, mag seine Vorlage wie gewohnt detailgetreu recherchiert haben: Im englischen Fantasie-Ort Kingsbridge ringt der Baumeister Merthin mit den wenigen Fortschrittlichen an seiner Seite für eine bessere Architektur, muss sich jedoch gottloser Kleriker, machtgieriger Edelleute, fieser Ritter und dummer Wissenschaftler erwehren. Doch was im Roman authentisch wirkt, gerät in der Adaption zu Dramasoße.

Überkomplexer Unsinn voll unzeitgemäßer Dialoge

Die Haare sind stets akkurat, die Zähne weiß, die Bösen gut erkennbar, und offenbar gab es 1328 schon Waschmaschinen. Geredet wird Neuzeitdeutsch, geliebt wird bei Kerzenschein, gelebt sozial höchst interaktiv, weshalb nicht allzu viel der Realität der finsteren Epoche entspricht. Doch da die Zuschauer sich mit derlei Spitzfindigkeiten nicht aufhalten sollen, ist die Hauptperson weder Peter Firth noch Ben Chaplin, nicht Regisseur Michael Caton-Jones geschweige denn eine der deutschen Quotenrollen wie Kostja Ullmann. Der Star heißt Roberto Biagi.

Der ist für Digitaleffekte zuständig, sorgt also am Rechner für den Mittelalter-Atem. Wenn die Story schon überkomplexer Unsinn voll unzeitgemäßer Dialoge ist, hat es wenigstens optisch zu scheppern.

DIE TORE DER WELT
Montag, 20.15 Uhr, Sat 1

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