Medien
Nachrichten aus dem Medienbereich und TV-Kritiken

Vorlesen
4 Kommentare

Piel-Nachfolge: Heftiger Streit über WDR-Intendanz

Erstellt
Tom Buhrow wird neuer Intendant des WDR. Foto: NDR
Tom Buhrow, Stefan Kürten, Jan Metzger: Einer dieser drei Männer soll zum WDR-Intendanten gekürt werden. Doch im Sender ist längst ein heftiger Streit über die Kandidaten ausgebrochen. Von skurriler Mischung ist die Rede. Der Spott ist gewaltig.  Von
Drucken per Mail
Köln

Tom Buhrow, Stefan Kürten, Jan Metzger. Seit einer Woche ist bekannt, wen die Findungskommission des WDR-Rundfunkrats ins Rennen um die Wahl zum neuen Intendanten schickt. Drei Namen, auf die wohl niemand gewettet hätte. In der Rundfunkratsitzung nächste Woche Mittwoch soll der Nachfolger von Monika Piel bestimmt werden. Doch nun wird im Haus und im Umfeld des Senders heftig darüber gestritten, ob diese drei wirklich die bestmögliche Auswahl sind. Von einer „absoluten Überraschung“ sprechen die einen. Andere werden deutlicher: „Im Sender hat es wenig Applaus für diese Auswahl gegeben“, ist aus der Führungsebene zu hören. „Eine skurrile Mischung“ sei das, auch von Resignation und schlechter Stimmung ist die Rede: „Euphorisch ist keiner.“

Es sind stürmische Zeiten für den WDR. Im nächsten Jahr stehen wichtige Wechsel in der Führungsebene an. Durch die Umstellung auf den Rundfunkbeitrag ist eine medienpolitische Diskussion in Gang geraten, an deren Ende manche das Aus für das öffentlich-rechtliche Rundfunksystem in seiner bisherigen Form prophezeien. Die Stimmung im Kölner Sender ist angespannt. Da braucht es einen starken Intendanten, der in der Lage ist, diese Herausforderungen zu meistern.

Mehr dazu

Viele bezweifeln, dass unter den drei Kandidaten der richtige zu finden ist. „Der Rundfunkrat hat seine Hausaufgaben nicht gemacht, so bringt man den WDR nicht nach vorne“, sagt einer, der sich im Sender auskennt. „Der große Wurf ist das nicht“, ist auch aus dem Rundfunkrat selbst zu hören. „Tagesthemen“-Moderator Tom Buhrow wird zwar von vielen als versierter und angesehener Journalist bezeichnet, doch fehle ihm jegliche Managementerfahrung. „Person und Amt passen einfach nicht zusammen. Er bringt nichts mit, um diesen Job zu erfüllen“, ist da zu hören. Andere sehen das positiver, seine journalistische Erfahrung befähige ihn, die richtigen Fragen zu stellen und die richtigen Leute um sich zu versammeln.

Auch Jan Metzger, Intendant von Radio Bremen, stößt auf Kritik. Er könne sich gut präsentieren, sei ein Verkaufstalent in eigener Sache, doch inhaltlich sei ja von ihm bisher nicht viel zu hören gewesen. Und die kleinste ARD-Anstalt zu leiten, die wenig eigenes Programm macht und zudem hoch verschuldet ist, reiche als Qualifikation nicht aus. Der dritte Kandidat, Stefan Kürten von der Europäischen Rundfunkunion (EBU), war selbst für viele gut Informierte eine Überraschung. „Den Namen habe ich vorher noch nie gehört“ – so oder ähnlich äußern sich viele. Manche mutmaßen auch, dass er es nur unter die letzten drei geschafft haben könnte, damit das Bewerbungsverfahren – Buhrow und Metzger wurden angesprochen – nicht nur als reine Showveranstaltung bezeichnet werden kann.

