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Sexismus-Debatte: „Jauch redet das Problem klein“

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Alice Schwarzer bei Günther Jauch. Foto: dpa
Hat Deutschland ein Sexismus-Probelm? Der Wirbel um den „Herrenwitz“ war am Sonntagabend auch Thema bei „Günther Jauch“. Klar wurde an diesem Abend wenig. Außer für Alice Schwarzer: Sie sah den ARD-Mann damit beschäftigt, „das Problem klein zu reden“.  Von
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Am Ende tadelte Alice Schwarzer den ARD-Mann auf offener Bühne. Günther Jauch sei den ganzen Abend damit beschäftigt, „das Problem klein zu reden“, sagte sie. Das war nicht ganz falsch. Schlimmer jedoch ist, dass Jauch es versäumte, der Debatte über das peinliche Verhalten des FDP-Fraktionsvorsitzenden Rainer Brüderle und seine Folgen eine Struktur zu geben – unter anderem weil er stets unterschwellig und unprofessionell Partei ergriff. So misslang die Sendung, die dem „Herrenwitz“ aus der Feder der leider abwesenden „Stern“-Journalistin Laura Himmelreich gewidmet war, vollständig.

Nicht dass eine gewisse Doppelmoral der FDP-Europaabgeordneten Silvana Koch-Mehrin nicht auch hätte angesprochen werden dürfen. „Ich sehe gut aus“, hatte die Frau mit dem plagiierten Doktortitel vor Jahren dem „Stern“ gesagt und dazu ihren Bauch gezeigt. „Es wäre dumm, das nicht einzusetzen.“ Wer strategisch auf die Lüsternheit der Kerle als Treibmittel der eigenen Karriere spekuliert, der kriegt logischerweise Probleme, Lüsternheit zu kritisieren, wenn sie ihr lästig wird. Entsprechend kam Koch-Mehrin an der Stelle ins Straucheln. Und dass der „Stern“ auf das Prinzip „Sex sells“ baut, das zu dementieren gelang Chefredakteur Thomas Osterkorn ebenso wenig. Verantwortung des Moderators wäre es allerdings gewesen, die zwei wesentlichen Themen sauber voneinander zu trennen. Das misslang ihm leider komplett. Ja, Jauch hat es nicht einmal versucht.

60 000 Twitter-Meldungen binnen weniger Tage

Zunächst wäre dabei nämlich zweifelsfrei zum Vorschein gekommen, dass es sexuelle Belästigung natürlich massenhaft gibt. Die Internet-Aktivistin Anne Wiezorek stellte wohl mit Recht fest, sie habe „den Eindruck, dass viele Männer die Realität von Frauen gar nicht kennen“. 60000 Twitter-Meldungen binnen weniger Tage sprechen für sich. Alice Schwarzer –weniger bissig und damit überzeugender als sonst oft – sprach ebenfalls mit Recht von den Machtgesten der Männer gegenüber den Frauen.

Peinlich war unterdessen die in die Jahre gekommene Journalistin Wibke Bruhns. Sie fragte allen Ernstes und hielt ihren Fatalismus auch noch für ein Argument: „Wollen Sie die Leute einlochen?“ Sie meinte die Brüderles. Die Debatte über sexuelle Belästigung und mögliche Grauzonen hätte nun wirklich ein anderes Niveau verdient gehabt als das.

Das zweite Thema ist schwieriger zu handhaben, also: Wie viel Nähe verträgt der Umgang von Medienmenschen mit Politikern? Welche Berichterstattung über nächtliche Begegnungen an der Bar ist wann noch gestattet – und welche nicht? Droht am Ende gar amerikanische Prüderie? Die „Spiegel“-Journalistin Christiane Hoffmann beklagte jedenfalls, der „Stern“-Artikel werde die Arbeit von Journalistinnen und Journalisten erschweren. Das steht in der Tat zu vermuten. Aber Jauch ging auch dieser Spur nicht nach.

„Ich erfahre, dass er sabbert – sonst nix“, sagte Wibke Bruhns über das „Stern“-Porträt des Rainer Brüderle. Viel mehr, als dass es sabbert, vor allem bei Männern, hat Fernseh-Deutschland auch am Sonntagabend nicht erfahren.

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