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Kenneth Branagh: „Kein Mensch sagt Sir zu mir“

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Kenneth Branagh mag den schwedischen Kommissar Wallander: „Ein extrem feinfühliger, detaillierter Charakter“. 
Er ist einer der renommiertesten Bühnendarsteller Englands und auch im internationalen Film ein Star: Kenneth Branagh spricht im Interview über die Pflichten eines Ritters, schwedische Winter und Wallander-Krimis.  Von
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Hallo Mr. Branagh, oder muss man jetzt Sir Kenneth Branagh sagen?

Kenneth Branagh: Nein, nein. Weder noch. Ken wäre mir am liebsten. Sir sagt kein Mensch zu mir.

Obwohl Sie erst kürzlich von der Queen zum Ritter geschlagen wurden.

Branagh: Das ist korrekt. Und es war eine große Ehre für mich, ein wundervoller, sehr ergreifender Moment einer guten alten Tradition. Aber Sie ändert nichts an meinem bisherigen Leben.

Welche Pflichten hat denn ein Ritter?

Branagh: Es gibt da wohl ein paar Wohltätigkeitsaufgaben, aber die muss ich erst lernen. Ich gehe also erst mal lieber von ritterlichen Rechten aus. Es gibt sicher Menschen, die lassen sich von einem Ritter leichter überzeugen. Und vielleicht erhöht es ja meinen Marktwert (lacht). Aber im Grunde will ich so bleiben wie vorher, der alte Ken. Der Shakespeare-Liebhaber, zurzeit Kurt Wallander.

Wie viel vom dem einen steckt im anderen?

Branagh: Henning Mankell liebt es, wie einst Shakespeare mit populärer Sprache über populäre Charaktere zu schreiben und dabei einen großen Bogen von Tragödie über Comedy zum Thriller zu spannen. Außerdem sind beide auf der Suche nach anspruchsvoller emotionaler Tiefe. Mankell zeigt da allerdings einen etwas einfühlsameren Umgang mit seinen weiblichen Charakteren; bei Shakespeare haben Frauen eine untergeordnete Rolle gespielt.

Dafür kommt bei Mankell diese skandinavisch triste Atmosphäre hinzu.

Branagh: Sehr schwedisch, stimmt. Aber er hat wie Shakespeare keine Angst, bei aller Spannung kreativ ambitioniert zu sein; das unterscheidet ihn von vielen populären, auch skandinavischen Autoren unserer Zeit.

Haben Sie selbst etwas vom latent depressiven Wallander in sich?

Branagh: Nicht viel. Henning hat da einen ernsthaften, politisch motivierten Stil geprägt, der Wallander an der Welt leiden lässt. Ihm geht wirklich alles persönlich nah, so dass er das Leid anderer nicht gut von sich fernhalten kann. Mir gefällt sein Prinzip der offenen Wunde besser als das sexualisierte Machogehabe der meisten Kommissare. Und auch in mir ruht eine tiefe Ernsthaftigkeit übers Elend da draußen. Ich bin aber doch der optimistische Typ. Und das fällt Schweden ja allein deshalb schwerer als mir, weil sie in einem Land der Extreme leben.

Dunkle Winter, helle Sommer.

Branagh: Und mal sehr kalt, dann sehr heiß. Überhaupt nichts für mich. Aber er begegnet diesen Extremen mit etwas, das wir beide teilen: einem aberwitzigen Sinn für Humor, verbunden mit dem Glauben ans Gute im Menschen. Dass sich jeder ändern kann.
Verfolgen Sie die anderen Wallanders Rolf Lassgård und Krister Henriksson?
Branagh: Ich hab Krister mal getroffen, sehr netter Kerl. Aber weder die Filme des einen noch des anderen habe ich je gesehen. Aber wenn ich meinen allerletzten Wallander gedreht habe, werde ich mir jeden einzelnen mit den beiden Jungs ansehen. Das ist ein konkreter Plan, glauben Sie mir. Bis dahin will ich mich nicht von Rollenmodellen unter Druck setzen lassen.

Ist es Ihr Prinzip, solche Vergleiche zu meiden?

Branagh: Womöglich. Ich versuche es zu vermeiden, allzu mechanisch an meine Rollen heranzugehen, was schnell passiert, wenn man sich an anderen orientiert. Ich kannte vorher kein einziges von Mankells Büchern, keine Verfilmung, gar nichts. Dann habe ich sämtliche Romane in zwei Monaten verschlungen und somit aus einer sehr unbelasteten Art auf den Stoff reagiert. Ich mag es generell nicht so gern, von fremden Interpretationen beeinflusst zu werden.
Das ist bei einem Shakespeare-Interpreten fast ein Ding der Unmöglichkeit.
Branagh: Stimmt, da ist Fremdinterpretationen schwer zu entgehen. Aber grad deshalb werde ich mir sicher keinen Hamlet auf einer anderen Bühne ansehen, wenn ich ihn selber demnächst spiele. Das verwirrt bloß. Ich halte da die Fäden gern in der eigenen Hand.

Das haben Sie auch als Regisseur oft getan, wo Sie sich regelmäßig in eigenen Filmen besetzt haben. Wie ist es da, unter anderen Regisseuren zu arbeiten und nur für die eigene Rolle verantwortlich zu sein?

Branagh: Sehr entspannend. Zumal unser Wallander ein extrem feinfühliger, detaillierter Charakter sein sollte; da war es hilfreich, alle Konzentration in mein Spiel stecken zu können. So hatte ich zudem viel mehr Zeit, mich von der Figur förmlich durchdringen zu lassen. Ich war vorher viel in Schweden, habe mich mit dortigen Polizisten unterhalten, die Atmosphäre eingeatmet. Das wäre als Regisseur nicht möglich gewesen. Ich liebe es, Verantwortung abzugeben.
Sie scheinen einen eher wissenschaftlichen Ansatz ans Schauspiel zu haben, mit langer Recherche und großer Faktentreue.
Branagh: Kann man so sehen. Ich lese viel, schaue mir Filme aus der Region an, besuche die Orte, Bibliotheken, Galerien, alles. Ich lerne. Aber am wichtigsten ist es mir, die Menschen zu treffen. Deshalb habe ich auch mit Henning Mankell selber geredet.

Werden Sie seine Bücher auch 2013 spielen?

Branagh: Hoffentlich. Wenn es nach mir ginge, würden wir noch drei weitere Episoden drehen, inklusive der letzten.

Wo Wallander an Alzheimer erkrankt?

Branagh: Genau. Es gäbe da noch eine frühere Geschichte von Wallander, die mir sehr gefällt, aber dieses Finale wäre ein guter Abschluss, nach zwölf Filmen und mehr als fünf Jahren Arbeit.

Kenneth Branagh als "Wallander": ARD, 28. Dezember, 21.45 Uhr.

Welches Ende würden Sie empfehlen – vielleicht doch eine Schießerei mit tödlichem Ausgang?

Branagh: Jedenfalls ein überraschendes. Jemand wie er sollte nicht auf gewöhnliche Weise enden. Vielleicht nicht gerade eine Schießerei, das wäre zu profan. Aber es sollte unvergesslich sein.

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