Einer, der Kürten von der EBU kennt, bezeichnet ihn jedoch als geeigneten Kandidaten. „Er ist im internationalen Geschäft sehr stark, ist gehärtet in vielen Verhandlungen. Er weiß, wie man Alliierte findet und Bündnisse schließt, und er kennt sich mit ARD und ZDF gut aus.“

Der Zeitpunkt

Die Frage, ob diese drei wirklich die besten Kandidaten sind, ist aber nicht die einzige, die zurzeit im Sender und im Rundfunkrat diskutiert wird. Viele wundern sich auch, warum die Findungskommission nun doch so schnell eine Entscheidung herbeiführen will. Dass viele Rundfunkratmitglieder sauer waren, weil sie die Namen der Kandidaten aus der Presse erfahren mussten, ist das eine. Manche Mitglieder des Gremiums sind aber auch über den Ablauf der Vorauswahl verärgert. „Bis heute wurde nicht einmal im Rundfunkrat über Namen gesprochen, und dann sollen wir nächste Woche direkt wählen. Das ist doch nicht transparent, der Vorstand entscheidet über den Kopf des Gremiums hinweg“, sagt ein Rundfunkratmitglied. Bis heute sind dem gesamten Rundfunkrat die Namen der 37 Bewerber nicht bekannt. „Die Findungskommission hat sich selbst unter Zugzwang gesetzt. Und jetzt ist sie in einer Falle, aus der sie nicht mehr herauskommt“, vermutet ein anderer.

Ruth Hieronymi, Vorsitzende des Rundfunkrats und der Findungskommission, weist die Kritik zurück: „Der Rundfunkrat ist sehr breit in der Findungskommission vertreten.“ Nun seien zudem insgesamt zwei Wochen Zeit, um über die Namen zu beraten und sich zu informieren. „Außerdem lassen wir dem Gremium wirklich eine Wahl.“ Das sei längst nicht bei jeder Intendantenwahl so gewesen. Auch die Forderung von manchen, noch einmal neue Namen zu diskutieren und die Entscheidung zu vertagen, weist Hieronymi zurück. „Wir wollen die Entscheidung nicht auf den letzten Drücker treffen.“

Das Verfahren

Auch am Verfahren gibt es Kritik. „Wenn man befürchten muss, dass der eigenen Name in der Öffentlichkeit diskutiert wird, bekommt man die Topleute nicht“, sagt einer, der schon einige Intendantenwahlen beobachtet hat. Eine Einschätzung, die Bernd-Georg Spies, Headhunter bei Russell Reynolds, bestätigt: „Wichtig sind für die Besetzung einer Spitzenposition zwei Dinge: Man muss ein klares Profil mit scharfen Konturen zeichnen – und dieses nicht zu sehr glatt schleifen –, und man muss die Namen möglicher Kandidaten mit absoluter Diskretion behandeln. Ein Headhunter nimmt eine objektive Vorprüfung vor und steht dann mit seiner Reputation für die Vorschläge. So könnte er eine Findungskommission entlasten.“ Hieronymi weiß um die Schwierigkeiten.

Sie ist um ihre Aufgabe nicht zu beneiden, darin sind sich alle Beobachter einig – bewegt sie sich doch in einem Spannungsfeld zwischen der Forderung nach Transparenz und dem Streben, die Namen möglicher Kandidaten aus der Öffentlichkeit herauszuhalten. „Man kann im öffentlich-rechtlichen System nicht eins zu eins die Folie der Privatwirtschaft anwenden, dennoch nimmt es auch im öffentlichen Raum zu, dass professionelle Hilfe von Headhuntern in Anspruch genommen wird“, sagt Spies. Ruth Hieronymi betont, die Findungskommission habe Beratung von außen hinzugezogen. Mehr wollte die Rundfunkratvorsitzende aber zu diesem Aspekt nicht sagen.

Einzelne Freundeskreise des Rundfunkrats haben sich schon getroffen, andere Beratungen stehen noch an. Eine Prognose wagt zurzeit keiner. Nur eins ist sicher: Ruth Hieronymi will der Öffentlichkeit am 29. Mai einen neuen WDR-Intendanten präsentieren.

Auch interessant
TV-Programm
Kino oder Film suchen
Suchen
Kinofilm, Schauspieler oder Regie
Kino, PLZ oder Ort

Kinoprogramm

Alle Neustarts diese Woche: Alle Filme von heute:
Kleinanzeigen
FACEBOOK